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Die Predigt ist zu lang und die Musik zu alt

Eine Expertenrunde ist in der Vogtei Herrliberg der Frage nachgegangen, warum sich die Kirchen leeren.

Von Frank Speidel Herrliberg – Wäre die Kirche jeweils so voll wie die Trotte der Vogtei Herrliberg an diesem Abend, der Pfarrer würde sich die Augen reiben. An die hundert Leute haben dort am Montag einer Expertenrunde zugehört, die nach Gründen dafür suchte, warum die Schweizer Landeskirchen konstant Mitglieder verlieren. Der Theologieprofessor Thomas Schlag stellte die heutige Form des Gottesdienstes mit den langen Predigten infrage: «Keine andere Institution traut sich einen 25-minütigen Vortrag zu halten, der für alle Schichten gedacht ist.» Kritisch hinterfragt wurde auch die Atmosphäre in der Kirche als Ganzes. Die Botschaften des Pfarrers müssten verständlich sein und bei den Kirchenbesuchern ankommen, sagte Pfarrer Andrea Bianca. Deshalb sei es wichtig, dass auch Mundart gesprochen werde in Gottesdiensten. Ein weiterer Faktor sei die Musik. Bianca zweifelt daran, dass es sinnvoll ist, für Gottesdienste musikalisch auf ein 500-jähriges Repertoire zurückzugreifen. Sein oder shoppen? Der Religionssoziologe Jörg Stolz kam auf die «Distanzierten» zu sprechen. Leute, die zwar immer noch Mitglieder der Kirche sind, Gottesdienste aber nur noch für Konfirmationen oder Hochzeiten besuchen. Ob diese ausserhalb der Kirche Sinnstiftendes fänden, wollte der Moderator wissen. Stolz glaubt nicht, dass sich die Menschen über den Sinn des Lebens den Kopf zerbrechen. Die meisten beschäftigten sich häufig mit viel banaleren Fragen wie: «Wo soll ich einkaufen gehen?» Oder: «Ob das Wetter heute schön bleibt?» Sinn suchen auch jene Leute, die sich mit ihren Fragen dem Psychoanalytiker Peter Schneider anvertrauen. «Warum kommen diese Leute zu Ihnen?», wollte der Gesprächsleiter wissen. Viele seien einfach neugierig, sagte Schneider. «Die wollen mehr über sich selbst erfahren.» Er selbst ist einer, der schon lange nicht mehr in der Kirche war. Das müsse mindestens zehn Jahre her sein, sagte er.Das Interesse am Glauben sei bei den meisten Menschen noch da, sagte Andrea Marco Bianca trotzdem. Darauf deutet auch eine Feststellung von Stolz hin: Befragungen zeigten, dass viele Leute beteten. Darunter auch solche, die kaum freiwillig einen Gottesdienst besuchen würden – wie zum Beispiel jener fussballverrückte Konfirmand, der Bianca fragte, ob es okay sei, wenn er für eine siegreiche Schweizer Mannschaft bete. «Damit die Schweiz gewinnt, muss man aber», meinte Schlag lachend, «schon ziemlich fest beten.»

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