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Die grosse Rückkehr der Atomenergie

«Atomkraft? Nein danke»: Der Slogan war gestern. Heute brummt die Atomenergie weltweit. Selbst Länder wie Schweden fordern den Ausstieg vom Ausstieg.

Von Alain Zucker An der ETH beginnt der Aufschwung langsam. Den ersten Masterkurs für Nuklearingenieure haben 11 Kandidaten abgeschlossen, den zweiten 13, und im dritten, der jetzt dann beginnt, könnten es 16 werden. Doch ihre Aussichten, dereinst einen guten Job zu finden, sind ausgezeichnet. Die totgesagte Kernenergie erlebt weltweit eine Renaissance, und weil die Ausbildung von Atomingenieuren in Westeuropa wegen unsicherer Aussichten lange vernachlässigt wurde, sind sie gesuchte Leute. Dass Deutschland diese Woche beschlossen hat, die Laufzeiten seiner Atomkraftwerke zu verlängern, ist nur eine Randerscheinung des globalen Atombooms. 59 Atommeiler sind weltweit im Bau, darunter die ersten, die zur dritten Generation gehören, und das Uran effizienter, also mit weniger Abfall, in Strom umwandeln sollen. 500 weitere sind gemäss des Branchenverbands «World Nuclear Association» in Planung oder vorgesehen und sollen bis 2030 betriebsbereit sein. Die Unternehmensberatung Arthur D. Little erwartet bis 2030 ein jährliches Wachstum von durchschnittlich 10 Prozent bei der Inbetriebnahme neuer Reaktoren – die meisten davon in Schwellenländern wie China, Indien und Russland. Aber auch in Westeuropa, wo der Widerstand gegen die Atomkraft eine ganze Generation politisierte, zeichnet sich ein Umdenken ab. Ein Teil der heutigen Kernkraftwerke nähert sich dem Ende ihrer Lebenszeit, und bisher können die erneuerbaren Energien die drohende Stromlücke nicht füllen. Grossbritannien hat deshalb den Bau acht neuer Atommeiler beschlossen, Polen will überhaupt erst einsteigen, und in Schweden und in Italien propagieren die Regierungen den Ausstieg vom Ausstieg. «Heute werden mehr Atommeiler gebaut als je zuvor in den vergangenen 20 Jahren», sagt Hans-Holger Rogner von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Die erste Generation wurde vor 40 bis 60 Jahren gebaut, doch seit die zweite Generation in Betrieb ist, blieb die Zahl der Kernkraftwerke stabil – 441 Reaktoren sind es heute. Ihr Anteil an der globalen Stromproduktion liegt bei 15 Prozent. Am höchsten ist er in Westeuropa. Da liegt die Schweiz mit 40?Prozent im vorderen Mittelfeld. Auf Platz eins liegt Frankreich (75%). Schlusslicht ist China, das erst 2 Prozent seiner Elektrizität nuklear gewinnt. Womit klar ist, wo das grosse Wachstumspotenzial liegt. Von den 48 neuen Anlagen in der vergangenen Dekade stehen 36 in Asien. China allein baut derzeit 24 neue und will den Atomstrom in zehn Jahren verachtfachen. Konkurrenz machen den Asiaten die Russen, die zehn Meiler bauen und den Nuklearanteil beim Strom auf 30 Prozent verdoppeln wollen. «Zu Öl und Gas gibt es nur eine starke Alternative – das ist die Atomenergie», sagt der russische Regierungschef Wladimir Putin. Atomenergie als Energieträger der Zukunft? Die «World Nuclear Association» geht in ihrem Szenario für das laufende Jahrhundert mindestens von einer Verfünffachung der heutigen nuklearen Produktion aus. Doch die Voraussagen der Industrie sind insofern mit Vorsicht zu geniessen, als unklar ist, ob all die Reaktoren, die in Westeuropa in den nächsten Dekaden vom Netz gehen, wirklich ersetzt werden. Das hängt vor allem von den politischen Rahmenbedingungen ab, die zu den wichtigsten Risikofaktoren geworden sind für die vier grossen Baukonsortien der Branche: Toshiba-Westinghouse, die französische Areva, GE-Hitachi und die russische Rosatom, die mit Siemens kooperiert. Immerhin kosten Planung und Bau eines neuen Reaktors mehrere Milliarden Franken und dauern über zehn Jahre. Doch während Atomkraftgegner für Westeuropa und die USA noch immer darauf hoffen können, dass sich der Anteil der Kernkraft verringern wird, lässt die explodierende Energienachfrage Ländern in anderen Weltgegenden keine Wahl. Der globale Elektrizitätsbedarf wird gemäss IAEA bis 2030 um 50 bis 75 Prozent steigen, vornehmlich wegen des Wachstums in den Schwellenländern. Die Kernkraft ist dabei nur einer der Energieträger, die dazu beitragen sollen, dieses Wachstum zu bewältigen – bis heute übrigens in einem viel geringeren Ausmass als die Kohle. Sofern die Schwellenländer überhaupt gewillt sind, etwas gegen den Klimawandel zu tun, setzen sie auf Atomkraft, um ihre Abhängigkeit von der Kohle und damit die C02-Emissionen zu reduzieren. Atomkraft als grüne Technologie: Dies muss allen, die sich einst während der Anti-AKW-Proteste an Eisenbahnschienen anketten liessen, als Ironie der Geschichte erscheinen. Doch heute gilt Atomstrom auch bei vielen Finanzanlagen als umweltfreundliche Investition. Und Horst-Michel Prasser, Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich, erklärt den Erfolg der Kernenergie unter anderem mit der «Ökobilanz, die unter dem Strich gut ist». Vergessen ist heute die Katastrophe von Tschernobyl, als nach einer Kernschmelze weite Teile der heutigen Ukraine, aber auch Weissrusslands und Russlands radioaktiv verseucht wurden. Weil es in etwa 14?000 Erfahrungsjahren nur zu zwei Unfällen mit Zerstörung des Reaktorkerns kam, spricht die Atombranche heute von einem «Restrisiko» – und das ist positiv gemeint. So liefern Sicherheitsanalysen der Hersteller bei Kraftwerken, die heute gebaut werden, Wahrscheinlichkeiten einer Kernschmelze pro Anlage von weniger als einmal in einer Million Jahre. Das heisst, dass ein solcher Reaktor mit 99,99-prozentiger Sicherheit keinen Störfall haben sollte. Und wenn, müssten die neuen Technologien die Radioaktivität im Reaktorgebäude einschliessen. Reicht das Uran? Gleichzeitig tüfteln die Atomforscher an einer neuen Generation von Reaktoren, die frühestens ab 2030 ihren Betrieb aufnehmen können. Sie sollen den Brennstoff effizienter nutzen und vor allem die Mengen der langlebigen Bestandteile im hochaktiven Abfall reduzieren, der in geologischen Tieflagern entsorgt wird (vgl. Beitrag links). «Atomkraft? Nein danke!»: Der Slogan war gestern. Heute brummt die Atomindustrie – trotz jahrzehntelangen Kampfs westeuropäischer Atomkraftgegner. Ihnen bleibt die Hoffnung, dass sie nochmals gegen ihre Regierungen mobilisieren können, die neuen Gefallen am Atomstrom gefunden haben. Immerhin prophezeien Experten wie der Naturwissenschaftler Daniel B. Botkin, dass dem Boom der Treibstoff ausgehen könnte. Nimmt man nur die geschätzten Uranvorkommen, die man zu den jetzigen Preisen für abbaubar hält, reicht der Vorrat beim heutigen Verbrauch und der heutigen Technologie (die jedoch immer effizienter wird) nur noch 250 Jahre. Beim heutigen Verbrauch reicht das Uran noch 250 Jahre. Ein Atomkraftwerk der dritten Generation wird in Flamanville, im Nordwesten Frankreichs, gebaut. Foto: Stephane Mahe (AFP)

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