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Die erste Eroberung Amerikas

Vor 11 500 Jahren lebten die Menschen der Clovis-Kultur auf dem Gebiet der heutigen USA. Sie galten lange als älteste Bewohner von Amerika. Doch viel ältere Funde in Südamerika zeigen, dass der Kontinent schon lange vorher von Menschen besiedelt worden war.

Von Michael Zick Der Altertumsforscher Tom Dillehay war von der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa zu einem Symposium eingeladen. Dort wurde diskutiert: Wie bereitet man sich vor, wenn es darum geht, eine völlig unbekannte Region zu besiedeln, etwa den Mars? Bei welcher Zahl liegt für ein solches Vorhaben die optimale Gruppengrösse? Wie lange sollen die Menschen in der neuen Welt bleiben? Sollen sie zurückkehren können? Mit einigen dieser Fragen waren auch die Menschen konfrontiert, mit denen sich Tom Dillehay, Archäologe an der Vanderbilt-Universität in Nashville, vorzugsweise beschäftigt: die ersten Amerikaner. Die Neue Welt war der letzte Kontinent, der vom Menschen besiedelt wurde, nach der Lehrbuchmeinung in der letzten Eiszeit vor rund 15 000 bis 11 000 Jahren. Bei den Fragen nach dem Wer, Wie und Wann mischen inzwischen viele wissenschaftliche Disziplinen mit: Neben den Archäologen beschäftigen sich auch Genetiker, Linguisten, Anthropologen, Klimaforscher, Biologen und Paläoökologen mit den Spuren der Einwanderer. Die Vielfalt der Meinungen, Theorien und Hypothesen ist entsprechend gross. So gehen die Genetiker von nur einer Einwanderungswelle aus, von der alle Amerikaner abstammen. Paläoanthropologen dagegen haben nach Vermessung von prähistorischen Schädeln postuliert, dass es zwei Migrantengruppen gegeben haben müsse. Bei den Mutmassungen über den Weg der ersten Amerikaner werden zwei Wege inzwischen von der Wissenschaft ausgeschlossen: der direkte Weg aus der Südsee quer über den Pazifik an die südamerikanische Küste und die Nonstop-Route quer über den Atlantik aus Afrika/Europa nach Südamerika. Einwanderung aus Europa Die Idee einer Einwanderung aus Europa über den Nordatlantik via Grönland und Neufundland dagegen gilt nicht als abwegig. Bei der letzten grossen Vereisung reichten die Gletscher weit in den Nordatlantik hinein, der Eisrand war eine lebhafte Zone; Robben, Fische, Vögel lieferten Nahrung, das Eis servierte das Trinkwasser. «Amerika ist nicht nur aus Asien, sondern auch von Europa aus besiedelt worden, und zwar um 19 000 bis 18 000 vor heute», sagt Josef Eiwanger, Prähistoriker des Deutschen Archäologischen Instituts. Der amerikanische Archäologe Tom Dillehay ist in der Frage offen: «Ich denke, es ist sinnvoll, diese Theorie ernsthaft zu überprüfen.» Er selbst favorisiert wie die Mehrheit der Forscher eine Einwanderung aus Sibirien über die Beringstrasse ins westliche Nordamerika. Dort hatten die Eiszeitgletscher so viel Wasser gebunden, dass es zwischen Asien und Alaska eine Landbrücke gab. Da jedoch das Festland von Alaska, Kanada und Nordamerika unter unüberwindlichen Eismassen lag, konnten die asiatischen Grosswildjäger erst mit der langsamen Erwärmung durch einen sich öffnenden Korridor zwischen den Gletschern weiter nach Süden ziehen. Speerspitzen und anderes Steingerät, entdeckt 1937 in einer Höhle beim Ort Clovis im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexico, sollten ihre ersten materiellen Zeugnisse sein. Die waren 11 500 Jahre alt. Vor dieser «Clovis-Kultur» sollte es keine Menschen in Amerika gegeben haben, so die vor allem von nordamerikanischen Forschern vertretene Meinung. Die Clovis-Kultur verschwand allerdings aus unbekannten Gründen bereits nach 500 bis 600 Jahren. Tom Dillehay ist zum gefragten Einwanderungsexperten geworden, seit er in den Achtzigerjahren im Fundplatz Monte Verde in Südchile menschliche Siedlungsspuren ausgrub, die 14 500 Jahre alt sind. Nach zähem Widerstand mussten auch die – vor allem US-amerikanischen – Prähistoriker zugeben, dass er die bislang ältesten Belege für menschliche Aktivitäten in Amerika aufgedeckt hatte: 3000 Jahre vor Clovis und Tausende von Kilometern weiter im Süden. Algen als Beweis für Seeroute Damit war auch die Meinung obsolet, dass die Einwanderer sich Südamerika nur über den Landweg erschlossen hätten. Eine Besiedlung durch Bootsfahrer entlang der Westküsten Amerikas erscheint wahrscheinlich. Auch Dillehay hat seine anfängliche Skepsis gegen die Seeroute beiseitegelegt, nachdem er in Monte Verde – 60 Kilometer vom Meer entfernt – 13 verschiedene Algenarten gefunden hat, die als Nahrung dienten, aber auch zu speziellen Heilzwecken eingesetzt wurden. «Sie haben sehr lange gebraucht, mindestens 5000 Jahre, um per Boot von Alaska nach Chile zu kommen», meint Dillehay. «Ich habe alle Flüsse an der Westküste gezählt, von Alaska bis Chile: Es sind über 3000. Da Flüsse immer Orte sind, wo der Mensch sich niederlässt, hat es für die Wanderer 3000-mal die Versuchung gegeben, sitzen zu bleiben.» Der sind sie oft erlegen. Da Monte Verde mit 14 500 Jahren die bislang älteste Siedlung ist, müssen die Menschen viel früher über die Beringstrasse gekommen sein. Dillehay: «Sie werden so vor 19 500 bis 20 000 Jahren in Alaska gestartet sein.» Siedlungen der Einwanderer an oder auf der Beringstrasse sind heute vom Wasser bedeckt und vermutlich zerstört. Und auch die Wohnstätten möglicher Küstenfahrer verstecken sich unter Wasser. Wo will man da mit Aussicht auf Erfolg suchen? Immerhin, einige Versuche gibt es: Vor der Küste Oregons haben Forscher die alten Deltas der Flüsse lokalisiert und Zeugnisse menschlicher Aktivitäten gefunden. Artefakte kamen auch bei Offshore-Forschungen 60 Meilen vor der Küste Floridas zum Vorschein und am Festlandsockel der mexikanischen Halbinsel Yucatan. Irgendwann und irgendwo wird der amerikanische Adam den Fluten entsteigen. Viele Fragen bleiben offen Damit werden die Fragen nicht geklärt sein. Es gibt so praktische wie: Wo wurde der Mais, dieses Grundnahrungsmittel Amerikas, zuerst kultiviert? Oder: Wo taucht die Süsskartoffel tatsächlich zuerst auf – in Peru oder in Polynesien? Und es gibt Fragen, die Tom Dillehay besonders interessieren: «Was dachten und fühlten die Menschen, als sie in eine völlig fremde Umgebung kamen? Wie organisierten sie sich, um sich in einer unwirtlichen Umgebung zu behaupten? Was geschah kognitiv mit ihnen?» Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht Beidseitig bearbeitete Steinwerkzeuge und geschäftete Speerspitzen aus der Clovis-Kultur. Foto: Blackwater

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