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Die Eishockeyliga geht am Stock

49 NLA-Spieler fallen derzeit aus. Die Zürcher Teamärzte erklären, wieso – und zeigen Lösungen auf.

Von Simon Graf Der Eishockeyfan musste jüngst viele neue Namen lernen. Und zwar nicht nur solche von Ausländern, sondern auch von jungen Schweizern. Sie heissen, zum Beispiel: Joël Reymondin, Dominic Hobi, Jan Neuenschwander, Michael Roos, Gianrico Cola, Manuel Holenstein (Davos), Eliot Berthon, Victor Barbero, Eliot Antonietti, Jean Savary (Servette), Loris Stoller (Biel), Matthias Rossi (Zug), Sebastiano Guidotti (Ambri), Alban Rexha (SCL Tigers), Nils Berger (Lakers), Samuel Keller, Thomas Mettler (Kloten), Niki Altorfer oder Reto Schäppi (ZSC Lions). Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Freude der Debütanten ist das Leid der Abwesenden. 49 Spieler fehlen in der NLA derzeit, in der Summe mehr als zwei Teams. «Führend» sind Biel, Davos und Servette. Bei den Zürcher Klubs verschlechterte sich die Situation erst zuletzt. «Vor einer Woche hätten wir uns noch nicht beklagen können», sagt Klotens Teamarzt Ueli Brunner. «Dann kugelte sich Kellenberger die Schulter aus, Winkler wurde von einem Schuss am Sprunggelenk getroffen, Rintanen quetschte sich bei einem Crosscheck eine Rippe.» Im Gegensatz zum letzten Winter ist das Klotener Verletzungsbulletin aber noch überblickbar. Und wenn man einen längeren Zeitraum betrachte, gleiche es sich ohnehin aus, so Brunner. Fast zwei Monate nonstop Der Arzt bestätigt aber den Eindruck, dass die Verletzungen in den letzten Jahren zugenommen haben, und nennt ein Bündel von Gründen: enorme Belastungen schon in jungen Jahren, ein immer höheres Tempo im Rink und fehlende Erholungszeit. Die Doppelrunden etwa findet Brunner aus medizinischer Perspektive gefährlich. «Eine Untersuchung aus Skandinavien beweist, dass das Verletzungsrisiko steigt, wenn man nur 24 statt 48 Stunden zwischen den Spielen hat», sagt er. «Wir Ärzte setzen uns immer wieder für längere Erholungszeiten ein.» Bisher ohne Erfolg. Wenn die Zuschauerzahlen stimmen und das Fernsehen zufrieden ist, sehen die Klubs keinen Handlungsbedarf. Vor allem die ersten zwei Monate, in denen fast nonstop gespielt wird, sind äusserst intensiv. Auch die Tendenz, dass Eishockeyprofis immer kräftiger und schneller werden, kann man nicht rückgängig machen. Und je wuchtiger sie zusammenprallen, desto fataler können die Auswirkungen sein. ZSC-Teamarzt Gery Büsser betont, dass bei diesen Gewalten der Respekt vor dem Gegner essenziell sei. Und da gelte es, bei den Jüngsten anzusetzen. «Der Trainer ist der Erzieher der Junioren. Wenn er es zulässt oder sogar fordert, dass die anderen Kinder mit Höchsttempo umgefahren werden, damit er sein Palmarès verbessern kann, ist das fatal.» Büsser findet, die Kampagne «Respect on and off the Ice» komme zum richtigen Zeitpunkt. Oder sogar eher zu spät. Im Fokus steht diesen Winter der Respekt vor dem Kopf des Gegners, es werden zum Beispiel Broschüren an Trainer und Eltern verteilt, in denen Experten auf die Gefahren hinweisen. Problemzone Hüfte Brunner erlebte bei den Flyers vor zehn Jahren, wie unter Wladimir Jursinow immer mehr Junioren zu Hüftpatienten wurden. «Dies wurde zunächst als Klotener Phänomen etikettiert. Doch dann verbreiteten sich die neuartigen Hüftverletzungen überall.» Inzwischen weiss man: Weil schon früh viel mehr Stunden auf dem Eis verbracht werden, wirkt sich der Verschleiss in jüngerem Alter aus. «Früher kam ein Spieler durch die ganze Karriere und bekam mit 35, 40 ein künstliches Hüftgelenk», sagt Brunner. «Heute zeigt sich schon bei 25-Jährigen Arthrose.» Begegnen kann man dem, indem man die Schwachstellen möglichst früh erkennt. Schon Zwölfjährige werden inzwischen an der Hüfte untersucht; Brunner plädiert dafür, zu operieren, solange der Knorpel noch nicht beschädigt ist. «Man versucht so, eine optimale anatomische Situation zu schaffen.» Abnützung an der Hüfte, ausgekugelte Schultern und Gehirnerschütterungen sind die häufigsten Verletzungen, denen die Ärzte zu begegnen haben. Dafür sind Adduktoren- und Rückenprobleme eher rückläufig. «Heute trainiert man spezifischer, hat man viel bessere Rumpfprogramme», sagt Büsser. Sein Kollege Brunner stimmt zu: «Wenn die Spieler nicht so gut trainiert wären, hätten wir noch viel mehr Verletzungen. Was Koordination, Ausdauer und Kraft betrifft, sind wir auf einem viel höheren Niveau als vor 20 Jahren.» Doch es gebe durchaus noch Potenzial. Man müsse noch besser auf die Schwachstellen der Spieler eingehen, in Zukunft würde die Betreuung von Arzt und Physiotherapeuten noch zentraler. Respekt, Betreuung, Erholung Ein Patentrezept, um Verletzungen zu vermeiden, gibt es nicht. Aber es gibt mehrere Ansatzpunkte: Man kann den Respekt vor dem Gegner schärfen, Problemzonen früher erkennen, die Athleten noch intensiver betreuen, auf die Erholung achten. Und Büsser stellt fest, dass die Bereitschaft, mit Blessuren zu spielen, abgenommen hat. «Die Spieler kennen ihren Körper besser. Früher spielte man, wenn man bei 80 Prozent war. Heute riskiert man lieber nichts.» Im Playoff sieht das freilich anders aus. Dann schrumpfen die Verletztenlisten auf wundersame Weise. Und von den jungen Spielern, deren Namen der pflichtbewusste Fan inzwischen gelernt hat, wird kaum mehr einer auf dem Eis herumschwirren.

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