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Die Herkuleskeule schlägt mit neuem Budenzauber zu Saisoneröffnung nach dem Umbau im Theater Stadelhofen Ton Koopman als Dirigent, Cembalist und Organist

Kurz & kritisch Kabarett Zürich, Miller’s Studio – Krawumm! Es kracht, wenn die Herkuleskeule zuschlägt, besonders in ihrem neuen Programm «Budenzauber», das nun seine Schweizer Premiere ins Miller’s hineinhaute. Denn da taucht alle naselang ein Sprengmeister (ein wandelbarer Erik Lehmann) auf und knallt weg, was von den Hoffnungen auf «blühende Landschaften im Osten» noch da ist: Fabrikgerippe, Bürogebäude und sogar die geschützten Elbwiesen am Dresdner Waldschlösschen. Alles geht unter, nur die Loser bleiben übrig: So wars schon immer, und so wirds auch immer sein, erzählen uns die Ex-Putzfrau (Bühnentier Birgit Schaller) und der Ex-Pförtner (ursächsisch: Rainer Bursche), die man schlicht vergessen hat bei der Abwicklung. Frau Merkel erinnert aus dem Off an die Wirtschaftskriegsopfer, die Putzfrau singt «Kauft euch ’nen Sarg», und der Pförtner baut seine Bude um – zum Telefonhäuschen, wo keiner telefoniert; zum Imbissstand, wo keiner sich was kauft. Kurz: Die Diktatur war fies, der Kapitalismus ist schlecht, doch dem kleinen Mann bleibt wenigstens sein Maul. Seit 49 Jahren drischt das renommierte Dresdner Ensemblekabarett mit wechselndem Personal auf die Missstände im Land ein – auch im Miller’s gastierten sie noch vor der Wende, der Tourbegleiter war ein Stasimitglied –, und der Systemwechsel hat die Truppe keineswegs zum Schweigen gebracht. Auch in «Budenzauber» setzt der langjährige Künstlerische Leiter Wolfgang Schaller als Regisseur aufs plakativ Plastische. Der smarte Erotik-Center-Manager etwa wirbt die arbeitslosen Muttis im Osten an: «Wollte ich Frauen versklaven, würde ich kein Bordell hinbauen, sondern einen Lidl.» Und die Putzfrau poliert von der Arie der Königin der Nacht bis zum «Ma Ma Ma Märchenprinz» jedes Lied so, dass es auf Hartz-IV-Härten und Politiker-Geplapper passt (am Flügel Thomas Wand). Ein zweieinhalbstündiger, munterer musikalischer Budenzauber, in dem alles naheliegende Böse gesprengt wird, von der Krampfader Westerwelle bis zum schwarzen Mittelalter im Ratzinger-Vatikan. Geschliffen scharfzüngig, frech intellektuell und aufrüttelnd aktuell ist das freilich nicht. Halt mehr Keulenschlag als Florettgefecht. Alexandra Kedves Bis 29. Oktober. Theater Zürich, Theater Stadelhofen – Am Schluss hats der kleine Hase doch geschafft: Der Fuchs schnarcht selig und kann, mithilfe einer freundlichen Hand, aus der Hasenhöhle in den Wald abtransportiert werden. Die wunderbare Umsetzung von Kathrin Schärers Bilderbuch «Wenn Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen» hatte anlässlich der Saisoneröffnung des umgebauten, «neuen» Theaters Stadelhofen dort am Mittwoch Premiere, und nichts hätte passender sein können. Nicht nur, weil die Version von Puppenspielerin und Ausstatterin Sibylle Grüter (Theater Gustavs Schwestern Solo) ästhetisch in die vom Haus propagierte Vielfalt passt: Mit Karton, Stofftieren, Musik und sich selbst verwandelt die Künstlerin die Geschichte in ein Erlebnis, das Dreijährigen die Wangen rot färbt und Vierjährige zu Begeisterungsstürmen hinreisst. Sondern auch, weil das kleine Häsli hier ganz gross herauskommt – so, wie die kleine Bühne nach der 14-monatigen Bauzeit. Hochbauvorsteher André Odermatt rühmte zur Begrüssung denn auch «die kleine Perle», die nun mit wenig Geld (rund 2,3 Mio. Fr.) einen «Quantensprung im Raumangebot» gemacht hat: eine Leistung des gleichen Architekten, der das Haus schon 1984 zum Puppentheater umgebaut und in den Sechzigern für den Erhalt des Gebäudes Sonnenhof gekämpft hatte – René Haubensak. Durch eine unterirdische Erweiterung gibt es nun ein grosses Foyer, das zum Verweilen einlädt, eine eigene Künstlergarderobe (die Zeiten, wo sich die Künstler im Betriebsbüro umziehen mussten, sind vorbei) mit Küche und WC und einen neuen Zugang. Letzterer ist freilich «noch nicht ganz gelöst», wie Odermatt einräumte. Die grosse, theaterrot gehaltene Aussentreppe, die ins Foyer führt, ist nicht überdacht – und dass Nässe, Eis und Schnee daraus eine Rutschfalle machen, sieht der Mutterblick sofort; auch, dass das Geländer nicht grade kindersicher hoch ist, sondern direkt zum Klettern einlädt. Fertig umgebaut sind dagegen das Foyer (samt preisgünstiger «Non-Finito»-Optik) und der Theatersaal. Der Nachteil, dass es nun keine festen Plätze mehr gibt – was an der Auftaktpremiere ein kleineres Chaos verursachte –, wird durch die enorme Flexibilität wettgemacht, die durch die neuen Zuschauerpodeste und die neue, bequeme Bestuhlung möglich ist: Stichwort «besser sitzen, mehr sehen». Stadtpräsidentin Corine Mauch entwarf dementsprechend in ihrer Eröffnungsansprache ein ästhetisches Panorama von Puppenschöpferin Sophie Taeuber-Arp bis zu neuen multimedialen Objekttheaterformen und forderte von uns allen «die Aufmerksamkeit für die Kultur, die sie verlangt und verdient». Und sie überreichte der alten, neuen Bühne das Maskottchen Mario: einen Elfenjungen mit durchsichtigen Flügeln, der jedes Häschen und jedes Kind im Foyer zum Träumen abholen wird. Alexandra Kedves «Wenn Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen», bis Mi. 10. 11. www.theater-stadelhofen.ch Konzert Zürich, Tonhalle – Man braucht keinerlei Sympathien für kriegerische Aktivitäten zu haben, um sich für die «Entrée pour les Guerriers» aus Rameaus «Dardanus»-Suite zu begeistern. Militärische Aktionen dienten in den damaligen Opern ja sowieso vor allem dazu, einen anderen, schmissigen Ton ins Spiel zu bringen. Wie attraktiv das ist, fürs Publikum wie für die Interpreten, war am Dienstag in der Tonhalle zu erleben. Da hielt es den vom Cembalo aus dirigierenden Ton Koopman kaum auf seinem Stuhl bei diesen musikalischen Attacken, sein Amsterdam Baroque Orchestra zog als eingeschworenes Team mit, und die rhythmische Energie übertrug sich auch auf die friedlicheren Sätze der Suite. Bei allem Temperament ist Koopman allerdings keiner, der die Extreme suchen würde. Wo andere Barockdirigenten Klüfte aufreissen, lässt er die Musik wellenartig fliessen: dynamisch, aber nie grob interpretiert er, und eher spielfreudig als dramatisch. Die Kontraste ergeben sich bei Koopman aus den Nuancen, aus dem Umgang mit Verzierungen und Klangfarben. In diesem Sinn war das Programm sehr geschickt zusammengestellt: Auf Rameaus (in sich schon abwechslungsreich besetzte) Suite folgte Händels Orgelkonzert op. 4/1, das F-Dur-Konzert für drei Violinen und Streicher aus Telemanns Tafelmusik und Bachs Ouvertüre Nr. 3, in der auch noch drei Barocktrompeten zum brillanten Auftritt kamen. Nicht alles gelang ganz pannenfrei, und im händelschen Allegro war Koopmans Kopf seinen (nach wie vor beeindruckend flinken) Fingern stets ein wenig voraus. Das war sozusagen die Kehrseite einer Medaille, die sich dafür insbesondere bei Telemann in schönstem Glanz präsentierte: Ungemein frei wurde da musiziert, jeder hörte und reagierte auf jede, und wer Telemann je als eher simplen Komponisten missverstanden hatte, wurde schwung- und liebevoll eines Besseren belehrt. Susanne Kübler Keiner, der die Extreme sucht: DirigentTon Koopman. Foto: Jaap van de Klomp Schmissig: Ton Koopman lässt den Barock gerne fliessen. Foto: Vorname Name, Agentur Munter draufgehauen mit dem Kabarett Herkuleskeule. Foto: PD

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