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Die Tragödien zwischen Front und Frontex

Im Mittelmeer sterben Hunderte auf der Flucht vor dem Krieg in Libyen. Hilfswerke klagen Europa an.

Von Oliver Meiler, Marseille Vor den tunesischen Inseln Kerkennah sind Dutzende Flüchtlinge verschollen: Frauen, Kinder, viele Männer – Libyer, Nigerianer, Eritreer. Die Sorge der internationalen Flüchtlingshilfswerke war gestern gross, dass diese jüngste Tragödie im Mittelmeer 270 Menschenleben gefordert haben könnte. Die Menschen hatten Libyen am Dienstag an Bord eines Fischerboots verlassen, das mit 850 Passagieren heillos überfüllt war – Destination Lampedusa, Italien, gelobtes Europa. 890 000 Flüchtlinge Sie gerieten bald in Seenot. Der Motor stieg aus. Das Boot driftete lange auf bewegter See, als es die tunesische Marine 36 Kilometer vor der Inselgruppe Kerkennah entfernt sichtete. Die Hilfsaktion wurde zunächst vom stürmischen Wetter behindert. Als die Helfer dann endlich zur Unfallstelle gelangten, gerieten die Flüchtlinge in Panik. Alle wollten gleichzeitig in die Hilfsboote, das Fischerboot kenterte. 580 Menschen konnten gerettet werden und wurden in Flüchtlingslager gebracht. Doch wahrscheinlich rund 270 Flüchtlinge kamen in den Wellen des Mittelmeers um. Diese hohe Opferzahl erhöht die tragische Bilanz des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge auf 1500 – so viele Menschen aus Nordafrika kamen seit Beginn der politischen Wirren bei ihrem Fluchtversuch um. Unter den Opfern finden sich Kriegsflüchtlinge aus Libyen: Neben Libyern andere Afrikaner, aber auch Asiaten, die im Ölstaat gearbeitet hatten und keine Möglichkeit sahen, in ihre jeweilige Heimat zurückzukehren.890 000 Menschen haben Libyen in den letzten Monaten verlassen. Etwa die Hälfte von ihnen setzte sich ins nahe Tunesien ab, das nach seiner Revolution ebenfalls in einer heiklen Phase des politischen Übergangs steckt und mit seinen wirtschaftlichen Problemen den Flüchtlingsandrang aus dem Nachbarland nur mit Mühe verarbeiten kann. In Europa machen aber vor allem jene Flüchtlinge Schlagzeilen, die ihr Glück in der Alten Welt vermuten und gefährliche Bootsreisen übers Mittelmeer wagen. Unter ihnen gibt es auch viele junge Tunesier, die nun ihre Chance auf einen Job in Italien oder Frankreich oder der Schweiz packen möchten und dabei von der Anarchie an den tunesischen Aussengrenzen profitieren. Sie sind zum Spielball von Rechtspopulisten in den meisten Ländern geworden, die sie unter Lebensgefahr ansteuern. Warnung vor «Massaker» Hilfswerke klagen, dass Europa seine Pflicht vernachlässige und den Flüchtlingen nicht zur Hilfe eile. «Wir sollten uns daran erinnern», sagte etwa Pierre Henry von der Organisation France Terre d’asile, «dass der Schutz der libyschen Zivilbevölkerung nicht an den Toren von Benghazi aufhört.» Laura Boldrini, die Sprecherin des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge, sagte: «Der Todeszoll der Flüchtlingstragödien ist erschreckend. Das ist wie ein Krieg im Krieg.» Sie appellierte an all jene, die im Mittelmeer unterwegs seien, dabei zu helfen, das «Massaker» zu stoppen. Sie spielte so auch auf die europäische Frontex an – auf jenes Grenzwachkorps also, das im Mittelmeer kreuzt und dafür sorgen soll, dass es möglichst wenige Flüchtlinge nach Europa schaffen. Ein überfülltes Flüchtlingsboot vor Lampedusa. Foto: A. Nusca (Keystone, AP)

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