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Die Täufer des Krieges

«Odyssey Dawn» Der Name der Militäraktion ist weit hergeholt. Von Oliver Meiler Man möchte ja gerne mal dabei sein, wenn sie in den Kabinetten der Macht, den Generalsstuben und den mehr oder weniger ovalen Büros dieser Welt über den Namen für militärische Operationen brüten. Die internationale Intervention in Libyen trägt den recht poetisch und seefahrerisch anmutenden Namen «Odyssey Dawn» (franz. «L’Aube de l’Odyssée») – «Morgengrauen der Odyssee» also. Da es sich um eine Kampagne aus der Luft handelt, geprägt von Kampfjets und Raketenfeuer, hätte statt Homers Odysseus vielleicht ein Begriff aus der Mythologie rund um Ikarus besser gepasst. Doch wahrscheinlich hätte Ikarus’ Ende nicht die gewünschte Botschaft transportiert. Man darf sich aber auch fragen, warum sich der Westen, der Muammar al-Ghadhafi sehr schnell unschädlich machen will, sich ausgerechnet auf eine lange, lehrsame, irrlichternde Odyssee machen will und sich dabei erst im Morgengrauen wähnt. Ist etwa das die passende Metapher? Oder ist es gar eine ungewollt prophetische? Die Täufer des Kriegs, zumal die amerikanischen, verfolgen mit den Namen mehrere Ziele. Es sind eigentliche Slogans, die dann rot hinterlegt jeweils als Textzeilen auf dem Nachrichtensender CNN zu sehen sind – gleich neben dem Erkennungszeichen für «Breaking News». Nicht selten hören sich die Namen wie Titel von Hollywoodfilmen an und sollen den Feind möglichst einschüchtern. Man erinnere sich zum Beispiel an Ronald Reagans Invasion auf der kleinen Insel Grenada, «Urgent Fury» (1983), «Dringliche Wut». Oder an Lyndon B. Johnsons Vergeltungsschlag «Flaming Dart» (1965), «Flammender Pfeil», in Vietnam. Oder an George Bush seniors «Desert Storm» (1991), «Wüstensturm», im Golfkrieg. Name dient als Rechtfertigung Manchmal scheint es aber viel wichtiger zu sein, eine Militäroperation vor der Weltöffentlichkeit (oder zumindest vor dem eigenen Volk) mit einem hehren Namen zu rechtfertigen. George W. Bushs umstrittene Invasion im Irak «Iraqi Freedom» (2003), «Irakische Freiheit», suggerierte, die USA würden die Iraker vom Joch der Diktatur befreien, obschon sie vor allem an ihre eigene Freiheit dachten. Barack Obama entliess den Irak dann in einen «New Dawn» (2010), eine «Neue Morgenröte» also, als wäre der Einsatz ein Erfolg gewesen. Bill Clintons Operation «Restore Hope» in Somalia (1993) hörte sich auch schön an, war aber alles andere als ein Gewinn an Hoffnung. Vielleicht wäre es gescheiter, Kriege möglichst nüchtern zu benennen – oder am besten gar nicht. Das schützt vor schiefen Metaphern und leerenVersprechen.

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