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Den Einsendeschluss verpasst

Die kleine Geschichte 1956 schickte ein Winterthurer eine Postkarte nach Hamburg. Jetzt traf sie dort ein. Auf dem Titelbild des deutschen Magazins «Stern» verspricht die Fantasiefigur Kessi am 18. Dezember 1955 das grosse Glück: «10 000 Preise im Wert von Hunderttausend DM» gibt es im Wettbewerb zu gewinnen. Rittlings sitzt die rotblonde Kessi, in Matrosenpulli und Capri-Hosen, auf einem weissen Drahtstuhl und lächelte von der Frontseite. Walter Schellenberg aus Winterthur kauft sich die Kessi-Ausgabe am Kiosk an der Zürcherstrasse. Der 42-Jährige arbeitet als Kranführer bei der AG Baugeschäft Wülflingen. Der Vater einer Tochter und eines Sohns hat sich vom Handlanger hochgearbeitet. Die Familie lebt in einfachen Verhältnissen, das Geld ist immer knapp. Schellenberg fährt mit einem alten Mofa zur Arbeit. Seiner Frau und seinen Kindern hat er schon lange einen Ausflug nach Engelburg am Fusse des Tannenbergs versprochen. Würde er den ersten Preis gewinnen, könnte er seine Familie im eigenen Wagen ins St.-Gallische fahren, in einem Borgward Isabella. Der «Stern» preist den Wagen als «prachtvolle viersitzige Limousine mit Heizung» an, Wert: 7140 DM. Eine «Traumreise nach Rio mit der Panair do Brasil» winkt als zweier Preis. Weniger interessieren Schellenberg die «Opal-3-D-Stretchstrümpfe» oder die «Wanduhren der Marke Erika mit Kordeleinfassung».Im Wettbewerb gilt es drei Fragen zu beantworten, die sich um Kessis Hochzeit drehen: In wen hat sie sich verliebt? Wie viele Personen waren auf ihrer Verlobungsfeier? Wer gratulierte ihr zur Hochzeit? Die Antworten liefert ein Bilderroman in drei Folgen. Im Roman buhlen die Musiker des Jazzquintetts Die 5 Jotts um Kessis Gunst. Kurz vor Silvester 1955 kauft sich Schellenberg die «Stern»-Ausgabe mit dem letzten Teil der Rätselserie. Darin ist ein Kaminfeger zu sehen, der Kessi einen Strauss überreicht. Darunter steht: «. . . und wir drücken Ihnen den Daumen für einen der Hauptgewinne!» Nach der Jahreswende legt Schellenberg die drei «Stern»-Hefte vor sich hin und schreibt mit einem schwarzen Kugelschreiber seine Antworten auf eine Postkarte: «1. Kessi hat sich in Jim verliebt. 2. Es waren 18 Personen auf Kessis Verlobungsfeier. 3. Es gratulierten alle ‹Stern›-Leser zu Kessis Heirat.» Er zeichnet mit «Achtungsvoll grüsst» und frankiert die 10-Rappen-Postkarte zusätzlich mit einer 5- und einer 10-Rappen-Marke. Am 12. Januar, drei Tage vor Einsendeschluss, wirft er die Karte in einen Briefkasten. Auf dem Briefamt Winterthur 1 stempelt ein Beamter zwischen 21 und 22 Uhr abends die Postkarte. Auf die Briefmarken drückt er den Stempel «Radiohörer, nehmt Rücksicht auf eure Nachbarn». Die Jahre ziehen ins Land. Schellenbergs Kinder arbeiten mittlerweile beim Lebensmittelhändler Volg: die Tochter in der Lochkartenabteilung, der Sohn als Produktmanager. Am Mittwochmorgen, dem 30. August 1972, ist das Wetter leicht bewölkt. Schellenberg macht sich wie immer um 5.30 Uhr auf den Weg zur Arbeit. Erstmals steigt der 59-Jährige auf sein brandneues Pony-Mofa, sein altes hat er der Tochter vererbt. Schellenberg zieht sich seine Schiebermütze ins Gesicht und gibt Gas. Wenig später biegt er von der Anton-Graff- in die Theodor-Kirchner-Strasse und prallt mit einem Autofahrer zusammen. Der Lenker hat ihm die Vorfahrt verweigert. Schellenberg schlägt hart mit dem Kopf auf und stirbt später im Spital an einem Schädel-Hirn-Trauma.Vor wenigen Tagen ist Schellenbergs Karte auf der «Stern»-Redaktion in Hamburg eingetroffen. Glück hätte sie ihm nicht gebracht. Zwei Antworten waren falsch: Kessi hat sich nicht in den Schlagzeuger Jim, sondern den Bassgeiger Jan verliebt, und an Kessis Verlobungsfeier waren nicht 18, sondern 17 Gäste anwesend, schrieb der «Stern». Warum die Postkarte so lange unterwegs war, konnten weder die Deutsche noch die Schweizer Post beantworten. Benno Gasser 55 Jahre unterwegs: Postkarte aus Winterthur nach Hamburg.

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