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Die angerostete Traummaschine

Monacos Fürst heiratet. Es kann Liebe sein, muss es aber nicht. Wie Albert II. das Image seines kleinen Reiches umgestalten und polieren möchte.

Von Oliver Meiler, Monte Carlo Zuerst ist da der Fels: «le Rocher», mit einem grossen R, der Hausberg von Monaco, Synonym für die fürstliche Macht. Wenn die Monegassen vom «Rocher» reden, dann meinen sie ihre Obrigkeit. Von hier oben, vom Palast, der aussieht wie eine Miniatur, parfümiert mit den Gerüchen des Mittelmeers, der Pinien und der Zedern, hat «Son Altesse sérénissime Albert II» einen unverbaubaren Blick auf sein kleines Reich. Nur zwei Quadratkilometer gross ist Monaco, hingeklatscht an die letzten Ausläufer der Alpen, die steil ins Meer abfallen. Der Ort ist so klein und verbaut, dass der teure Sightseeing-Bus in dreissig Minuten jede Sehenswürdigkeit dreimal passiert. Und so richtig klein kam sich das Fürstentum zuletzt auch vor – viel kleiner jedenfalls, als es den Monegassen lieb ist: gepeinigt von der Wirtschaftskrise, geplagt vom verblassten Glamour, ernüchtert über die uninspirierten ersten Jahre der Regentschaft Alberts II. Ach, Grace! In diesen Tagen ist nun wieder mal alles anders, für 48 Stunden, ein bisschen wie früher. Auf dem Felsen haben sie die alte, eingerostete Traummaschine angeworfen. Die Covers der Peoplemagazine gehören Monaco, allenthalben in der Welt. Das Hotel Hermitage und das Hotel de Paris, die beiden besten Häuser am Platz, sind ausgebucht mit hohen und adligen Gästen. Für das Volk spielen die Eagles und Jean-Michel Jarre. Gratis. Es ist viel Feststimmung, viel Aufregung. Der Fürst, dieser eiserne Junggeselle, heiratet nun also doch noch. Und damit das Ereignis auch lange in den Köpfen des Volkes und der Welt bleibt, dauert die Hochzeit zwei volle Tage, Freitag und Samstag. Albert II. ist mittlerweile 53 Jahre alt, viele Haare sind ihm nicht geblieben. Er hat auch schon zwei Kinder, uneheliche, eines mit einer amerikanischen Kellnerin und eines mit einer ehemaligen Hostesse von Air France. Er hat sie zwar anerkannt, seine Kinder, doch regieren dürfen sie nicht. Seine Braut, die südafrikanische Schwimmerin Charlene Wittstock, 33, soll ihm nun bald einen Thronfolger bescheren, der dann auch einmal regieren dürfte. Mindestens einen. Und sie soll wenn möglich einen Hauch jenes Glamours zurückbringen, den die unvergessene Grace Kelly vor über 50 Jahren nach Monaco brachte. Ach, Grace! Etwas Sokrates, etwas Descartes «Wir haben die herzlichsten Bilder ausgewählt», sagt Petra Hall, die deutsche Gründerin und Herausgeberin der «Riviera-Zeitung» und der «Monaco Times», über ihre Nummer zur Prinzenhochzeit. Und es hört sich an, als sei das nicht einfach gewesen. Es wird ja viel geredet. Lieben sie sich denn auch, die beiden? Wirken sie nicht steif? Arrangieren sich hier zwei Menschen für das grössere Wohl eines kleinen Landes? Wenn das Paar Interviews gibt, und das tut es nur sehr selten, ist die Zeit knapp bemessen. Die Pariser Sonntagszeitung «Journal du Dimanche» erhielt eine Audienz von zehn Minuten, musste die Fragen vorab einreichen und durfte nur auf Englisch fragen, was den Franzosen nie bekommt. Charlene spricht kein Französisch. Petra Hall durfte auch in den Garten des Palasts, zu Tee und Gebäck, und sie hält das Gerede über die Zweckehe für übertrieben, für grundlos gar. Wahrscheinlich seien die beiden nur schüchtern. Albert ist ein gebranntes Kind, die Presse schlachtete seine früheren Eskapaden breit aus. «Er mag es nicht, vor grossem Publikum aufzutreten», sagt Hall.Seit er Fürst ist, seit jener Antrittsrede 2005, in der er Martin Luther King, Descartes, Sokrates und Leonardo Da Vinci zitierte und endlich aus dem mächtigen Schatten seines verstorbenen Vaters Rainier III. trat, gibt er sich staatsmännisch und formal und nimmt sich viel Zeit bei der Begegnung mit den Monegassen. Die Hälfte von ihnen soll er persönlich kennen, heisst es, was bei insgesamt 8000 «Nationaux», wie sich die Ur-Monegassen nennen, durchaus möglich scheint. Wenn man sich in Monaco herumhört, fällt nie ein böses Wort über den Fürsten. Höchstens heisst es zuweilen, dass Prinzessin Caroline, die Erstgeborene Rainiers, vielleicht noch mehr Strahlkraft gehabt hätte als ihr Bruder. Und in diesem «vielleicht» schwingt viel sichere Gewissheit mit: Es dient nur der Majestätsachtung. Von Schwester Stéphanie dagegen, dem einstigen Enfant terrible der Grimaldis, redet niemand. Casino ohne Kasse Vom Anfangselan ist nicht viel übrig. Albert hatte zum Beispiel vor, dem Meer ein ganzes Stück Land abzugewinnen, einige weitere Hektaren aufzuschütten für neue Immobilienprojekte. Er wollte dieses Wohnrefugium für reiche, fast ausschliesslich steuertechnisch interessierte Menschen zu einem veritablen Finanz- und Bankenplatz umbauen – eine Art Singapur am Mittelmeer. Doch dann kam die Krise. Die Landgewinnung musste aufgeschoben werden und mit ihr der Traum von mehr Platz. So manch wohlhabender ausländischer Resident verlor sehr viel Geld an der Börse, zog weg, verkaufte seine Wohnung. Der Immobilienmarkt, einer der Pfeiler der monegassischen Wirtschaft, geriet in den Strudel der Baisse. Die Hotels beklagten sinkende Buchungszahlen. Die legendäre, mehrheitlich staatliche Casino- und Hotelbetreiberin Société des Bains de Mer (SBM), Monacos grösste Arbeitgeberin, registrierte zuletzt ein Minus von 14 Prozent aus dem Glücksspiel, der Gesamtumsatz der Holding ging um 3 Prozent zurück. Ihr Chef Bernard Lambert spricht von «miserablen Zahlen». Und obendrein ist nun auch die AS Monaco, der Fussballverein des Prinzen, in die 2. französische Profiliga abgestiegen. «1 Land, 24 Steuerabkommen» Monaco braucht einen neuen Traum, einen Masterplan für die Zukunft. Ein Formel-1-Rennen, eine Spielhöhle, ein Zirkusfestival – das reicht nicht mehr aus. Albert II. weiss das. Der Fürst gibt viele Werbemillionen aus, um dem Land ein neues Image zu verpassen, es neu auszurichten. Die grosse Inseratenkampagne, die bisher in den französischen und in den englischen Zeitungen und Magazinen geschaltet wurde, heisst «Fürstentum Monaco – eine aussergewöhnliche Rolle in der Welt». Und darin preist sich das Land als kosmopolitisch, transparent und kulturell beflissen an. Ein Slang geht so: «Um auf einem einzigen Territorium die Talente von 119 Nationalitäten vermählen zu können, muss man ein grosses Land sein.» Dazu muss man natürlich sagen, dass das Talent vieler Zugezogener vor allem darin besteht, die fiskalische Nische gekonnt auszufüllen. Ein anderer Slogan relativiert ebendiese Tatsache: «1 Land, 24 Steuerabkommen.» Und dieser hier in Form einer rhetorischen Frage: «Welches andere Land Europas widmet 5 Prozent seines Budgets seiner Kulturförderung?» Der Vergleich ist schwierig: So genau kennt man Monacos Budgetzahlen nämlich nicht. Die Kühe des Prinzen Positive Publizität erhofft sich Albert von Monaco auch von seinem Engagement für die Umwelt, für die Rettung der Ozeane und der roten Thunfische. Man nennt ihn schon den «grünen Fürsten». Kürzlich nahm er an einer Expedition zur Antarktis teil – eine Premiere für einen Staatschef, doch wohl nur eine Bagatelle für den früheren Bobfahrer. Die Hochzeitslimousine, so werden die Medien von der fürstlichen Pressestelle unterrichtet, hat einen Hybridmotor. Das Gemüse im Galadinner von Starkoch Alain Ducasse, das am Samstagabend auf der Terrasse der Opéra Garnier von Monte Carlo aufgetragen werden soll, stammt aus dem nahen Garten des Fürsten. Der Fisch wurde lokal gefischt. Und das Dessert wird mit Milch zubereitet, die von den Kühen aus den Ställen des Prinzen stammt. Mehr Idylle, mehr politische Korrektheit geht kaum. Das ist kein Stoff für Legenden, keiner für nachhaltige Träume. Und Charlene Wittstock, es mag ihr nachgesehen werden, ist eben nicht Grace Kelly. Ein Formel-1-Rennen, eine Spielhölle, ein Zirkusfestival – das reicht nicht mehr aus.Albert II. weiss das. Positive Publizität erhofft sich Albert von Monaco von seinem Engagement für die Rettung der Ozeane und Thunfische. Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

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