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Die S-Bahn ist sensibler als wir meinenDie S-Bahn ist sensibler, als wir meinen

Seltsame Durchsagen aus dem Lautsprecher Jürg Rohrer Durchsagen?In Zürcher Zügen ertönt Seltsames aus dem Lautsprecher.Von Jürg Rohrer Den Wandersmann aus der Stadt zog es jüngst ins schöne Wägital, wohin ihn die S 2 bis Siebnen-Wangen fahren sollte, wo dann aufs Postauto gewechselt wird. Alles in allem eine 70-minütige Fahrt von der urbanen Enge bis ins alpine Innerthal – ein vorzügliches Zeit-Landschaft-Verhältnis. Der Wanderer, nur selten mit der S-Bahn unterwegs, fährt gut gelaunt und sorgenfrei. Kurz vor Pfäffikon die Durchsage: «Pfäffikon. Dieser Zug fährt weiter als S 2 nach Ziegelbrücke.» Als S 2! Als was denn sonst? Als Güterzug? Als Trans-Europa-Express? Man ist ja nur deshalb in diesen Zug eingestiegen, weil drauf stand: S 2 und Ziegelbrücke. Halten die SBB und der Zürcher Verkehrsverbund ihre Fahrgäste für dement? Für sturzbetrunken? Oder einfach nur für halbschlau? Vermutlich Letzteres, denn sie duzen ja auch alle Fahrgäste: «Damit du da bist, wo dein Tag ist.» «Halten Sie mich für halbschlau, Herr Pallecchi?» «Im Gegenteil, Herr Rohrer», versichert der SBB-Sprecher, «die Nennung der S-Bahn-Linie ist eine Dienstleistung, eine Erinnerung für Fahrgäste, die aus irgendwelchen Gründen nicht sicher sind. Die einen sind vielleicht überhastet eingestiegen, andere konnten die Nummer wegen Sehschwäche nicht gut lesen. Die Durchsage erfüllt so auch die Anforderungen des Behindertengleichstellungsgesetzes.» «Löblich, Herr Pallecchi, aber warum gibts dann diese Durchsage nicht an jeder Haltestelle? Es wirddoch überall überhastet eingestiegen. Und weil die Leute dauernd auf ihr iPhone starren, sind sie auch irgendwie sehgeschwächt.» Daniele Pallecchi: «Die Durchsagen kommen nur an bestimmten Orten zum Einsatz: auf allen S-Bahn-Linien, die in den HB, in Winterthur und in den Flughafen einfahren. Zudem vor wichtigen Verzweigungen und Abzweigungen, die zu Unsicherheiten führen könnten. Zum Beispiel das von Ihnen erwähnte Pfäffikon. Auch ist die Durchsage auf jenen Linien zu hören, auf denen der Endbahnhof ändert (S 3 oder S 6) oder wo die Zugnummer beim Wechsel ins ZVV-Nachtnetz ändert.» Schön und gut. Doch warum heisst es: «Dieser Zug fährt weiter als S 2 nach Ziegelbrücke»? Warum nicht viel klarer und einfacher: «Diese S 2 fährt weiter nach Ziegelbrücke»? So wie die freundliche Durchsage nach der Abfahrt im HB ja auch lautet: «Wir begrüssen Sie in der S 2» und nicht: «Wir begrüssen Sie in der als S 2.» Daniele Pallecchi: «Die Stimme kommt aus einer für die ganze Schweiz verwendeten Datenbank mit entsprechenden Textbausteinen. Die gewählte Formulierung ermöglicht es uns, einen Grundtext für alle Situationen zu nutzen und situativ an immer der gleichen Stelle im Satz zu ändern. Beispiel S 7 wechselt ins Nachtnetz:‹Dieser Zug fährt weiter als SN 7.› Oder bei einem Wechsel auf eine unnummerierte S-Bahn, zum Beispiel Einschaltzüge während der Rushhour:‹Dieser Zug fährt weiter als Regionalzug.› Auf diese Weise haben wir keine ins Unzählbare ausufernden Spezialfälle, die jeder für sich einzeln separat gesprochen und programmiert werden müssten.» Will der Zug gar kein Zug sein? Alles Pallecchi also, denkt der Wandersmann. Doch lässt ihm dieses «als S 2» keine Ruhe und begleitet ihn den ganzen Weg hoch an den Fuss der gewaltigen Bockmattli-Türme. Das «als» deutet ja immer auf eine Rolle hin: ich als SBB-Kunde, als Steuerzahler, als Schwarzfahrer. Das «als» meint eine Funktion und sagt damit auch, dass es hinter der Funktion noch mehr gibt – hinter dem Schwarzfahrer den ganzen Menschen in seiner Bedürftigkeit. Gibt es also auch eine ganze S-Bahn? Was ist der Kern des Zuges, wenn er nicht «als S 2» unterwegs ist? Die S 3? Aber auch das ist ja nur eine Funktion. Sind diese Züge nur dann ganz bei sich, wenn sie keine Linie befahren? Wenn sie nicht als S-Bahn funktionieren müssen? Wären sie lieber auf der Gotthard-strecke? Oder möchten sie einfach nur stillstehen, gar kein Zug sein? Ein Zug, der nicht Zug sein will, ist auf jeden Fall ein Wesen, das komplexer, sensibler und eigenwilliger ist, als wir bisher angenommen haben. Das erklärt letztlich die vielen Aussetzer der S-Bahn – die Türklemmer, Leitungsdefekte und Lokstillstände. Existenzialismus im Stossverkehr: «Dieser Zug fährt weiter als S 15 nach Rapperswil.»Foto: Nicola Pitaro

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