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Egal was chunnt, es gaht immer öppis,egal ob i achum, döt wo ni ane will, aber ich weiss, das ich achum bi mine Lüt i de Kneipe.

Strassenlärm, Lichter, Gruppen von Menschen. Dazwischen ein Mann, an die Wand gelehnt, entspannt, massig, mit Bart, Baseballkappe und dicken Turnschuhen. Mit kleinen dunklen Augen beobachtet er durch seine Designerbrille das Geschehen auf der Strasse, saugt es auf, grüsst dann und wann einen Vorbeifahrenden und nimmt einen nächsten Schluck aus der Bierdose. Es ist Freitagabend, vor dem Kebabladen Aladdin an der Langstrasse, und Tinguely dä Chnächt, bürgerlich Patric Dal Farra, ganz in seinem Element. Egal was chunnt, es gaht immer öppis,egal ob i achum, döt wo ni ane will, aber ich weiss, das ich achum bi mine Lüt i de Kneipe. «Bar» heisst das neue Album des Zürcher Rappers, ein Werk, das besticht durch Wortwitz und zugleich viel über das Zürcher Nachtleben erzählt. Denn der 34-jährige Tinguely, der Bär, der Homeboy, der ehemalige Sprayer, der Dosenbiertrinker, der Bar-Hänger, Grafikdesigner und Stadtmensch reimt über sein Leben und lebt das Leben, von dem er reimt. Ein Kreis-4-Original. Eine Nacht lang haben wir uns an seine Fersen geheftet. 19.30 Uhr: Hum Records Die Reise beginnt im Hum-Records-Platten-laden an der Ankerstrasse. Er gehört dem Produzenten und DJ Reezm, der zusammen mit Crazeebo das Soundgewand auf Tinguelys Album gestrickt hat. Hier, wo Tinguely Stammgast ist, zwischen Plattengestellen und Rap-T-Shirts, stehen auch nach Feierabend noch junge Männer herum, tauschen sich über Konzerte aus, besprechen neue Platten und klopfen Sprüche. Auch Skor ist mit von der Partie, Tinguelys Rapper-Freund und Bühnenpartner, ein junger Mann mit stattlicher Postur, Wuschelkopf, Trainerhosen und irrem Blick. Gemeinsam haben Tinguely und er im Sommer ein Konzert auf der Fritschiwiese gegeben, vor mehreren Hundert Leuten. Sie sind feste Grössen in der Zürcher Rap-Szene. Der eine ist ruhig und zurückhaltend, der andere ungestüm und sprudelnd, beide sind sie treffsicher in ihren Aussagen. Ihr erstes gemeinsames Album soll im nächsten Frühling erscheinen. «Es muss rau werden und ungeschliffen», sagt Skor, der auch auf «Bar» in einem Song mitrappt. 20.30 Uhr: bei Sterneis Die Beats für dieses nächste Album holt man sich beim Produzenten Sterneis. Der versorgt die Rapper im Quartier rund um die Langstrasse schon seit beinahe 20 Jahren mit rauen und beseelten Beats. Die Züri-Slang-EP, worauf Big Zis und Bligg Ende der 90er-Jahre schon reimten, trägt ebenso seine Handschrift wie einige Stücke der Südkurven-Rapper Radio 200000 oder des Zürcher Rap-Urgesteins EKR. In der Wohnung von Sterneis herrscht das, was man gemeinhin kreatives Chaos nennt: Überall im Raum stapelt sich das Vinyl, und auf dem Pult stehen Plattenspieler, Mischpult, Computer und Boxen. Unzählige Kabel lugen hervor. Hier, in diesem verrauchten Arbeitszimmer im Kreis 4, horcht man an diesem Freitagabend gespannt den pumpenden Rhythmen und trinkt im Viervierteltakt Bier aus der Dose. Tinguely und Skor nicken, vereinzelt purzeln Reime durch den Rauch, Wortspiele ergeben sich wie von selbst. Bier wird zu Goldwasser, Parisienne heisst rückwärtsgelesen Enne isi Rap, und Tinguely gibt sich Künstlernamen wie Tschingg Tony, Frank Grappa oder Billy Eitel. Es wird viel gekichert. «Manche Ideen entstehen durch reines Herumgeblödel, manchmal ergibt sich daraus ein ganzer Text», sagt Tinguely. Auch die Schweizer Hitparade ist ein Thema, halb im Ernst, halb im Witz. Obs für eine Topplatzierung für «Bar» reicht? Tinguely zuckt mit den Schultern: «Bligg kommt mit seinem Album ebenfalls dieser Tage raus, und Steve Lee verstopft mit Best-of-CDs die Charts.» Fünfzehn Beats suchen Tinguely und Skor nach zwei Stunden aus. Sie dürfen sie gratis mitnehmen, Sterneis verfügt über eine Sammlung von mehreren Hundert. «Im Rap-Geschäft macht man auch mal was nur für Ruhm und Ehre», sagt Tinguely. Bisher verdienen Tinguely und Skor ihr Geld nicht mit der Musik, sondern im Club. Der eine bedient in der Zukunft die Kasse, der andere steht am Eingang. «Man hat mich hier angestellt, weil ich einschätzen kann, wer Probleme macht und wer nicht», sagt Skor. Er entscheidet, wer in den Club darf und wer draussen bleiben muss. Manchmal schickt er Leute weg. «Heute wird es nichts mehr für euch», sagt er dann in ruhigem Ton und wendet sich ab. Selten macht einer Probleme, und wenn doch, ist das Securitypersonal zur Stelle. «Der Club will etwa gleich viele Männer wie Frauen auf der Tanzfläche, und keine Besoffenen. Vor allem aber Leute, die die Musik zu schätzen wissen», erklärt er. Deshalb spricht er anfangs auch ein paar Worte mit den Wartenden in der Schlange. Seine Fähigkeit, die nächtliche Spreu vom Weizen zu trennen, habe er nicht im Seminar für Securityfachleute gelernt, sondern auf der Strasse, sagt er. Man glaubt ihm. Geht er durch die Gassen, rufen Jungs seinen Namen, wartet er an einer Strassenecke, begrüssen ihn die Mädchen mit Küssen, will er in den Club rein, lässt man ihn gewähren. «Diese drei gehören zu mir», sagt er dann. Das geht klar. Tinguely nennt Skor einen Player – einen, der sich nicht scheut, mit seinen Heldentaten zu prahlen – und findet, sein sechs Jahre jüngerer Freund müsse lernen, sich mehr in Demut zu üben. Skor widerspricht nicht. Tinguely selbst bedient im Club die Kasse ein paar Treppenstufen weiter unten und beantwortet die immer gleichen Fragen: «Kommen wir mit der Legi günstiger rein?» «Bin ich auf der Gästeliste?» Auch das ist ein gefundenes Fressen für den sprachwitzigen Rapper: «Kommen wir mit Leggins günstiger rein?» «Bin ich auf der Gangsterliste?», witzelt er den Gästen hinterher. Und wenn einer abzottelt, meint er dann: «Hätt mi greut.» 22 Uhr: Bar 3000 Im Quartier rund um die Langstrasse drängen an diesem Freitagabend Menschen über die Gehsteige. Gedrungene, kahle Männer verschwinden mit Mädchen mit grossen Hinterteilen in Hauseingängen, Männergruppen stehen an Häuserecken. Auch vor der Bar 3000 an der Dienerstrasse verstopfen Menschen das Trottoir. Der eine oder andere grüsst, man kennt Tinguely und Skor. Ein Mann mit Tattoos am Hals und Hund an der Leine kommt vorbei und berichtet vom Thaiboxtraining. Fragt Tinguely, ob er mitmachen wolle. Er entblösst seine Schulter und zeigt Bisswunden, die ihm am Nachmittag ein Hund zugefügt hat. Die Rapper wimmeln ihn ab. Martin Geisser stösst zur Truppe, er ist der Betreiber des Independent-Labels Bakara Music, auf dem Tinguelys neues Album erscheint. Geisser kommt grad vom Presswerk, er trägt das «frische» Werk bei sich. Er überreicht Tinguely ein Exemplar, man prostet sich zu, spricht über die Release-Party vom 30. Oktober im Club Zukunft. Das Albumcover ziert ein junger Mann mit Schlaghosen, Haartolle und Gitarre. Es ist Tinguelys Vater, wie er als 18-Jähriger posiert, damals noch in seiner Heimat nahe Venedig. Ihm ist das Album gewidmet, er ist vor fünf Jahren an Krebs gestorben. Auch Tinguelys Mutter starb an Krebs. Ein Hauch von Melancholie mischt sich ins Nachtleben. Tinguely ist nicht nur für seine originellen Wortschöpfungen bekannt, auch für seine Trauer findet er Worte. «Vieles musste raus», sagt er. Das für ihn wichtigste Stück auf dem Album heisst deshalb «Übers Ändi us», es handelt von einer Flasche Schnaps, die sein Vater bis zur Hälfte getrunken, und die der Sohn nach seinem Tod ausgetrunken hat. Es ist eine Soulnummer, mit Streichern und Orgel. Tinguely rappt mit warmer Stimme: «Und irgendwänn nimi es Glas und trink die Fläsche bis zum Ändi us / im Wüsse, dass i die Fläsche trunke han / übers Ändi us.» «Dein Vater wäre stolz auf dich», sagt Skor. «Er hätte es wohl nicht verstanden», entgegnet Tinguely. Attribute des Gangster-Rap wie Gold-zähne, barbusige Frauen oder funkelnde Felgen sucht man auf dem Albumcover vergebens. Da ist nur der Rock-’n’-Roller. Das passt: Denn letztlich ist Tinguely mehr Stadtnomade als Homeboy. Er hält sich nicht allzu streng an die Konventionen des Rap. Lieber reflektiert er in seinen eigenen Worten die Welt, in der er lebt. Er nennt den Schriftsteller und Säufer Charles Bukowski als prägenden Einfluss: «So wie er sein Leben in Worte zu fassen vermochte und gleichzeitig konsequent das Leben lebte, von dem er schrieb, das find ich beeindruckend», sagt er. Tinguely dä Chnächt als Gesamtkunstwerk also? «In einem gewissen Sinn ja, Kunst passiert ja auch auf der Strasse und nicht im Museum», sagt er. Sicher ist Tinguelys Leben in der Schweiz nur in einer Stadt wie Zürich denkbar; nur hier haben die Kneipen bis frühmorgens geöffnet und ist auch wochentags in den Clubs mehr los als in anderen Städten an einem ganzen Wochenende. 24 Uhr: Stray Cats Zwischenstopp in der halb leeren Stray-Cats-Bar, eingangs der Langstrassenunterführung. Zu viert sitzt man am Tresen, aus den Lautsprecherboxen erklingt Van Morrisons schmachtende Ballade «It’s All Over Now, Baby Blue». Wenige Lie-der würden jetzt besser passen. Für wen macht Tinguely eigentlich Platten?» Die Antwort des Bohemien Tinguely dä Chnächt: «Für alle, die am Donnerstagabend noch um 3 Uhr im Club feiern, weil sie nicht aufstehen müssen. Für all die Nachtmenschen, die den Moment kennen, wenn man morgens aus dem Club tritt und die ersten Mensch auf dem Weg zur Arbeit antrifft. Für alle, die sich ärgern, wenn der Schrei ‹Letschti Rundi› durch die Bar gellt. Für alle, die Zürich lieben, so wie ich.» So wie er es auch im Lied «Letschti Rundi» beschreibt: «Es git Nächt, die bliibed ewig jung, Und wänn die erschte Laschter fahred und die erschte Vögel zwitscheret, gsesch de Chnächt inere Bar mit es paar Vögel no eis zwitschere.» Es gibt auf die Frage nach dem Publikum auch eine zweite Antwort, jene des Menschen Patric Dal Farra: «Manche erzählen mir, dass sie meine Platte mit in die Ferien genommen hätten, andere hören sie vor dem Einschlafen. Beides freut mich sehr.» An seinem Sprachwitz feilt Tinguely seit Ende der Achtzigerjahre. Mit Freunden aus dem Fussballklub Kilchberg-Rüschlikon hat der Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Bündnerin erstmals die Platten von EKR oder Black Tiger gehört und gemerkt, dass man durchaus in Dialekt rappen kann. Aus dieser Zeit stammt auch sein kryptischer Name. Dessen Ursprung mag er allerdings nicht preisgeben. «Die meisten meiner Freunde waren Secondos, unsere Vorbilder waren die Rapper der Ostküste», sagt er. Als er Anfang zwanzig war, zog es Tinguely in die Stadt, wo er gemeinsam mit seinem Rap-Partner Dior unter dem Namen SLM 52 eine erste Platte veröffentlichte. Gleichzeitig studierte er an der Kunstschule in Luzern Grafikdesign. Das entsprechende Diplom erwarb er 2005. Auf dem Beruf arbeitete er indes nie. Sein erstes Solo-Album «Mis Bier» erschien im selben Jahr. 2007 verbrachte er ein Stipendiumsemester in New York. Seither zieht er in Zürich durch die Bars, holt sich dort Inspiration für seine Texte, jobbt im Club Zukunft und schreibt viel. «Früher habe ich von sieben Uhr abends bis zwei Uhr nachts geschrieben und bin dann noch raus. An die Tankstelle oder in die Bar.» Heute schreibe er mehr tagsüber, sagt der Rapper. 1 bis 6 Uhr: Thai-Thai, Hive, Cabaret, Zukunft Der Bass pumpt bis nach draussen. Am Eingang umarmt Skor den Türsteher. Später wird er im Hive das Mikrofon zur Hand nehmen und die Musik der DJs MT Dancefloor und Malik mit Sprechgesang garnieren. Die Menge geht mit, die Nacht pulsiert. Tinguely steht derweil auf der Tanzfläche, etwas zu alt und zu wenig aufgetakelt für den Club. Er nippt an seinem Getränk und beobachtet die Szenerie. Wie lange will er dieses Leben noch führen? «Für mich passt das grad so, man weiss aber nie, wie sich das Leben ändert.» «Villich bini bald wie iähr, mit emene Wecker stahni vor diähr immer pünktlich und usgschlafe am Fritig gits eis Bier // nüme schribe bis am Morge und am vieri dänn go penne», rappt er im Stück «Wie iähr». Vom einen Club gehts in den nächsten: Thai-Thai, Hive, Cabaret, das Getöse bleibt das Gleiche. Als um sechs Uhr der Schreibende die Szenerie verlässt, machen sich die anderen auf in Richtung Club Zukunft. «Wir sind dann erst richtig in Schwung gekommen», werden sie am nächsten Tag berichten. Dort haben sie miterlebt, wie die letzte Runde ausgerufen wurde, um später auf die von der Nacht gezeichneten Strasse zu treten, um den einen oder anderen neuen Reim reicher. Kei Ahnig ob i achum, deet won i ane will, aber ich weiss, dass i achum bi mine Lüt i de Kneipe. / Kei Morge-Show / Das isch Bar Musig bro-hou. Warten auf die «letschti Rundi»: Skor und Tinguely im Club Zukunft. Zwei feste Grössen in der Zürcher Rap-Szene: Tinguely (l.) und Skor. «Kunst passiert auf der Strasse, nicht im Museum»: Rapper Tinguely über seine Inspiration. Nachtmensch, Stadtnomade, Bar-Hänger: Tinguely dä Chnächt unterwegs an der Langstrasse.

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