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Der Entschleuniger

Andy Mossner hat eine Uhr erfunden. Eine, auf der die Zeit nur schwierig abzulesen ist.

Von Edgar Schuler Warum in Dreiteufelsnamen soll ich eine Uhr tragen, auf der ich die Zeit nicht ablesen kann? «Zur Entschleunigung», tönt es sonor von Andreas Mossner. Mit der Stimme eines «Tagesschau»-Sprechers ergänzt er: «Eine normale Armbanduhr wirft einem die Zeit an den Kopf. Aber meine regt zum Nachdenken an.» Dann erzählt der 43-Jährige davon, dass er sich in den letzten drei Jahren «gehäutet» habe. Und von seinem Engagement in der reformierten Kirche. Und von seinen Postkarten, die er selber fotografiert und eigenhändig mit dem Motorrad an ausgewählte Kioske liefert. Der einstige Fotoredaktor und Werber hat eine komplexere Persönlichkeit, als es seine geschliffene Sprache und sein Marken-Shirt vermuten lassen. Zifferblatt ohne Zeiger In Mossners Lebensmittelpunkt steht im Moment die Uhr. Sechs Jahre hat er daran getüftelt. Das Besondere: Das Zifferblatt hat weder Zeiger noch eine digitale Anzeige. Die Uhr zeigt die Zeit schlicht als Fläche an. Blau ist die Zeit, die an diesem Tag noch vor einem liegt. Weiss ist die abgelaufene Zeit. Das gibt dem Träger zwar eine Ahnung von der ungefähren Tageszeit. Aber nur wer ganz genau schaut, kann an der Skala auf die Minute erkennen, wie spät es ist. Die ersten seiner Partime-Uhren sind Wandmodelle. Die Einzelstücke hängen an den Wänden der Sihlcitykirche, der Berner Steuerverwaltung und anderswo. Jetzt gibt es die Uhr auch als Armbandmodell. Nach einem guten Dutzend Prototypen sind die ersten 500 Verkaufsexemplare fertig und liegen in einem Keller des Technoparks zur Auslieferung bereit. Material: rostfreier Stahl. Durchmesser: 45 Millimeter. Wasserdicht: bis 30 Meter. Hersteller: eine Firma in Biel. Jetzt kann Mossner allen, die ihm begegnen, erzählen: «Ich habe eine Uhr erfunden.» Ja genau, wie schon Mani Matter gesungen habe. Damit weckt Mossner garantiert das Interesse, das er für den Absatz seiner Uhren braucht. Wie Mossner freimütig erzählt, war das mit dem Erfinden aber überhaupt nicht so eine gradlinige Sache, wie der Mani-Matter-Text suggeriert. Denn die Grundidee eines Matrix-Zifferblatts ist nichts Neues. Der ehemalige Sulzer-Ingenieur Heinz Mutter baut in Winterthur seit 2003 quadratische Wanduhren, die den Zeitlauf ebenfalls als Fläche anzeigen. Jede Stunde ist dabei eine Farbsäule, die langsam wächst. Wenn die zwölf Säulen voll sind, leeren sie sich, und die Zeitmessung beginnt von vorn. Erfinder Mutter ging mit seinen Uhren 2002 zu Mossners Werbebüro im Technopark, um Prospekte dafür gestalten zu lassen. Mossner riet Mutter, die Uhr zu verbessern und kam von dieser Idee nicht los. Er stellte das Konzept auf den Kopf und erweiterte die Matrix- in die Kreisform. Grundidee übernommen «Er erfüllt sicher alle Bedingungen, die eigene Patente für seine Uhr rechtfertigen», sagt Heinz Mutter. «Aber mich befremdet es dennoch, dass er die Grundidee der Flächenanzeige einfach so übernommen hat.» Mossner selber fühlt sich durch seine eigene, jahrelange Tüftlerarbeit berechtigt, als Erfinder seiner Uhr zu gelten. Ohnehin sind die beiden in verschiedenen Märkten tätig: Mutters quadratische Modelle für die Wand sind ab 5800 Franken zu haben. Mossners Armbanduhr kostet 498 Franken. Das ist zu wenig, um einen der grossen Uhrenhändler an der Bahnhofstrasse dafür zu interessieren. Und wie war denn das mit dem Häuten? Andy Mossner erzählt, wie er als 25-Jähriger im gerade neu eröffneten Technopark sein eigenes Werbebüro gegründet hatte. Wie das Unternehmen auf sieben Angestellte und fünf Freelancer wuchs, wie er Lehrlinge ausbildete, Dozent wurde und Prüfungen für Werbediplome abnahm. Wie er für Start-ups im Technopark Firmenlogos und Erscheinungsbilder schuf. Und wie er dann mit dem weltweiten Verpackungskonzept der Lindor-Schokoladekugeln von Lindt & Sprüngli den grossen Coup landete. Das Honorar für diesen Auftrag erlaubte ihm, zu entschleunigen, das Werbebüro abzuwickeln und sich der Entwicklung seiner Uhr zu widmen. «Alles liegt in der Güte von Gott» Mossners Persönlichkeit hat weitere Facetten. Unerwartet fällt im Gespräch über die Uhren ein Satz wie «Alles liegt in der Güte von Gott». Er habe sich das Gottesbild seiner Kindheit bewahrt, sagt Mossner. Er erzählt, wie er sich in der evangelischen Landeskirche einsetzt. Er hat kein offizielles Amt, aber er engagiert sich beim Aufbau eines neuen kirchlichen Begegnungszentrums in der Überbauung Limmatwest im Industriequartier. Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist kennt – und schätzt – Mossner wegen dieses Engagements und seines Ideenreichtums als «Farbtupfer» und etwas «lebendigen Vogel». In der Startphase des Verkaufs seiner Partime-Uhr beschäftigen ihren Schöpfer jetzt aber weit weltlichere Aufgaben. Zwar haben Freunde und der erweiterte Bekanntenkreis schon gegen 200 Stück der nummerierten Erstauflage gekauft. Mossner braucht aber neben dem Onlineverkauf weitere Geschäfte, die seine Erfindung an die Kunden bringen.Und da kommt dem Erfinder unerwartet eine zweite (oder dritte?) Berufung zu Hilfe. Mossner betreibt nämlich noch einen Verlag, einen Postkartenverlag. Er fotografiert Zürichs schönste Sujets, bewusst ganz so, wie es den Touristen am besten gefällt: Altstadt und Grossmünster vor den Bergen im schönsten Licht. Damit beliefert er Zürcher Kioske und Souvenirshops. Die persönlichen Beziehungen aus diesem Geschäft nutzt Mossner jetzt auch für den Verkauf seiner Uhren. Bei Andy Mossner selber gibt es offensichtlich kein Entschleunigen. Website von Andreas Mossners Partime-Uhren: www. partime.ch. Die Uhren von Heinz Mutter auf: www.chronarte.ch. Heinz Mutters Matrix-Uhr. Foto: PD Es ist ungefähr kurz nach vier. Andy Mossner mit Wand- und Armbanduhr. Foto: Sabina Bobst

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