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Der Robin Hood der Wohnungslosen

Eric Cantona Der einstige Fussballer greift in den Wahlkampf um die französische Präsidentschaft ein. Von Oliver Meiler Romanfigur, Filmstar und Rebell: Eric Cantona (45) aus Marseille hatte immer schon eine XXL-Persönlichkeit, die seine angestammte Wirkungswelt locker transzendierte. Als er in den 90er-Jahren für Manchester United Fussball spielte, da war es, als trüge er nicht nur seine feinen Künste am Ball auf den Platz, sondern auch sein Leiden an der Welt, den Ärger, die Wut über Ungerechtigkeiten. Und zwar sowohl die kleinen wie auch die grossen, die persönlichen und die sozialen. Er war ein stürmendes Statement. Und zuweilen platzte die Empörung unkontrolliert aus ihm heraus. Unvergessen bleibt, wie er einen gegnerischen Fan im Publikum, der ihn beleidigt hatte, im Stile Jackie Chans niedertrat. So war eben «Canto» oder «King Eric», wie sie ihn im Norden Englands nannten. Die kleinen Leute liebten ihn, die Leute aus den Fabriken. Ihr Star war einer von ihnen. Als Cantona 1997 mit dem Profifussball aufhörte, war niemand überrascht, dass er nicht ins Trainergeschäft wechselte, wie das pensionierte Fussballer gerne tun. Er wandte sich ganz vom Fussball ab, zog zurück nach Marseille, entdeckte seine Leidenschaft für die Fotografie, wurde Schauspieler, spielt seither in Filmen und im Theater. Manchmal mischt er die französische Gesellschaft mit kleinen Provokationen auf. Vor zwei Jahren etwa, da rief er dazu auf, das Geld von den Banken abzuheben, um das System zu Fall zu bringen. Das gelang zwar nicht, aber die Initiative passte zu ihm: Er spielte ein bisschen Robin Hood und wurde für viele eine Kultfigur. Nun ist Canto zurück. Die linke Zeitung «Libération» hob sein markantes bärtiges Gesicht am Dienstag auf die Frontseite mit dem Titel: «Ich suche 500 Unterschriften.» Gemeint sind 500 Unterschriften von französischen Bürgermeistern. Das ist die Anzahl von Referenzen, die es mindestens braucht, um an der Präsidentschaftswahl teilnehmen zu können. Die Wahl findet im April und Mai statt. Eric Cantona hat den Bürgermeistern einen Brief geschrieben: «Ich bin ein engagierter Bürger», steht darin, «und dieses Engagement zwingt mich heute, das Wort zu ergreifen – in einem ernsteren Tonfall, als ich das sonst tue.» Cantona schreibt dann von Verantwortung, von der Zukunft des Landes, von Wahrheit. Er schreibt so, wie sie alle reden, die Präsident werden wollen. Aber das will er gar nicht. Cantona will nur aufrütteln und den ernsthaften Kandidaten jenes Thema aufdrängen, für das er sich seit einiger Zeit schon an der Seite der Stiftung Abbé Pierre starkmacht: für den Kampf gegen die Wohnungsnot im Land. 10 Millionen Franzosen leiden unter dem Mangel an Sozialwohnungen, unter explodierenden Mieten, der Verdrängung aus den Stadtzentren. Bei 3,6 Millionen ist die Not akut; 685 000 haben kein Zuhause. Cantona ist wütend, empört über die Untätigkeit der Politik, über nicht gehaltene Versprechen und nie umgesetzte Reformen. Und natürlich hat er recht mit seiner Wut. Er wird jenen hoffnungsfrohen Anwärtern wertvolle Unterschriften wegnehmen, denen ohnehin schon schwerfällt, überhaupt auf 500 zu kommen. Selbst Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National sagt, sie habe Mühe, genügend Bürgermeister für sich zu gewinnen. Le Pen im Offside – nach einem Hackentrick von Cantona? Es wäre ein besonderer Triumph für ihn. Schon deshalb, weil er nicht sehr wahrscheinlich ist.

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