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Die Schweiz in Nahaufnahme

Der Film «Unser Garten Eden» zeigt die Schweiz im Kleinformat. Er spielt in den Schrebergärten von Bern-Bümpliz.

Von Melanie Pfändler Uster – Was darf man von einem Film erwarten, der in einer Schrebergartensiedlung spielt? Einen Big-Brother-artigen Blick über Nachbars Hecke? Harmonischen «Musikantenstadl»-Groove? Oder vielleicht geballte Action unter dem Motto «Kampf der Gartenzwerge» oder «Das Gartenscherenmassaker»? Mit «Unser Garten Eden» ist dem kurdischstämmigen Regisseur Mano Khalil etwas viel Grösseres gelungen. Neunzig Minuten lang beobachteten die Zuschauer gestern Morgen im Qbus das bunte Treiben in den Schrebergärten von Bottigenmoos – doch was sie sahen, war nicht nur eine Grünfläche in der Nähe von Bern-Bümpliz, sondern ein Spiegel der heutigen Schweiz. Und ein überaus unterhaltsamer noch dazu: Widerspenstige Gartengeräte sorgen für Slapstick-Elemente; zwischen Tomatenstauden und Salatsetzlingen werden Intrigen gesponnen wie in einem Shakespeare-Drama, und wenn eines Nachts ein Zwiebelbeet leer geräumt wird, geht es in Bottigenmoos plötzlich zu und her wie in einer «Tatort»-Folge. Ein Paradies in Bümpliz Der Film lebt in erster Linie von der Vielfalt der dokumentierten Charaktere: Da wäre etwa der Berlusconi-Anhänger Giuseppe, Präsident des Kleinstaates Bottigenmoos, der über ein enormes Selbstvertrauen und ein Faible für extravagante Krawatten verfügt. Gemeinsam mit seiner platinblonden First Lady sorgt er für Ruhe und Ordnung und scheut dabei nicht den Vergleich mit grossen Staatsmännern: «Eigentlich mache ich meine Sache besser als Bush oder Obama», erzählt er nachdenklich, «schliesslich regiere ich hier über 28 verschiedene Nationen.» Zudem habe es während seiner Amtszeit noch keine Revolutionen oder Attentate gegeben. Solche erheiternde Szenen gibt es im Film zuhauf. Und obwohl die Komik nicht immer ganz freiwillig entsteht, zieht Mano Khalil die Porträtierten niemals ins Lächerliche. Freundschaft, Respekt und Toleranz – diese drei Begriffe hätten ihm als Leitfaden gedient, erzählte Khalil in der nachfolgenden Podiumsdiskussion. Sein Rezept hat sich bezahlt gemacht: Während der zweijährigen Dreharbeiten entlockte er den Schrebergärtnern so manches intime Bekenntnis. «Unser Garten Eden» offenbart nicht nur kleine Momente des Glücks, sondern wirft auch einen Blick in die Abgründe des Alltags. Im Verlauf des Film beginnt die heile Heimatfilm-Fassade immer mehr zu bröckeln. Das polnische Ehepaar, das am Anfang so fröhlich und sympathisch in die Kamera lacht, steckt in einer tiefen Ehekrise, der serbische Bauarbeiter versucht, auf seiner Garteninsel seine 40-Stunden-Woche zu vergessen, und die beiden pensionierten Schweizer Brüder, die sich jeden Abend auf ein Bier treffen, wünschen sich nichts mehr als naturverbundene Ehefrauen. Khalils Motivation für dieses ungewöhnliche Gesellschaftsporträt gründet in den Erfahrungen, die er selbst als Schrebergärtner in Bottigenmoos gesammelt hat: «Als ich die Siedlung zum ersten Mal betrat, konnte ich meinen Augen kaum trauen. Da wehten doch tatsächlich eine türkische, eine griechische und eine kurdische Fahne nebeneinander.» Bis zu diesem Zeitpunkt habe er das für unmöglich gehalten. «Auf ihrem eigenen Territorium schaffen es diese drei Völker nicht, den Dialog zu finden – und in Bern grillieren sie miteinander.» Auch der zweite Podiumsgast, der ehemalige Ustermer Gemeinderat Laurenz Steinlin (SP), ist passionierter Schrebergärtner. Er unterhielt das Publikum mit Anekdoten aus seiner langjährigen Gemüsezüchterkarriere, verteilte grosszügig Tipps und Tricks und philosophierte über die Zubereitung der perfekten Kürbissuppe. Die nächste Film-Matinée im Qbus findet am 24. Oktober statt. Gezeigt wird der Film «Zimmer 202» über den Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel.

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