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Der nationale Klimmzug

Die Turnbewegung wird 200 Jahre alt. Die kulturrevolutionäre Stossrichtung von Gründervater Jahn ist überholt. Heute bekunden die Turnvereine Mühe, sich gegen die Trendsportarten zu behaupten.

Von Martin Halter Der Schweizer Turnvater Phokion Heinrich Clias begann mit seinen Leibesübungen in Bern nur unwesentlich später als Friedrich Ludwig Jahn. Dennoch gilt der 19. Juni 1811, der Tag, an dem Jahn den ersten deutschen Turnplatz in Berlin eröffnete, als Gründungsdatum der Turnbewegung. Wenn der Deutsche Turnerbund demnächst gebührend gross «200 Jahre Turnen» feiert, steht sein Gründervater freilich im Schatten: Mit einem «Protonazi» («Die Zeit») kann und will man sich nicht schmücken. Auch das Turnen selbst leidet unter Imageproblemen. Jeder will heute «fit wie ein Turnschuh» sein, aber die Enkel des Turnvaters tragen lieber schwingungsgedämpfte Nike-Sportschuhe. Der gute alte Turnbeutel soll zwar in New York derzeit hipper sein als Rucksack und Gucci-Taschen. Aber die Turnschuhgeneration hat null Bock auf Bockspringen und Seilhüpfen; selbst in den Turnvereinen ist das Geräteturnen gegenüber den Trendsportarten wie Nordic Walking oder Mutter-und-Kind-Turnen ins Hintertreffen geraten. Der Turnverein ist nicht mehr soziale Heimat, Werte- und Schicksalsgemeinschaft, sondern nur noch ein Freizeitangebot unter vielen. Man geht heute ins Fitnessstudio oder ins Wellnesshotel, um Bewegungsdefizite unter medizinischer Aufsicht und Beachtung der Dresscodes individuell abzuarbeiten. Dabei stören Jahns Klimmzüge für Volkstum und Vaterland nur. Rüpelhafter Kraftkerl Hohn und Spott musste der Turnvater schon zu Lebzeiten ertragen. Die Regierungen bezeichneten den Pastorensohn als «Demagogen», die Demokraten störten sich an seiner reaktionären Teutomanie, die gebildeten Stände an den langen Haaren der Turner, ihrer kuriosen altdeutschen Tracht und ihrem provozierenden Auftreten. Für Heinrich Heine war Jahn ein gefährlicher Kindskopf; selbst der konservative Historiker Treitschke hielt ihn für einen «lärmenden Barbaren». Tatsächlich war der Prediger von Disziplin und Manneszucht ein leicht reizbarer, rüpelhafter Kraftkerl, der sich mit seinen Raufhändeln, Zoten und prahlerischen Tiraden wenig Freunde machte. Man darf sich Jahn durchaus als frühen Rocker vorstellen. In jedem Falle war die Turnbewegung eine der ersten jugendlichen Protestbewegungen: Ausserhalb der Stadt, frei von staatlicher Aufsicht, alten Zöpfen und Exerzierreglements lüftete eine ganze Generation beschäftigungsloser, testosterongesättigter junger Männer den Muff der Perücken und Talare. Nicht umsonst ist in den frühen Turnerliedern viel von schwellenden Säften die Rede.1806 kam Jahn zu spät auf die Schlachtfelder von Jena und Auerstedt, aber mit Hasspredigten gegen den «korsischen Wüterich» erwarb sich der Turntaliban und Franzosenfresser bald einen Ruf wie Donnerhall im Heiligen Krieg. Die Brandsätze aus seinem «Deutschen Volkstum» («Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind das Unglück Deutschlands») dienten noch Hitler als Munition. Selbst in seiner «Deutschen Turnkunst» (1816) wetterte der «Turnwüterich» gegen «Ausländerei» und Fremdwörter.Jahn wollte «das Vergeuden der Jugendkraft durch entmarkenden Zeitvertreib, faultierisches Dahindämmern, brünstige Lüste und hundswütige Ausschweifungen» beenden und die «überfeinerten» deutschen Knaben zu mann- und wehrhaften Patrioten nach altgermanischer Väter Sitte erziehen. Der deutsche Turner verschmähte Tabak, Süssigkeiten und Alkohol; er trug schlichte lange Hosen und eine Jacke aus grauer, ungebleichter Leinwand. Sporen, Rock, Halstücher und Hosenträger und was welsche «Putzwut für Zierlinge» sonst noch erteufelt hatte, waren auf dem Turnplatz ebenso verpönt wie Zwietracht und Frauen. Der Turner im Sinne Jahns war «tugendhaft und tüchtig, rein und ringfertig, keusch und kühn, wahrhaft und wehrhaft. Frisch, frei, fröhlich und fromm ist des Turners Reichtum.» So wurde der verkrachte Haus- und Aushilfslehrer zur Sensation des Tages, sein Turnplatz zu einer Attraktion für Schlachtenbummler und Reporter. Selbst das «Morgenblatt für gebildete Stände» sprach anerkennend von «kleinen Olympischen Spielen», obwohl die Berliner Hasenheide anfangs nur eine Art Abenteuerspielplatz mit Sprunggrube, Kletterstangen und Tauen war. Die ersten Klimmzüge erfolgten noch an den Ästen einer deutschen Eiche. Reck, Barren, Schwebebaum, das mit Eisennägeln beschlagene Pferd: All die verhassten Geräte, die die Weichteile und das Selbstbewusstsein zahlloser sensibler, motorisch unbegabter Schüler quetschten, kamen erst nach und nach hinzu. Im Kampf gegen Napoleon war die königstreue Wehrsportgruppe der preussischen Regierung willkommen und nützlich gewesen, aber nach 1815 empfand Metternich die radikale Turnbewegung nur noch als «Eiterbeule» im Staatsorganismus. Als 1819 der Turner Karl Ludwig Sand den russischen Staatsrat August von Kotzebue ermordete, wurden die Turnvereine verboten und die Turnplätze geschlossen. Als der «Hochverräter» Jahn nach fünf Jahren Festungshaft 1825 freigelassen wurde, war er ein gebrochener, verbitterter Mann; 1852 starb er, schon halb vergessen, in Freyburg an der Unstrut. Teil der männlichen Erziehung Im medizinischen, politischen und pädagogischen Diskurs der Zeit setzte sich indes rasch die Einsicht durch, dass ein von seinen kulturrevolutionären Auswüchsen gereinigtes Turnen unverzichtbar für die Gebär-, Arbeits- und Kriegstauglichkeit des Volkskörpers sei. 1842 hob König Friedrich Wilhelm IV. die Turnsperre auf und erklärte den Turnunterricht zum «notwendigen, unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung». Zwar gingen 1848 radikale «Maulturner» noch einmal auf die Barrikaden, aber statt der halbstarken Lümmel und Demagogen von einst sah man immer öfter würdige backenbärtige Herren um Wein, Weib, Fahnen und Gesang herumturnen. Die systematische Weiterentwicklung von Jahns Geräteturnen oblag Schulturnmeistern wie Adolf Spiess und Johann Niggeler. Für den Romantiker Jahn war der Turnlehrer kein autoritärer Schinder und Schleifer, sondern ein charismatischer Bandenführer und Knabenflüsterer gewesen. Spiess’ «wissenschaftliche Turnkunst» dagegen trieb mit seinem dumpfen Kasernenhofdrill dem Turnen nach 1850 den letzten Rest seiner Frische und Fröhlichkeit aus. Zugleich verlor das Turnen sein Organisationsmonopol an neue Formen der Leibesertüchtigung: Reformpädagogik, Heilgymnastik, Frauen-, Jugend- und Arbeiterturnbewegung. Zum gefährlichsten Feind des deutschen Turnens wurde der Sport der englischen Gentlemen, dessen individualistisches Wettbewerbs- und Leistungsprinzip als undeutsch und elitär galt: Der Deutsche turnt um der Sache oder allenfalls der Lorbeerkränze willen, nicht um Rekorde, Ruhm oder gar Preisgelder. Jahns altdeutsche Turnerei wurde zum Anachronismus und im Dritten Reich endgültig zu einer Sportart unter vielen gleichgeschaltet.Vereinzelt mag es sie noch geben, die sadistischen Turnlehrer und Turnfunktionäre alten Schlags, die auf Festen frischfrommfröhliche Erbauungsreden halten und leise Schenkendorfs Jahnlied summen, das «Treuelied» der SS. Aber selbst der Deutsche Turnerbund rühmt heute unermüdlich das Turnen als Allheilmittel gegen orthopädische und soziale Haltungsschäden und Zivilisationskrankheiten vom Übergewicht bis zum schulischen Amoklauf. Frauen in der Mehrheit 200 Jahre nach Jahns erstem nationalem Reckaufschwung ist die Turnerei heute sportlicher, ziviler und vor allem weiblicher geworden: Mehr als zwei Drittel der fünf Millionen Turnerbund-Mitglieder stellen heute die Frauen, die Jahn nicht einmal als Zuschauerinnen dulden mochte. «Das Unbeschreibliche zieht uns hinan», höhnte schon Joachim Ringelnatz, «der ewigweibliche Turnvater Jahn.» Turnvater Jahn sorgte dafür, dass beschäftigungslose junge Männer den Muff der Talare lüfteten. Die verhassten Geräte, die Weichteile und Selbstbewusstsein Unbegabter quetschten, kamen später hinzu. Am Eidgenössischen Turnfest 1936 in Winterthur traten die Männerriegen in Reih und Glied an. Foto: Photopress (Keystone) Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) galt den Behörden als «Demagoge». Foto: PD

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