Zum Hauptinhalt springen

Der Rausch und die Politik

Warum Politiker privat zwar Wein trinken dürfen, aber öffentlich Wasser predigen sollten. Von René Donzé

Es geschah spätnachts in einem Zürcher Restaurant. Die Wahlfeier lag in den letzten Zügen, die Feiernden waren erschöpft. Ein frisch Gewählter mit gläsernen Augen und schwerer Zunge fuchtelte unkontrolliert in der Gegend herum und schmiss ein Weinglas zu Boden, wo es klirrend zersprang. Andere lachten. Anwesende Journalisten auch. Es war klar, dass darüber nie eine Zeile in der Zeitung stehen würde. Angesäuselte Politiker sind so normal, dass sich niemand darüber wundert, geschweige denn darüber schreibt. So soll es unter Bundeshaus-Journalisten ein «Gentleman’s Agreement» gegeben haben, nichts über den grossen Weissweinkonsum von Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz zu schreiben. Was in Frankreich die sexuellen Eskapaden der Mächtigen, sind hierzulande deren Trinkgewohnheiten: Privatsache. Das Schmiermittel der Politik Trinkende Politiker sind nicht nur normal, Alkohol scheint geradezu das Schmiermittel der Schweizer Politik zu sein. Und manchmal wird auch etwas zu stark geschmiert, da kräht kein Hahn danach. Der Griff zum Glas ist für Exekutivpolitiker, die in ihrer Arbeit ersaufen, naheliegend. An gesellschaftlichen Anlässen steht der Wein zuvorderst auf dem Apéro-Buffet, Anstossen wird erwartet.So lässt sich regelmässig beobachten, wie die Zungen der Zürcher Gemeinderäte nach der Abendessenspause deutlich lockerer sind als am Nachmittag. Von einem Alt-Stadtrat geht die Rede, er sei jeweils stark erheitert zur zweiten Sitzung im Rathaus erschienen. Von einem ehemaligen Regierungsrat ist bekannt, dass er oft und gern dem Alkohol zusprach. Und wenn der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) in angeheitertem Zustand auf der Bühne ein zotiges Lied über Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP) anstimmt, dann wird das lächelnd zur Kenntnis genommen.Zum Thema wird das Problem erst, wenn es zum Unfall oder zur Katastrophe kommt. So krachte der Tessiner CVP-Ständerat Filippo Lombardi angetrunken auf der A 3 bei Horgen in ein anderes Auto und musste seinen Führerausweis abgeben. Alt-Ständerat Jean-Claude Cornu (FDP) wurde mit 1,65 Promille erwischt. Der Jung-SVPler Erich J. Hess prallte mit 0,9 Promille frontal in ein entgegenkommendes Auto. Und beim österreichischen Politiker Jörg Haider wurden nach dessen Unfalltod 1,8 Promille im Blut gemessen.In der Regel aber wird der Alkoholkonsum der Politiker nicht nur akzeptiert, oft wird er von ihnen geradezu zelebriert. So kürt der Kantonsrat jedes Jahr einen eigenen Wein. Magistraten eröffnen mit schwungvollen Schlägen feucht-fröhliche Oktoberfeste, wie etwa Zürichs Alt-Stadtpräsident Elmar Ledergerber (SP) und Winterthurs Stadtpräsident Ernst Wohlwend (SP). Auch dem Zürcher Statthalter Hartmuth Attenhofer (SP) kam diese Ehre schon zu. Solche Politiker sind ein schlechtes Vorbild. Besser den Mund halten Wenn sie dann noch in den Medien die Vorzüge des Alkohols loben, wird es vollends gefährlich. So sagte Hartmuth Attenhofer, der auch Generalsekretär der Gesellschaft zur Förderung der Biervielfalt ist, letztes Jahr im TA: «Biertrinker sind gemütlichere Menschen. Bier enthält Vitamin B. Das beruhigt – und macht klug.» Und unlängst liess sich der Winterthurer Sozialvorsteher Nicolas Galladé (SP) im Landboten mit der Aussage zitieren: «Ein Rausch hat auch seine positiven Seiten.» Manch eine kreative Idee entstehe nicht im Sitzungszimmer, sondern in lockerer Runde bei einem Bier. Und auf dem Bild zeigt er sich mit Bierbecher in der Hand im Fussballstadion. Natürlich will niemand einem Politiker sein Feierabend-Bierchen oder Glas Wein zum feinen Essen verargen. Doch sollten sich ein Stadtrat, ein Gemeinderat, ein Bundesrat stets seiner Verantwortung und Vorbildfunktion bewusst sein: Erstens Mass halten beim Trinken und zweitens Wasser predigen. Es wirkt unglaubwürdig, wenn Kantonsräte, die öffentlich öfters über den Durst trinken, die schädigende Wirkung des Alkohols thematisieren. Und es mutet seltsam an, wenn ein Stadtrat, dem Suchthilfe und Prävention unterstehen, ein Hohelied auf die positiven Seiten eines Rausches singt. Das ist verharmlosend und geradezu zynisch angesichts der Zehntausenden von alkoholkranken Menschen in der Schweiz und der rund 3500 Todesopfer, die der Alkoholkonsum hierzulande jedes Jahr direkt fordert. Von den Familiendramen ganz zu schweigen, die sich in Alkoholikerfamilien abspielen. «Ein Prosit der Gemütlichkeit»: Zürichs Finanzvorstand Martin Vollenwyder (rechts) mit Wirt Fred Tschanz am Zürcher Oktoberfest. Foto: Beat Marti

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch