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Der Taktgeber über dem Eis

Für jede Spielsituationgibt es einen passenden Song. DJ Perry Streit sucht ihn aus – und leidet mit dem ZSC.

OrtsterminAm DJ-Pult beim Zürcher Derby im Hallenstadion Von Silvan Schweizer, Zürich Eine Stunde vor dem ersten Bully ist noch kaum ein Matchbesucher in der Halle zu sehen. Aber DJ Perry Streit hat längst sein Equipment vorbereitet: Die Anlage ist eingeschaltet; die Kopfhörer liegen bereit; der Kontakt zu den Kollegen steht. Über Funk ist er mit seinen drei wichtigsten Ansprechpartnern verbunden: mit Benny Wobmann, der unten am Spielfeldrand steht und als Unterhalter durch den Abend führt. Mit Giovanni Marti, dem Stadionspeaker. Und mit Eventleiter Markus Wildi, der die Abläufe überwacht. Seit der ersten ZSC-Meistersaison der Neuzeit 1999/2000 sind Wobmann und Streit mit ihrer Eventfirma für die musikalische Untermalung im Hallenstadion zuständig. Sie haben gemeinsam mit der Mannschaft schon so manche Festnacht, aber auch bittere Niederlagen durchgemacht. Captain Mathias Seger wünschte sich von ihnen fürs Derby einen neuen Song beim Einlaufen des Teams: «Blitzkrieg Bob» von den US-Punkrockern Ramones. Wobmann hat den Titel auf einer CD zugeschnitten und vorbereitet: «Im Playoff spielen wir modernere, härtere, kantigere Musik. Eine, die zu einem kampfbetonten Sport passt.» Die Halle wird abgedunkelt. Von unten meldet Wobmann, dass die Spieler zum Einmarsch bereit seien. DJ Streit drückt die Wiedergabetaste, und aus den Lautsprechern rocken die Ramones: «Hey, ho! Let’s go!» Streit wippt mit dem Fuss im Takt und lässt gleich das nächste musikalische Statement folgen: «Welcome to the Jungle» – willkommen im wilden Dschungel, ihr Klotener! Dann geht das Licht wieder an. Und pünktlich zum ersten Puck-Einwurf stoppt Streit die Musik. ’N Sync statt Heidi Nach zwei Spielminuten ist in der Regie nebenan Jan Aeschlimann gefordert. Es gibt eine Strafe gegen die Flyers. Und Aeschlimann, der für die Sequenzen auf der Videowand zuständig ist, spielt den bekannten Werbeclip des Architektenbüros Schällibaum ein: «Jetzt häts gschället!» DJ Streit reagiert darauf mit dem Song «Bye Bye Bye» der Boyband ’N Sync – quasi als Verabschiedung für den Klotener. Früher spielte er noch «S Ramseiers wei go grase», wenn ein Berner auf die Strafbank musste, oder «Heidi, deine Welt sind die Berge», wenn es einen Davoser traf. Nach dem Champions-League-Triumph vor zwei Jahren beschloss die ZSC-Geschäftsleitung aber, fortan auf Schweizer Folklore zu verzichten und stattdessen auf internationale Hits zu setzen. Das Powerplay der Stadtzürcher verläuft ausgezeichnet: Thibaut Monnet schiesst in der vierten Minute den Puck wuchtig in die Maschen. «Jaaaaa! Thibaaaaaut!», jauchzt DJ Streit oben an seinem Pult. Der Mittdreissiger verzieht das Gesicht zu einer kämpferischen Grimasse und ballt die linke Faust. Die andere Hand benötigt er, um den Torsong einzuspielen: «Chelsea Dagger» von der schottischen Band «The Fratellis» – ein Lied zum Mitjohlen. Dann lässt es der DJ langsam abklingen, die Zürcher Anhänger machen sich mit Sprechchören bemerkbar. Oft wird Streit kritisiert, seine Musik zerstöre die Fankultur. Dem widerspricht er. «Das Schönste ist, wenn ich gar nichts zu tun habe. Dann singen nämlich die Fans. Ich spiele nur Musik, wenn ich nichts von ihnen höre oder sehe», sagt er. Tatsächlich schaut Streit bei jedem Spielunterbruch unter die Hallendecke, ob die Zuschauer im dritten Rang in die Hände klatschen. Denn von seiner Kabine aus hört er praktisch nur die diagonal von ihm platzierten gegnerischen Fans. «Wir sind nicht für die Stimmung da», fügt sein Chef, Moderator Wobmann, an. «Wir sind nur eine Unterstützungshilfe, die für einen groovigen Unterboden sorgt.» Zum Schluss Melancholie Die Stimmung auf der Tribüne flacht im Verlaufe der Partie etwas ab. Dies liegt am ZSC, dem es nicht gelingt auf 2:0 zu erhöhen. Auch Streit leidet mit, rauft sich nach vergebenen Chancen die Haare, schlägt mit der Faust aufs Pult. Auf die nächste Klotener Strafe reagiert er mit dem Queen-Hit «Another One Bites the Dust» – «Der Nächste beisst ins Gras.» Als es hingegen einen ZSC-Spieler trifft, fragt Wolfgang Petry: «Warum schickst du mich in die Hölle?» Ein Klotener Doppelschlag im letzten Drittel bringt die Lions schliesslich in Rücklage. «Jetzt kann ich keine Partysongs bringen», erklärt Streit. Er versucht mit stampfenden Rock-Beats, die Mannschaft nochmals anzutreiben. Doch es gibt kein Aufbäumen, das vierte Viertelfinalspiel geht 1:2 verloren. Die ZSC-Fans ziehen enttäuscht von dannen, begleitet von Nickelbacks «Rockstar». «Das ist ein wenig melancholisch. Das passt», sagt der DJ. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, schliesst er seinen Metallkoffer mit der Stereoanlage. Zu gerne würde er ihn diese Saison noch einmal öffnen. Perry Streits Repertoire reicht von den Ramones bis Wolfgang Petry – doch am liebsten sind ihm die Gesänge der Fans.Foto: Reto Oeschger

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