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Der Hudigäggeler ist zur?ck

Zürich war vor 80 Jahren eine Hochburg der Ländlermusik. Jetzt wird in der Stadt wieder vermehrt gejuchzt und gejodelt – gerade junge Zürcherinnen und Zürcher haben einen neuen Zugang zu den alten Melodien gefunden.

von christian wyss (text) und daniel tischler (Bilder) Es ist Mittwoch, 19 Uhr, mitten im Niederdorf. Junge Zürcherinnen, noch keine dreissig, verschwinden in einer Bar. Junge Männer in Anzügen und sauber geschnittenen Frisuren, folgen ihnen. Drinnen sitzt neben einigen Herren um die vierzig und einem älteren Paar bereits eine Teenagerin mit rot karierter Stoffhose und einem T-Shirt der Punk-Ikone Sex Pistols. Das überrascht. Denn auf dem Programm steht heute die «Volx-Stubete». «Stubete», so definiert Wikipedia den Begriff, ist der «Zeitpunkt, an dem Volksmusikanten in einem bestimmten Gasthaus zusammenkommen, um miteinander zu musizieren». Man mag dabei an ein Rössli oder eine Krone in einem 500-Seelen-Dorf im Berner Oberland denken, wo bärtige Pensionäre mit ihren Schwyzerörgeli Skiliftmusik spielen, dazu Stangen trinken und schunkeln. Doch wir befinden uns mitten in der Stadt Zürich. Gleichwohl fühlt man sich in der Aelpli-Bar an der Ankengasse 5 wie in einer Berghütte. Es ist klein und eng, alles ist aus Holz, Fenster gibt es keine. Links der Bar ist ein Bild angebracht, eineinhalb auf drei Meter; es zeigt die Glarner Sandalp mit einem jungen Bauern darauf. Es wirkt wie ein Panoramafenster mit idyllischer Sicht. Über dem Buffet steht geschrieben: «Zum Trinke het me immer Gründ». Die Kellnerinnen tragen Sennenchutteli. Überall hängen und stehen Instrumente, an einem Baumstrunk könnte man sich im «Nageln» messen. In den Tischen eingefurcht, sieht man Spuren ausgelassener Abende. Auf der Karte stehen Gerichte wie «Kerzenraclette», Älplermagronen mit Apfelmus und die Aelpli-Milch, «die exklusive und weltberühmte Aelpli-Bar-Hausspezialität», ein Cocktail. Überall Schweizer Tradition. Nur die junge Klientel passt nicht so recht ins Bild. «Ich fühlte mich auf Anhieb zu hause» Die Bar füllt sich. Um 20 Uhr packen acht junge Geigerinnen ihre Instrumente aus und beginnen zu spielen. Keine Klassik, keine modernen Popsongs – sondern alte, traditionelle Ländlerstücke im Appenzellerstil. Eine beginnt mit einer Melodie, die anderen hören kurz zu, lächeln; sie haben das Stück erkannt, setzen in die Melodie mit ein und spielen jetzt eine zweite Stimme oder eine Begleitung. Hie und da juchzt jemand oder beginnt gar zu jodeln, darunter Teenager in Jeans und Converse-Schuhen. Was ist da passiert? «Sie würden staunen, wie viele junge Menschen täglich den Weg zu mir in die Aelpli-Bar finden – und grosse Freude an der Ländlermusik haben», sagt Wirt Martin Sebastian. Im Dezember 2007 hatte Sebastian die Aelpli-Bar wiedereröffnet. Der Raum an der Ankengasse wurde 1294 erstmals erwähnt und diente ursprünglich als Kuhstall. Die heutige Besitzerin hat sie 1985 übernommen und die Bar selbst bis 2004 betrieben. Dann war Schluss, auch wegen Rentabilitätsproblemen. «Ich habe diese Bar nie gesucht, sie hat mich gefunden», sagt jetzt Martin Sebastian. «Ich hätte nie im Leben daran gedacht, eine Beiz zu eröffnen, ich hatte ja einen Job.» Doch dann kam vor vier Jahren ein Anruf. Ob er nicht Interesse daran hätte, die Aelpli-Bar zu übernehmen? Sebastian dachte, okay, anschauen schadet nichts. Kaum hatte er das kleine Lokal betreten, wusste er, was zu tun war. «Die Atmosphäre berührte mich. Ich fühlte mich auf Anhieb zu Hause und sagte sofort zu.» Wieso man gerade ihn angefragt hat, eine Ländlerbeiz in Zürich zu eröffnen? Die Besitzerin verlangte, dass der neue Betreiber die Bar «im Sinne der Einrichtung» betreiben müsse, also volkstümlich. Und da ist Sebastian die richtige Person. Der Journalist und Folkloreexperte ist an wichtigen Anlässen der Schweizer Volksmusik schon seit Jahren dabei. «Ich kenne die Szene und die Musikanten. Es ist einfach für mich, Musiker wie Publikum herzulocken.» Sein Ziel war es, der Ländlermusik in Zürich ein neues Zuhause zu geben. Das hat er geschafft: Täglich gibts in der Aelpli-Bar Live-Volksmusik. Jeder Musikant der Folkloreszene kommt früher oder später bei Martin Sebastian vorbei. Im letzten Jahr wurde er für sein Konzept der Aelpli-Bar sogar von «Best of Swiss Gastro» mit dem zweiten Preis in der Kategorie «Bar und Nightlife» geehrt. Damit habe er nie gerechnet, sagt Martin Sebastian. Vor allem da er das «Wirten» erst erlernen musste. Abgesehen von ein paar Einsätzen in Ländlerzelten an Messen wie der Olma oder der Züspa, brachte er keinerlei Erfahrungen im Gastrobereich mit. Heute balanciert «Aelpli-Martin» Biere und Weingläser zwischen Gästen und Musikern hindurch, setzt sich immer wieder an einen Tisch, fragt, ob «alls rächt» sei, erfährt und erzählt Neues. Er scheint Spass zu haben an seiner Rolle – und freut sich über die vielen jungen Gäste. «Ich glaube, die Ländlermusik befindet sich im Wandel. War es früher noch uncool zu sagen, man spiele Ländlermusik, ist es heute viel akzeptierter. Ich denke, die heutigen Jungen haben wieder mehr Interesse an der Tradition.» Das verdanke man auch den vielen Formationen, die neue Instrumente und neue Stilrichtungen in die Ländlermusik einbringen würden. Sebastian meint keineswegs nur Bligg, der Rap und Volksmusik gemischt und so den Nerv der Zeit getroffen hat. «Ich habe hier viele Klassik-Studentinnen, die sich für traditionelle Lieder interessieren und versuchen, Klassik und Ländlermusik miteinander zu verschmelzen», sagt Sebastian. Das Musikprogramm der Aelpli-Bar ist vielfältig. Mal spielen Schwyzerörgeli-Formationen, mal Handorgel-Duette, mal wird nur gesungen. «Jeder hat das Recht, hier zu spielen, niemand wird gemessen, hier drin sind alle gleich.» So bleibe es interessant, man wisse nie, was einen erwarte. «Auch die Gäste sind völlig verschieden. Es kommen Banker, Touristen, Stadtzürcher jeden Alters. Manche muss ich nach dem Ausweis fragen, so jung sind sie. Und wissen Sie, was die nach dem zweiten Bier machen? Sie wünschen den ‹Schacher-Sepp› und singen lautstark mit.» «Wir schweizer sind offener geworden» Die steigende Beliebtheit der Volksmusik spürt auch Petra Sturzenegger. Sie ist bei derKlubschule Migros für die Schwyzerörgelikurse zuständig und bekommt seit dem letzten Jahr immer mehr Anfragen für Örgelistunden. «Wir haben bereits drei neue Klassen, man kann wirklich von einem Boom sprechen». Das führt zu Problemen: Dem langjährigen Lehrer fehlt die Kapazität, um die Nachfrage zu bewältigen. «Und es ist derzeit extrem schwierig, Lehrer zu finden», sagt Sturzenegger. Vor allem an jungen Lehrern fehlt es. «Denn es gibt auch von Primarschulen immer wieder Anfragen für Schwyzerörgeli-Lehrer. Aber die wollen halt für ihre jungen Schüler junge Lehrer. Und die sind im Moment rar.» Das soll sich nun ändern: «Wir haben Kontakt zu einem 25-Jährigen, der unterrichten will. Wir hoffen, dass es klappt. Für uns – und unsere jungen Schüler!» Dass das Bild der Ländlermusik im Wandel begriffen ist, beobachtet auch Stefan Schwarz, Szenekenner und Chefredaktor der volkstümlichen Zeitschrift «Stubete»: «Es ist eine Tatsache, dass immer mehr Jugendliche wieder zu traditionellen Instrumenten greifen und auch echte Ländlermusik spielen wollen.» Schwarz weiss auch wieso: «Wir Schweizer sind generell offener geworden für Neues – und das ist es, was Junge auch wieder zu den Traditionen lockt.» Heute würden traditionelle Ländler ohne weiteres auch mit Gitarren und Schlagzeug interpretiert oder mit Schwyzerörgeli und Hackbrett zum Beispiel irische Volksweisen, Klassik oder Jazz gespielt. Es gibt inzwischen diverse Formationen, welche die Grenzen der Traditionen sprengen und mit der Volksmusik als Grundlage neue Musik erschaffen. «Das war vor zehn, zwanzig Jahren noch undenkbar. Schön an dieser Tendenz ist, dass diese Vertreter der sogenannten neuen Volksmusik ihrem weltoffenen Publikum indirekt auch die Ohren für die traditionelle Seite der Volksmusik öffnen.» Eine dieser experimentierfreudigen jungen Geigerinnen ist Madleina Janett. Die 25-Jährige hat Illustration an der Zürcher Hochschule der Künste studiert und wohnt in Zürich. Ihre Wurzeln liegen aber im kleinen Ort Tschlin im Bündnerland. In der Ländlermusik war sie «eigentlich schon immer drin», sagt sie. «Wir haben zu Hause mit der Familie viel zusammen gespielt, alles mögliche und eben auch Volksmusik.» Für sie stellt Volksmusik die richtige Mischung zwischen Regeln und Freiheit dar. «Die völlig freie Improvisation ist nichts für mich, aber das akribische Wiedergeben eines Notentextes auch nicht wirklich. In der Volksmusik ist man da irgendwo dazwischen. Man nimmt ein Stück und schaut mal, was passiert; je nach Situation und Moment macht man etwas Eigenes draus oder lässt es so, wie es ist. Ausserdem bin ich ein ziemliches Tanzfüdle und das Ganze ist ja eigentlich Tanzmusik, das gefällt mir natürlich auch.» Sind denn nun an jeder Stubete so viele junge Leute mit dabei, oder bildet der Streicherabend an diesem Mittwoch die Ausnahme? «Nein. Es hat überall immer mehr junge Menschen. Das Schöne ist halt, an einer Stubete triffst du inzwischen alle möglichen Leute, vom Ländlerurgestein, zum Ex-Rocker über die Bibliothekarin bis hin zur Musikstudentin», erzählt Janett. «Natürlich sind die sogenannten Züri-Szenis eher untervertreten, aber das ändert sich vielleicht noch. Wer weiss, irgendwann ist Folklore dann auch bei denen hip.» In ihrem eigenen Umfeld jedenfalls registriert Janett derzeit einen deutlichen Aufschwung der Volksmusik. «Es gibt immer mehr aktive junge Musikanten. Klar verändern sich die Stile ein wenig, und einige Formen oder Ausprägungen der Ländlermusik wird es in ferner Zukunft vielleicht nicht mehr geben. Aber die Musik selbst, und vor allem die volksmusikantische Art zu spielen, ist meiner Ansicht nach nicht totzukriegen.» sofort ist man im gespräch – und per du Zurück in der Aelpli-Bar. An einem Tisch sitzen zwei Herren, Mitte fünfzig, in Jeans und Pullover. Sie sind guter Laune, essen Chnoblibrot und Älplermagronen, dazu gibts Rosé. Sofort ist man im Gespräch – und per Du. «Das ist einfach so hier», erklärt Moritz aus Dübendorf. «Ich komme mindestens einmal pro Monat hier her. Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Ländlermusik. Doch die Stimmung hier drin hat es mir angetan. Wenn du sonst an ein Konzert gehst, zahlst du ein Vermögen. Hier bezahle ich nichts, sitze immer in der ersten Reihe, und die Musik ist fantastisch!» Immer wieder verlässt jemand den Kreis der Musizierenden, macht einem Neuankömmling Platz. Plötzlich sitzt auch die Teenagerin im Sex-Pistols-Shirt im Kreis und klopft mit einem eigenartigen Schlaginstrument den Rhythmus zu den Ländlerstücken. Nach drei Liedern sitzt sie wieder an ihren Platz. Was genau hat sie an einer Stubete verloren? «Ach, das fragen mich hier drin alle. Ich bin mit Ländlermusik gross geworden. Seit ich klein bin, geht mein Vater an Stubeten und nimmt mich mit.» Dann zeigt sie auf ihr Instrument und sagt: «Das ist ein irisches Bodhrán. Ich habe es selbst gebastelt für meine Maturaarbeit. Ich finde es toll, dass ich so ein neues Element in unsere Volksmusik bringen kann.» Und was halten ihre Freunde von ihrer Freude an der Ländlermusik? «Ach, die kennen mich ja. Sie wissen, dass dies ein Teil von meinem Leben ist. Die finden das völlig okay, was ich mache. Und ich stehe auch völlig dazu.» Nicht immer galt die Ländlermusik in Zürich als exotisch. Im Gegenteil: Zürich war jahrzehntelang gar das Zentrum der Schweizer Volksmusik. Besonders der gebürtige Innerschweizer und spätere Stadtzürcher Jost Ribary trug wesentlich dazu bei, dass von 1930bis 1962 Ländlerfreunde aus der ganzen Schweiz nach Zürich ins Niederdorf kamen. Der Komponist des bekannten Schottisch «Steiner-Chilbi» war es, der die «goldenen Zürcher Jahre» der Volksmusik einläutete. Ribary, Sepp Stocker sowie Heiri Meier prägten zu dieser Zeit die Volksmusik, erweiterten das Repertoire etwa um den Foxtrott, einen Rhythmus, der vom Swing adaptiert wurde. Alle waren sie im Restaurant Konkordia an der Niederdorfstrasse 52 anzutreffen. Hier war der Dreh- und Angelpunkt der Szene. Aber auch in der Tonhalle gab es Ländlerkonzerte. Erst in den 50er-Jahren neigte sich die Blütezeit der Ländlermusik im Niederdorf langsam dem Ende zu. Die Akzeptanz und die Nachfrage liessen nach. Andere Musikstile aus dem Ausland drängten in die Zürcher Bars und Clubs. Das Restaurant Börse hielt sich zwar lange, aber auch für dieses Ländler-Lokal war vor einigen Jahren Schluss. Dennoch haben Stadt und Kanton Zürich regelmässig nationale Ländlergrössen hervorgebracht, zum Beispiel den Klarinettisten Thomas Marthaler und seine Kapelle Zooge-n-am-Boogä. Marthaler ist heute noch regelmässig unterwegs – am 31. März wird er 82-jährig. Mit dabei hat er oftmals den in der Region Zürich wohnhaften Bündner Schwyzerörgeler Johann Buchli, ein Meister des traditionellen Örgelistils. Der Multiinstrumentalist Ueli Mooser aus Bassersdorf wiederum wurde 2010 mit dem Goldenen Violinschlüssel ausgezeichnet und gilt als prägende Figur in der neuen helvetischen Ländlermusik. Sie erleben nun, wie die Nachfrage nach Volksmusik wieder steigt. Und die Aelpli-Bar steht nicht alleine da: Auch das Restaurant Rietberg in der Enge erfreut sich einer grösseren Beliebtheit punkto Live-Ländlermusik. Die Stubeten und Konzerte im Restaurant Farbhof in Altstetten seien «sehr gut besucht», heisst es auf Anfrage, und auch in der Brasserie Federal im Hauptbahnhof setzt man immer mehr auf Live-Ländlermusik. «Die Stimmung ist mit Volksmusik immer gleich fröhlicher», sagen die Gastgeber. In der Tonhalle erklingt während der «Stubete am See», die seit drei Jahren dort und auf dem Bauschänzli stattfindet, auch immer wieder moderne Ländlermusik. Und im Club Hey am Bellevue wurde in den letzten Jahren eine Volksmusik-Stubete zum Highlight des Programms. Und obwohl der Club am 18. März seine Tore definitiv schliessen muss, geht es weiter mit der Volksmusik. Es steht bereits ein Konzept für die sogenannte Hey-City of Music in Oerlikon. Auch dort wird Ländlermusik wieder ihren Platz finden. zurück ins normale leben In der Aelpli-Bar wird die Stimmung immer ausgelassener. Inzwischen sind zehn Personen am musizieren. Eine Frau hat zum Schwyzerörgeli gegriffen, ein anderer spielt Gitarre, andere klopfen mehr oder weniger rhythmische Figuren auf die Holztische, auch mithilfe zweier Löffel. Jeder wünscht ein Lied, spielt selbst eines an, Jung und Alt spielen zusammen. Plötzlich ist es zwölf, die Bar schliesst. «Nocheines», ruft eine Geigerin, stimmt ein Appenzellerstück ein, alle machen mit. Am Ende legt die Frau ihren Geigenbogen auf die Seite, und blickt zufrieden in die Runde. «Es war wieder einmal herrlich heute. Ich bin immer traurig, wenn es vorbei ist. Nun muss ich wieder zurück in mein normales Leben.» Hüttenstimmung mitten in Zürich:In der Aelpli-Bar hält man die Tradition hoch und zeigt sich dem Neuen gegenüber doch jederzeit offen. Die Bar als gute Stube; die Einrichtung der Aelpli Bar stimmt bis ins kleinste Detail. Ländlerklänge wirken:«Die Stimmung mit dieser Musik ist immer gleich fröhlicher.» In der Aelpli-Bar. Die einzige Auflage war, das Lokal «im Sinn der Einrichtung» zu betreiben, also volkstümlich. Die Gäste rücken zusammen und packen die Instrumente aus. Im Sex-Pistols-Shirt an die Stubete:«Meine Freunde wissen, dass Volksmusik Teil meines Lebens ist – und finden das auch völlig okay.»

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