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Das lange Drama um «Fantantonio»

Antonio Cassano, eines der grossen Fussballtalente Italiens, hat sich wieder einmal selbst entzaubert.

Von Oliver Meiler Es gibt nun Videorekonstruktionen der Szene – wie bei einem Kriminalfall. Sie basieren auf Zeugenberichten. Und da der Dialog, der hier verhandelt wird, unpublizierbare Schimpfwörter enthielt, setzten die italienischen Zeitungen Ausfallpünktchen ein an den heiklen Stellen, ohne damit freilich jemanden im Ungewissen zu lassen über die krude Originalversion. In den Hauptrollen zwei Männer: Riccardo Garrone, 74 Jahre alt, Erdölindustrieller und Präsident des Vereins Sampdoria Genua – und Antonio Cassano, 28 Jahre alt, aus Bari, eine vaterlose Jugend in einem schwierigen Quartier, immer hart an der Grenze der Legalität, den sie auch «Fantantonio» nennen, weil er so fantastisch Fussball spielen kann. Garrone bittet in dieser Szene, die sich vor einigen Wochen abspielte, seinen teuersten Angestellten – Nettolohn: 3 Millionen Euro – ihn zu einer Prämierung in ein Hotel in Sestri Levante zu begleiten. Ausgezeichnet werden soll nicht etwa Garrone, der hier als Bittsteller auftritt, sondern Cassano selber. Garrone: «Ich wäre froh, wenn du mit mir nach Sestri Levante kommen würdest. Es reicht, wenn du diese Prämie abholst, fürs Essen musst du nicht bleiben.» Cassano: «Nein. Nach Sestri komme ich nicht. Warum sollte ich eine Prämie in diesem beschissenen Hotel abholen?» Garrone: «Für wen hältst du dich eigentlich? Und sag jetzt nicht, dass ich laut werde. Ich bin noch nie laut geworden mit dir, das weisst du.» Cassano (beim abrupten Verlassen des Zimmers): «Fahr zur Hölle, du altes A . . .» (Es folgte noch eine lange Serie sehr unhübscher Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie.) Der Intuitivste seit Baggio Die Zeitungen halten diesen Dialog deshalb im Wortlaut fest, weil er so gut zu einem Drama passt, dem die Italiener nun schon seit zehn Jahren mit Verwunderung und Bedauern beiwohnen. Cassano, vielleicht der technisch versierteste und intuitivste italienische Fussballer seit dem verehrten Roberto Baggio, verspielt regelmässig die Liebe seiner Fans. Seine vielen Ausfälle, die verbalen Tiraden und Handgreiflichkeiten, die in einer leicht verständlichen Wortkreation auch «cassanata» genannt werden, trüben die Sicht auf seine Künste am Ball nachhaltig. Ein Sportjournalist mutmasste einmal, dass Cassano, wenn er nicht Fussballprofi geworden wäre mit 17, im Knast geendet hätte. Das gab damals viel zu reden, deckte sich aber mit der Wahrnehmung im Volk. So resistent schien er zu sein gegen jede eingeforderte Disziplin, gegen jede Regel. Es hiess immer, er komme stets zu spät und akzeptiere keine taktische Anweisung. Wenn ihn in seiner Karriere jeweils ein Trainer auswechselte, verwünschte er ihn in der Regel laut. Einem sagte er einmal beim Verlassen des Feldes: «Ich warte draussen auf dich.» Er prügelte sich schon mit Trainern. Und auch mit Schiedsrichtern. Nach der «cassanata» gegen Garrone ist er bei Sampdoria in Ungnade gefallen, spielt nicht mehr, und das mitten in einer Saison, die gut angefangen hat. Er hat noch versucht, sich zu entschuldigen, bot gar 1 Million Euro an als Wiedergutmachung, kroch einige Tage lang zu Kreuze, was sonst gar nicht seine Art ist. Doch der alte Patron liess sich nicht erweichen. Im Januar ist «mercato», Transfermarkt. Und Cassano hofft nun, dass er noch eine weitere Chance erhält. Vielleicht aus Mailand von Inter, aus Palermo oder aus Florenz. Juventus Turin liess ausrichten, man interessiere sich nur für Spieler, die sich erwachsen aufführten und einen festen Charakter hätten. Bei Real Madrid gescheitert Garrone, muss man wissen, hatte Cassano vor drei Jahren zurück nach Italien geholt, nachdem das ewige Grosstalent bei Real Madrid gescheitert war. Nach nur einem Jahr, recht kläglich: Er spielte 19-mal und traf nur zweimal. Das ist dürftig für einen grossen Stürmer. Seine fünf Jahre davor bei der AS Roma waren da schon viel erfolgreicher gewesen. In Rom hatte ihn zunächst Fabio Capello trainiert – ein harter Hund, der einzige Coach, der ihn je in den Griff bekam. Auch er nicht ohne Mühe, aber mit viel Autorität. In jener Zeit gab Cassano auch nie Interviews, sprach nur hinter vorgehaltener Hand. Und das war gut so. Wenn er nämlich redet, der kleine Rebell mit dem markanten Pockennarbengesicht, kommt selten viel Gescheites heraus. In seiner Autobiografie «Dico tutto» («Ich sage alles») rühmt er sich, mit 700 Frauen geschlafen zu haben. Garrone gab ihm also eine neue Chance, eine unverhoffte, obwohl man ihm dringend davon abgeraten hatte. Die beiden verband eine Vater-Sohn-Geschichte – oder eine Grossvater-Enkel-Geschichte. Die Idylle in der Fussballprovinz war so schön, dass das Nachrichtenmagazin «L’Espresso» vor einem Jahr von einem «anderen Cassano» schwärmte: gereift mutete er an, ruhig. Und er war verliebt in eine junge Wasserballerin, die ihm Halt gab und die er mittlerweile geheiratet hat. «Wenn ihr mir Zuneigung zeigt», hatte Cassano bei seiner Ankunft in Genua den Tifosi zugerufen, «dann gebe ich euch 110 Prozent.» Sie liebten ihn dafür. Er war wieder ganz das Genie, tänzelte die Gegner aus, servierte wunderbare Bälle in die Tiefe, feierte ausgelassen. Die Mamma ist immer dabei Angereist war er einmal mehr mit seinem ganzen Hof: mit seinen drei besten Freunden und mit Mutter Giovanna, die ihn immer überallhin begleitet. Halb Italien bedrängte Marcello Lippi vor der letzten Weltmeisterschaft, diesen verwandelten Cassano mitzunehmen nach Südafrika. Es gab Petitionen, die Läuterung schien endgültig vollbracht. Doch Lippi liess ihn zu Hause, was wohl in einer persönlichen Animosität begründet war, und versagte Cassano damit die triumphale Rückkehr ins Nationalteam, obwohl er gerade so gut spielte wie kein anderer Italiener. Vielleicht lag ja in dieser Schmach schon der Keim von Cassanos Rückfall. Oder vielleicht musste man in seiner einst selbst gewählten Rückennummer bei Sampdoria ein Omen lesen – 99. Nicht ganz hundert. Nur das Trikot ausziehen, ist ihm zu wenig: Antonio Cassano.Foto: Keystone

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