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Das US-Auslieferungsbegehren bleibt bestehen

Während das offizielle Frankreich jubelt, spricht die US-Regierung von einer Enttäuschung.

Reaktionen im Ausland Von Oliver Meiler, Marseille, und Walter Niederberger, San Francisco Der Entscheid aus der Schweiz sei erst am Montagmorgen in Washington eingetroffen, erklärte die Sprecherin des US-Justizministeriums, Laura Sweeney. Und fügte an, er sei «sehr enttäuschend». Die USA glaubten, der Antrag sei vollständig durch die Beweismittel gestützt, die Anforderungen des Auslieferungsabkommensantrags erfüllt. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Los Angeles lehnte jeden Kommentar ab. Ein Gerichtssprecher machte lediglich deutlich, dass der Auslieferungsantrag weiterhin Bestand habe: Polanski könnte überstellt werden, wenn er in ein Land reise, das ein Abkommen mit den USA abgeschlossen habe. Das Risiko dazu dürfte jedoch gering sein, da es die US-Justiz selber abgelehnt hatte, ein zentrales Dokument zu übermitteln. Dieses behandelt die Frage, ob beim Prozess von 1978 ein Justizirrtum vorlag. Im Tausch gegen eine Strafermässigung hatte sich Polanski damals der sexuellen Nötigung einer Minderjährigen schuldig bekannt und psychiatrisch begutachten lassen. Er verliess indessen das Land, als sich – entgegen der Abmachung – eine Strafverschärfung abzuzeichnen schien. Der umstrittene Vorgang wurde am 26. Januar dieses Jahres noch einmal mit dem damaligen Staatsanwalt geklärt, doch weigerte sich das US-Justizministerium, das Protokoll dieser vertraulichen Anhörung nach Bern zu übermitteln. Die Weigerung der USA, das verlangte Schriftstück zu übergeben, bildete den Schlüssel zur Lösung des Problems, sagte die frühere US-Anklägerin Annemarie McAvoy der Nachrichtenagentur Bloomberg. Beiden Seiten bleibe ein langer, unsicherer Prozess erspart. Mehrere US-Kommentatoren kritisierten die Absage aus Bern scharf. Eine Umfrage des «Wall Street Journal» unter den Lesern zeigte, dass drei Viertel den Schweizer Entscheid verurteilten. Eugene Robinson, Chefkommentator der «Washington Post», setzte dabei den – nahezu rassistischen – Tonfall in einer äusserst emotionalen Debatte: Zunächst teilte er einen Seitenhieb gegen den «unangemessen libidinösen» Woody Allen aus, rollte anschliessend noch einmal alle Details von Polanskis Vergewaltigung auf, verglich ihn mit einer Ratte und rief zum Boykott seiner Filme auf. Steve Lopez meinte in der «Los Angeles Times», Polanski sei dank einem «juristischen Unsinn» freigekommen. Nie dürfe man vergessen, dass es um eine Vergewaltigung gehe, nicht um juristische Kniffe. Lévy ist «verrückt vor Freude» In Frankreich wurde der Entscheid mit Erleichterung und Genugtuung quittiert. Am überschwänglichsten äusserte sich der Autor und Philosoph Bernard-Henri Lévy, der damals unter Kulturschaffenden eine Petition für die Freilassung Polanskis aufgesetzt hatte: «Ich bin ganz verrückt vor Freude. Ich habe es so erwartet, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass eine bedachte Justiz zu einem anderen Schluss gelangen könnte.» «Mit Zufriedenheit« nahm Kulturminister Frédéric Mitterrand die Kunde entgegen. Er hoffe, dass nach den Polemiken nun Frieden einkehre. Mitterrands Communiqué war vergleichsweise institutionell und nüchtern gehalten – wohl nicht zufällig: Er handelte sich viel Schelte ein, nachdem er der Schweiz in einer ersten, emotionalen Reaktion vorgehalten hatte, «einen Cinéasten von internationalem Rang» auf angeblich «absolut schreckliche Art» behandelt zu haben.

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