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Der Albtraum aller Autofahrer

Stefan Guggisberg baut die ausgeklügeltsten Blechpolizisten der Welt. Den Frust gebüsster Automobilisten kann der Chef der Firma Multanova trotzdem verstehen.

Von Liliane Minor Uster – Hin und wieder lassen Automobilisten ihren Frust per Mail an Stefan Guggisberg aus. Die Netteren raten ihm zu einem Besuch beim Psychiater, die Rabiateren beschimpfen ihn als Schwein und fordern ihn auf, keinen «solchen Scheiss» mehr zu produzieren. Und Einzelne äussern handfeste Drohungen. «Bussen sorgen halt für Emotionen», sagt Guggisberg trocken. Dass er diese Emotionen zu spüren bekommt, daran hat sich der 41-jährige Geschäftsführer von Multanova gewöhnen müssen. Was die 15-Mann-Firma am Ortsrand von Uster herstellt, ist der Albtraum aller Automobilisten, die es mit den Verkehrsregeln nicht immer ganz genau nehmen. Multanova baut seit 59 Jahren Radarfallen. Mit dem Radar 6F wurde die Firma weltbekannt – es gibt sogar einen Playmobil-Spielzeugpolizisten mit genau diesem Radargerät. In letzter Zeit hat Multanova gleich mit zwei Entwicklungen für Schlagzeilen gesorgt: zum einen mit einer Anlage, welche die Geschwindigkeit nicht mehr nur an einem Punkt, sondern über einen kilometerlangen Strassenabschnitt hinweg messen kann. Im Januar ging beim Arisdorftunnel im Kanton Basel die erste solche Anlage der Schweiz in Betrieb – vorerst probeweise, die Behörden wollen zuerst Erfahrungen mit der neuartigen Kontrolle sammeln. Zum anderen mit dem «Superradar», der den wohlklingenden Namen Traffi-star SR 590 trägt und seit letztem Mai auf dem Markt ist. Dieser Blechpolizist ist im wahrsten Sinn des Wortes multitaskingfähig. Er kann unter anderem die Geschwindigkeit von 22 Fahrzeugen kontrollieren, den Sicherheitsabstand überprüfen, Falschabbieger und Drängler ertappen und riskante Überholmanöver aufdecken. Und das alles gleichzeitig. Wenigstens theoretisch. In der Praxis ist der Superradar in der Schweiz bisher nur für Geschwindigkeits- und Rotlichtkontrollen zugelassen. Beide Neuentwicklungen haben die Autolobby ins Hyperventilieren gebracht. Sie fürchten die totale Überwachung und die staatliche Abzockerei. Im Zürcher Kantonsrat ist eine Motion von Fuhrhalter Heinrich Frei (SVP) hängig, der ein Verbot der Abschnittsgeschwindigkeitskontrolle im Kanton Zürich fordert. Ein klein wenig kann Stefan Guggisberg die Automobilisten verstehen. «Ich bin kein Autogegner», versichert er, «ich fahre Auto, Töff und Lastwagen, und all das tue ich gerne.» Und auch er ärgere sich, wenn er einmal geblitzt werde: «Es ist keineswegs so, dass ich dann den Plausch habe, wie gut unsere Geräte funktionieren.» Keine totale Überwachung Den Vorwurf, er trage zur totalen Überwachung bei, weist Guggisberg von sich. Es sei nicht die Idee, dass der multifunktionale Blechpolizist jederzeit alles überwache, was theoretisch überwachbar wäre. Man müsse je nach Standort überlegen, was sinnvoll sei. Als Beispiel nennt er die Autobahn Zürich–Bern: «Dort in der Stosszeit das Einhalten des Abstands überwachen zu wollen, wäre sinnlos. In der Hauptverkehrszeit kann man auf der A 1 den Sicherheitsabstand beim besten Willen nicht einhalten, weil sich dann sofort andere in die Lücke drängen.» Guggisberg ist überzeugt, dass die beiden neuen Geräte seiner Firma, richtig eingesetzt, den Automobilisten sogar mehr Fairness bringen. Die ersten Erfahrungen im Arisdorftunnel zeigten, dass die Zahl der Bussen zurückging. Weil das System die Durchschnittsgeschwindigkeit errechnet, werden punktuelle Überschreitungen – beispielsweise bei einem Überholmanöver – ausgebügelt. Der Superradar anderseits sorgt dafür, dass niemand mehr durch puren Zufall ungeschoren davonkommt. Wenn beispielsweise auf einer mehrspurigen Strasse zwei parallel fahrende Autos geblitzt werden, ist bei traditionellen Messgeräten oft nur schwer oder gar nicht eruierbar, welches zu schnell fuhr. Anders beim Superradar: Der weiss, wer der Raser ist. Für Guggisberg ist es aber ohnehin nicht entscheidend, wie viele Bussen wegen eines Radars verteilt werden. «Zentral ist, dass Radargeräte, richtig eingesetzt, die Verkehrssicherheit erhöhen», sagt er. «Wenn man, wie wir bei Multanova, hin und wieder Unfälle zu sehen bekommt, dann weiss man, dass es sich lohnt, etwas dagegen zu tun.» Erst zwei im Kanton Zürich Noch ist der Superradar in der Schweiz erst an einzelnen Orten im Einsatz. Im Kanton Zürich steht je einer im Bezirk Hinwil und Dietikon, drei weitere sind in den Kantonen Genf, Tessin und Basel in Betrieb. Für das laufende Jahr rechnet Guggisberg mit rund 50 Bestellungen für das Gerät, das mit Kosten von rund 70 000 Franken nicht teurer ist als herkömmliche Radaranlagen. Die Zürcher Kantonspolizei wird nach eigenen Angaben vorerst keine weiteren Superblitzer beziehen. Beschimpfungen und Drohungen gehören zum Beruf: «Mister Superradar» Stefan Guggisberg im Ustermer Büro.Foto: Reto Oeschger

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