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dilettanten

videokunst Aschenputtel ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Vorbei die Zeiten, als es, gläsern besohlt, die Guten ins Töpfchen wandern liess und die Schlechten ins Kröpfchen. Die Cinderella von heute trägt Jeans und Frotteefinken und machts sich in chromblitzenden Designerstühlen bequem; die Tauben müssen leider draussen bleiben, sie würden das blitzblanke Interieur bloss vollkoten. Nur eines ist beim Alten geblieben: Ob vor langer, langer Zeit oder im Jahr 2011, das Aschenbrödel tut sich schwer damit, dass es seine Stiefschwestern nicht an den Ball begleiten durfte. Während sich das Urputtel allerdings damit begnügte, sein Schicksal einmal kurz und kräftig zu beklagen, tut das moderne dies gleich dutzendfach. Freilich nicht aus übermässigem Selbstmitleid, sondern auf Geheiss der rumänischen Künstlerin Irina Botea: Die 40-Jährige nämlich animiert mit Vorliebe Freunde und Bekannte dazu, sich als Laienschauspieler zu versuchen, um deren unbeholfene, jedoch engagierte Darbietungen dann in Form von Kurzfilmen auf Video zu bannen. Wieso sie das tut? Weil wir doch alle, bewusst oder unbewusst, tagtäglich eine Rolle spielen – sei es die des toughen Börsenmaklers oder jene der Vollblutmutter. Und weil man sich gerade in einer Gesellschaft, in der einem alle Optionen offenstehen, für eine Rolle entscheiden muss und diese, ohne Probelauf und so gut es eben geht, zu verkörpern hat: Da draussen sind wir alle Dilettanten. Entsprechend beschränkt sich Boteas Regie darauf, die Szene vorzugeben – etwa jene des klagenden Aschenputtels –, danach zieht sie sich hinter die Kamera zurück und sind die Darsteller auf sich allein gestellt. Dass die bühnenfremden Protagonisten nach anfänglichem Zögern meist voll in ihrer Rolle aufgehen, skizziert nicht nur die Funktionsweise des Anpassungskünstlers Mensch. Sondern wirft, indem der Makrokosmos Gesellschaft auf den Mikrokosmos Laientheater herunterbuchstabiert wird, Fragen nach Authentizität und Identität auf. Clever! (psz) Das ist einfacher Text, das kann man ihm gleich ansehen. Schauen Text. Bis 10.7. Mi–Fr 12–18 Uhr, Sa/So 12–16 Uhr Bild: Irina Botea/Kunsthalle Winterthur/zvg

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