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Der rote Vogel aus Oberrieden

Die Schweizer Flugzeugindustrie hat ihre Wurzel in Oberrieden. Hier baute Alfred Comte das erste hierzulande in Serie hergestellte Flugzeug, die AC-4 «Gentleman». Ein ganz spezielles Exemplar davon fliegt jetzt noch in Dübendorf: Die Swissair Nr. 1.

Von Jérôme Stern Oberrieden – In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts war Oberrieden ein wahres Luftverkehrszentrum. Hier eröffnete Alfred Comte 1920 seine Firma Alfred Comte, Luftverkehr und Sportfliegerschule. Mit sechs Flugbooten führte er Passagierflüge durch und bildete Piloten aus. Doch sein grosser Traum war eine Flugzeugfabrik, und so gründete Alfred Comte 1926 hier das erste private Schweizer Flugzeugwerk. Nach diversen Einzelstücken gelang ihm mit der Comte AC-4 der Durchbruch. Elf Exemplare wurden von dieser einmotorigen Maschine hergestellt – das erste serienmässig hergestellte Flugzeug der Schweiz. Wegen ihrer gutmütigen Flugeigenschaften und der geschlossenen Kabine erhielt sie den Übernamen «Gentleman». Für Comte und sein Flugzeugwerk war es die erfolgreichste Konstruktion. Doch die Firma musste schwere Rückschläge hinnehmen, und durch die Weltwirtschaftskrise geriet die Firma noch mehr unter Druck. Das letzte Flugzeug wurde 1934 fertiggestellt. Comte versuchte die Produktion auf Stahlrohrmöbel umzustellen, doch es war zu spät, 1935 musste seine Firma Konkurs anmelden (siehe Kasten). Comtes Swissair-Flugzeug Die Maschine in Dübendorf mit dem Rufzeichen HB-IKO ist eines der historisch bedeutsamsten Flugzeuge der Schweiz: Sie ist nicht nur das allererste Flugzeug der 1931 gegründeten Swissair, sie ist auch das älteste noch fliegende Flugzeug im Originalzustand in ganz Europa. Seit nunmehr 80 Jahren fliegt das dreiplätzige Sportflugzeug, von den notwendigen Reparaturen einmal abgesehen, ununterbrochen. Zwar verkaufte die Swissair die Maschine 1948, doch zum 50-Jahr-Jubiläum der Luftlinie holte man den Traditionsvogel wieder zurück. Im Jubiläumsjahr 1981 sollte die alte Nr. 1 wieder im ursprünglichen Swissair-Rot erstrahlen. In 15 000 Arbeitsstunden, die meisten davon unbezahlt, revidierten Techniker des Fokker-Teams das alte Flugzeug. Die Mitglieder dieses Teams taten sich 1968 zusammen, um für das Verkehrshaus Luzern eine Fokker F VIIa zu restaurieren. Die meisten von ihnen sind ehemalige Techniker der Swissair. Seit 31 Jahren pflegen und fliegen diese Enthusiasten nun die AC-4. Techniker sind Pensionierte Henry Saladin, früher Kapitän bei der Swissair und jetzt Chef der Wartung und Technik beim Fokker-Team, erzählt von den Erfahrungen: «Nur unsere ältesten Mitarbeiter kann ich an der AC-4 arbeiten lassen, sie haben noch das Fachwissen für die alte Technik.» Er schmunzelt dabei und sagt: «Der jüngste von ihnen ist 75 Jahre alt.» Der jetzige Standort beim Air Force Center in Dübendorf hat Tradition, denn hier flog der Oldtimer am 18. September 1930 zum ersten Mal. Saladin erklärt: «In Oberrieden gab es keinen Flugplatz, deshalb liess Comte die neuen Flugzeuge mit dem Pferdekarren nach Dübendorf schleppen.» Auch wenn die AC-4 rüstig ist wie eh und je, so ist ihre fliegende Zukunft doch keineswegs gesichert. «Für den Flugbetrieb bräuchten wir jährlich 15 000 Franken», rechnet Saladin vor. Doch nach der Liquidation der Swissair begannen neue Probleme: Die SR Technics, die den roten Vogel aus der Konkursmasse erworben hatte, wollte die Unterhaltskosten nicht mehr tragen. Was vorher ein Imageträger war, wurde nun zur ungeliebten Altlast. 2009 schenkte sie die AC-4 dem Verkehrshaus Luzern, wo sie voraussichtlich im November dieses Jahres landen wird. Geflogen wird die Maschine dann allerdings nicht mehr, ausser es findet sich bis zu diesem Zeitpunkt doch noch ein Sponsor. Für Henry Saladin ist ein Flugtermin allerdings sicher: «Am 18. September starten wir auf jeden Fall, dann hat die AC-4 schliesslich Geburtstag.» Henry Saladin vor der Comte AC-4 «Gentleman». Foto: Jérôme Stern

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