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Die Genossen feiern den 1. Mai im Herzen der Bourgeoisie

Lange war das links-alternative Stäfner Kulturhaus Rössli das Stammlokal der Sozialdemokraten vom See. Nicht in diesem Jahr: Austragungsort der 1.-Mai-Feier ist der Jürg-Wille-Saal im Meilemer Löwen.

Von Daniel Fritzsche Stäfa/Meilen – Am Sonntag wagen sich die Sozialdemokraten vom See in die Höhle des Löwens – im wahrsten Sinne des Wortes. Im Jürg-Wille-Saal des Restaurants Löwen in Meilen werden sie ihre traditionelle 1.-Mai-Feier abhalten. Ausgerechnet in jenem Saal also, der nach dem Enkel von Ulrich Wille, dem Schweizer General im Ersten Weltkrieg, benannt ist. Die Familie Wille war immer wieder Zielscheibe der linken Intelligenz. Ende der 1980er-Jahre veröffentlichte der Journalist und Schriftsteller Niklaus Meienberg sein Werk «Die Welt als Wille und Wahn». Darin rückte er den «mächtigen Clan der Wille» in die «deutschfreundliche» Ecke. Und implizierte damit: Die einflussreiche und wohlhabende Familie war eine ernst zu nehmende Gefahr für die Schweiz.Der Gasthof Löwen mit seinem Saal ist zu grossen Teilen Jürg Wille zu verdanken, der bis zu seinem Tod vor zwei Jahren in Feldmeilen wohnte. Er scharte eine private Trägerschaft um sich, die Geld für die Renovation und Erweiterung des Gebäudes auftrieb. Und nun treibt es ausgerechnet die SP des Bezirks dazu, ihre klassenkämpferische Veranstaltung an diesem «Ort des Grossbürgertums» abzuhalten. Personelle Verschiebungen In früheren Jahren feierten die Genossen jeweils im Kulturhaus Rössli in Stäfa. Das passte. Bis weit über die Region hinaus war das Rössli in den 1970er- und 1980er-Jahren als Hochburg der alternativ-linken Szene bekannt. Der Betrieb war genossenschaftlich organisiert. Jürg Heuberger, der das Rössli seit langem als Präsident des Vereins Kulturkarussell mitprägt, kann nur Vermutungen anstellen, warum die SP plötzlich nicht mehr in Stäfa feiern möchte. «Vielleicht hat es mit personellen Verschiebungen zu tun», sagt er. Der heutige Bezirkspräsident, Hanspeter Göldi, ist ein Meilemer. Sein Vorgänger, Daniel Jositsch, war ein Stäfner. Auch sei das Rössli heute nicht mehr nur ein Treffpunkt des «linken Kuchens». «Vieles hat sich verändert», sagt Heuberger. Früher war die Rössli-Beiz selbstverwaltet organisiert. Nach finanziellen Schwierigkeiten musste sie in eine GmbH umgewandelt werden. Auch wenn er es schade findet, dass die SP den Tag der Arbeit nicht mehr in Stäfa abhält, sieht Heuberger etwas Positives am neuen Ort: «Die Leute, die vom Umzug in Zürich kommen, haben so einen kürzeren Anfahrtsweg.» Lebhafte Diskussion Die wahre Ursache für die Verlegung hat derweil keinen politischen Hintergrund. Für den Jürg-Wille-Saal gaben in erster Linie finanzielle Aspekte den Ausschlag: Jeder Meilemer Ortsverein darf den Saal einmal im Jahr gratis mieten. Das liess sich die «kostenbewusste» SP unter Hanspeter Göldi natürlich nicht zweimal sagen. «Kommt hinzu, dass der Saal wirklich sehr schön ist», sagt der Bezirksparteipräsident. Ausserdem sei er im Zentrum des Bezirks gelegen. «So hoffen wir, möglichst viele Leute zu erreichen.» Parteiintern hat es laut Göldi eine «lebhafte Diskussion» zum neuen Veranstaltungsort gegeben. Einige Mitglieder hätten sich für das Rössli starkgemacht. Zuletzt konnten die Sozialdemokraten sich aber darauf einigen, dem Löwen dieses und vermutlich nächstes Jahr eine Chance zu geben.Das Fest komme für die Mitglieder und Sympathisanten nach dem intensiven Kantonsratswahlkampf, in dem die Goldküsten-SP ihre zwei Sitze verteidigen konnte, wie gerufen, sagt Göldi. Schliesslich gehe es gleich anschliessend in den Abstimmungskampf für die Vorlagen vom 15. Mai. Die Festansprache an der Feier wird der neue SP-Regierungsrat Mario Fehr halten. Für die musikalische Unterhaltung sorgt das Duo Stillwasser. 1.-Mai-Feier der SP Bezirk Meilen im Saal des Restaurants Löwen, Seestrasse 595, Meilen, von 14 bis 17.30 Uhr.

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