Zum Hauptinhalt springen

Das Tempo des Eurozerfalls macht der Industrie am meisten zu schaffen

Vom Bund erwartet niemand Hilfe. Stattdessen verlagert man, rationalisiert – oder hofft auf Billigkräfte.

Von Andreas Flütsch Die Szene am Industrietag von Swissmem gestern in Zürich spricht für sich. Das griechische Parlament habe das Sparpaket gebilligt, der Euro bewege sich wieder über 1.20 Franken. Spontaner Applaus im Saal, als Hans Hess, der Präsident des Industriedachverbands, den 1300 Teilnehmern die frohe Botschaft nach der Pause verkündet. Der harte Franken sei «eine Katastrophe», sagt Ernesto A. Maurer, Chef des Textilmaschinenherstellers SSM in Horgen ZH. Konkurrenten aus der EU, etwa aus Italien, könnten wegen des schwachen Euro bis 20 Prozent günstiger anbieten, seine Bruttomarge werde dadurch praktisch halbiert. Ein solches Kostengefälle könne man nicht nur mit Rationalisieren überwinden, sagt Maurer. SSM habe bereits ein Werk in China, stehe solide da. Wenn sich der Euro aber mittelfristig nicht deutlich erhole, müsse die Produktion noch mehr nach Indien und China verlagert werden.Am meisten macht den im Export tätigen Industriefirmen das Ausmass und mehr noch das Tempo des Wertverfalls beim Euro zu schaffen. «Das geht alles viel zu schnell», sagt Walter Gränicher, Präsident der Maschinenfirma Schlatter in Schlieren ZH: «Allein in den letzten eineinhalb Jahren ist der Euro von 1.50 auf 1.20 Franken gefallen.» Um einen solchen Kostenschub zu verdauen, brauche die Industrie Zeit. Schlatter prüft derzeit, wie etwa bei Schweissanlagen für Radiatoren die Kosten um 30 Prozent gesenkt werden können. Was aber nicht auf die Schnelle umsetzbar sei. Vom Staat nicht viel zu erwarten Dagegen winken Unternehmer nur müde ab, wenn sie auf ihre Erwartungen an die Nationalbank, den Bund und die Kantone angesprochen werden. Von der Politik sei wenig Hilfe zu erwarten, sagt auch Swissmem-Präsident Hess: Allzu vielen Politikern in der Schweiz «geht es heute primär um Wählerstimmen und nicht mehr um das langfristige Wohl unseres Landes». Hess ermahnte die versammelten Industrieexponenten: «Wir müssen unser Schicksal selber bestimmen.» Kleinere Firmen etwa müssten «sich vermehrt zusammenschliessen», um im Einkauf bessere Preise auszuhandeln. Viele Unternehmen kämen nicht um Verlagerungen in «Wachstumsregionen» herum. «Das wird im Arbeitsmarkt Schweiz gewisse Konsequenzen haben», befürchtet Hess, «ist aber für den Erhalt der Konkurrenzfähigkeit für viele Firmen unausweichlich.» Den Import zusätzlicher Spezialisten dürfe man dennoch nicht bremsen, glaubt Hess. Er wirft der SVP vor, die Partei wolle «zurück zur kommunistischen Planwirtschaft mit Kontingenten». Das sei der falsche Weg. «Wir sind auf diese 2000 bis 3000 Fachleute aus dem Ausland angewiesen». Nur Kosten senken reiche nicht. Die Industrie müsse noch innovativer werden, dazu brauche es die stetige Zufuhr von Topkräften.Der harte Franken trifft, neben den Exporteuren, längst auch die Binnenwirtschaft. Ein krasses Beispiel ist die Firma AGI in Dällikon ZH, die Isolierungen für Kälte, Wärme und Schall produziert. Die Schweizer Baubranche laufe zwar gut, AGI mache immer noch Gewinn, der Margenschwund sei dennoch «dramatisch», sagt Wolf D. von Stauffenberg, Delegierter des Verwaltungsrats. Monteure für 10 Euro holen? Ein Grund seien die hohen Löhne der 250 Monteure in der Schweiz. Für sie müsse er im Verkauf bis 70 Euro pro Stunde einrechnen. AGI prüfe, ob man Gruppen von Monteuren beispielsweise aus Polen holen solle, die für 10 Euro die Stunde arbeiten. Zudem werde geprüft, ob AGI sich wie deutsche Konkurrenten aufs Engineering beschränken und die Produktion ganz auslagern soll. Die Firma ParkingTec in Horgen ZH verkauft Parkingsysteme an Schweizer Kunden. Und kann sie mit gutem Service halten. Der Kostendruck sei dennoch enorm, weil Konkurrenten aus Deutschland oder Österreich dank Euro so viel Spielraum hätten. Das sei im Schraubengeschäft nicht anders, heisst es auch bei der Zuger Bossard-Gruppe.Wer erst jetzt über Verlagerung nachdenke, sei spät dran, sagt Thomas Nägelin, Verkaufschef von Fraisa in Bellach SO. Wichtig fürs Überleben seien Innovation – und die Konzentration auf die «eigene Kernkompetenz». Das «Beigemüse» dagegen könne man auslagern. Der harte Franken trifft auch Unternehmen, die für die Schweizer Binnenwirtschaft produzieren. Foto: Marc Latzel (Keystone)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch