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Die eiserne Lady

Die Klotener Schulpräsidentin Corinne Thomet regiert ohne Pardon. Sie büsst Eltern, kürzt Lehrern den Lohn – und wird dafür mehr als nur respektiert. Von Daniel Schneebeli

Wenn man den Bülacher Statthalter Hanspeter Frei auf die Klotener Schulpräsidentin Corinne Thomet anspricht, seufzt er. Sie ist eine seiner Stammkundinnen und versorgt ihn mit viel Arbeit. Dutzende von Eltern verzeigt Thomet jedes Jahr, weil sie am obligatorischen Elternabend fehlten oder ihre Kinder die Schule schwänzten. In keiner anderen Gemeinde wird das Volksschulgesetz so restriktiv umgesetzt wie in Kloten. Andere Statthalterämter müssen nachlässige Eltern äusserst selten büssen – nicht weil andernorts weniger geschwänzt wird, sondern weil die Schulbehörden vor der Sanktionierung zurückschrecken. Die CVP-Politikerin Thomet kennt solche Hemmungen nicht: «Wer das Schwänzen seiner Kinder toleriert oder unentschuldigt an den Elternabenden fehlt, dem mangelt es am Respekt vor Schule und Lehrern.» Sie verzeige die Eltern nicht, um ihre Macht zu demonstrieren. Es gehe ihr darum, die Kinder und Jugendliche zu verantwortungsvollen Bürgern zu formen. Besonders heikel ist Corinne Thomet, wenn es um Jugendgewalt geht. Jedes Jahr lädt die Schule Kloten die Eltern aller Fünftklässler ins Zentrum Schluefweg zum grossen Präventionsabend ein, an dem Schulsozialarbeiter, Lehrer, Polizisten, und manchmal auch sie selber auftreten. Sie tut, was sie sagt Als Lebensmotto zitiert Thomet auf ihrer Polit-Website Molière: «Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.» Mit den Bussen versucht sie, diesem Leitsatz nachzuleben. Und sie setze damit das Volksschulgesetz um, sagt sie. Man könne den Leuten nicht mit Strafen drohen und dann nichts tun, sonst werde man nicht ernst genommen. Seit in Kloten Bussen verteilt werden – etwa 300 Franken pro Elternteil – ist die Schluefweghalle am Gewaltpräventionsabend immer voll, die Gewaltvorfälle an den Schulen sind zurückgegangen, und Corinne Thomet gilt in der Flughafenstadt, im Statthalteramt Bülach und darüber hinaus als die «eiserne Lady». Als eisern haben Thomet auch die Klotener Lehrer kennen gelernt. Im letzten Herbst hat sie ihnen eine Lohnkürzung angekündigt, weil sie an einem Schulmorgen eine gewerkschaftliche Versammlung abhielten. Da kennt die Schulpräsidentin kein Pardon: «Wir haben die Lehrer gewarnt, während des Unterrichts wird bei uns unterrichtet.» Und wenn Thomet etwas sagt, dann tut sie es auch. Etwas zögerlicher ist die Bildungsdirektion. Sie brütet seit letztem November darüber, ob sie die Lohnkürzungen in Kloten bewilligen soll oder nicht. Freie Hand für Schulleiter Dass sie als «Eiserne Lady» bezeichnet wird, stört Thomet nicht, im Gegenteil: «Das ist ein Kompliment.» Ihre Konsequenz werde eben geschätzt. Für die Ur-Klotenerin ist es eine Ehre, mit Maggie Thatcher verglichen zu werden: «Hut ab vor dieser Frau.» Ihr Durchhaltewille und ihre Überzeugungskraft beeindrucken Corinne Thomet. Politisch sei die erzkonservative Ex-Premierministerin aber kein Vorbild für sie, wie sie eilig nachschiebt. Sie begrüsse die gesellschaftliche Öffnung und neue Lebensformen, und sie setze sich ein für die Modernisierung der Schule. Kaum eine andere Gemeinde gebe etwa ihren Schulleitern so viele Kompetenzen wie Kloten. Dies bestätigt Daniel Böckli, einer von Thomets Schulleitern. Der grosse Handlungsspielraum in Kloten sei ein Hauptgrund gewesen, dass er seine Stelle angenommen habe. Corinne Thomet und die Schulbehörde hätten sich vollständig aus dem Tagesgeschäft der Schule zurückgezogen. Wenn er zum Beispiel Lehrpersonen einstelle, habe er völlig freie Hand. Er verschweigt aber nicht, dass sich die Schulpräsidentin auch getraut, unangenehme Fragen zu stellen und unpopulär zu sein. Mit den Lohnkürzungen hat sie sich in der Lehrerschaft keine Freunde gemacht. Aber Böckli betont, die Schulpräsidentin habe klar informiert. Alle hätten die Konsequenzen der Arbeitsniederlegung gekannt.Die Chefin der Klotener Schulverwaltung, Elsbeth Fässler, schätzt, wie Thomet Verantwortung übernimmt und wie sie sich den Problemen stellt. Sie büsse die Eltern nie aus heiterem Himmel. Stets werde sauber informiert, und immer gebe es eine zweite Chance. Noch nie habe sich aus einer Elternbusse ein Rechtsfall entwickelt. Mehr Freiheit für Gemeinden Corinne Thomet ist eine Kämpferin. Sie hat bei der Kantonalisierung der Kindergartenstufe beharrlich und erfolgreich für den Erhalt des Waldkindergartens gekämpft. Und sie will nun gegen die Abwertung der Schulbehörden kämpfen, die mit dem neuen Gemeindegesetz droht. Überhaupt habe sie genug davon, dass die Bildungsdirektion in der Schule immer mehr Macht an sich reisse. «Man hat den Schulen Autonomie versprochen. Davon ist wenig zu spüren.» Jede Stelle müsse besetzt werden, wie es von oben vorgeschrieben werde. Und vorschreiben lässt sich Corinne Thomet ungern etwas, das widerspricht ihrem Naturell. Schon früher sei sie eine Rebellin, eine Querschlägerin gewesen, sagt sie. Das sieht man heute an ihren teils radikalen Forderungen im Kantonsrat: Abschaffung der Fachstelle für Schulbeurteilung, Abschaffung Bildungsstatistik. Im Gespräch relativiert sie zwar, aber nur mit klaren Worten werde man eben wahrgenommen. Davon kann auch Martin Wendelspiess, Chef des kantonalen Volksschulamtes, ein Lied singen: «Corinne Thomet ist unglaublich hartnäckig.» Eine bessere Interessenvertreterin für die Gemeinden gebe es nicht. Wendelspiess nimmt Thomet gleichwohl nicht als Gegnerin wahr, die alles ablehne, was aus dem Volksschulamt komme. Sie differenziere, sei geschickt und offen. Für Wendelspiess hat Thomet nur einen grossen Fehler, dass sie die Kloten Flyers und nicht die ZSC Lions unterstütze.Eishockey ist ein Teil von Corinne Thomets Leben. So sitzt sie nicht nur bei den Spielen Klotens auf der Tribüne, sondern auch im Vorstand des EHC Bülach. Und neben Schule und Politik hat sie eine Familie, arbeitet zudem als Geschäftsführerin im Verband Zürcher Schulpräsidien und als Erwachsenenbildnerin. Ihr Spezialfach passt zu ihrem Führungsstil: «Effizient telefonieren.» Corinne Thomet-Bürki (46), verheiratet und Mutter von zwei Kindern (13 und 16), acht Jahre CVP-Gemeinderätin, seit 2002 Stadträtin und Schulpräsidentin in Kloten, seit 2007 Kantonsrätin. Dass sie mit Maggie Thatcher verglichen wird, istihr eine Ehre: «Hut ab vor dieser Frau.» Sie lässt sich ungern etwas vorschreiben, das widerspricht ihrem Naturell. Man könne den Leuten nicht mit Strafen drohen und dann nichts tun, sonst werde man nicht ernst genommen, sagt Corinne Thomet. Foto: Nicola Pitaro

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