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Das Jazzfestival Willisau ist auf der Suche nach einem neuen Profil

Das diesjährige Jazzfestival Willisau war das erste unter dem neuen Leiter Arno Troxler. Es kam achtbar über die Runden.

Von Christoph Merki, Willisau Die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Niklaus Troxler, der das Willisauer Jazzfestival aufgebaut hat, freute sich am Samstagabend vor der Konzerthalle in Willisau wie ein Kind. Drinnen hatte der französische Saxofonist Emile Parisien das Publikum zu Begeisterungsstürmen verleitet. Zwar hat Troxler die Festivalleitung nach 35 Jahren an seinen Neffen Arno übergeben, aber noch immer fiebert er mit. Am Nachmittag hatte er noch verhalten, ja fast bedrückt gewirkt: «Die alten Willisau-Fans halten dem Festival auch dieses Jahr die Treue», meinte er, «aber die Jungen sind ausgeblieben.» Tatsächlich besuchten 15 Prozent weniger Leute das Festival als im Vorjahr, 3200 waren es insgesamt. Nach dem Stabwechsel von Niklaus zu Arno Troxler hatte die grosse Frage gelautet: Was macht der «Neue» aus dem traditionsreichen Anlass? In der Geschichte des Jazzfestivals Willisau haben unzählige ganz grosse Jazzmusiker auf der Bühne gestanden. Doch am diesjährigen Festival waren an wirklich bekannten internationalen Musikern nur gerade die E-Bassistin Meshell Ndegeocello und die norwegische Sängerin Sidsel Endresen vertreten. Das hat nicht nur damit zu tun, dass das fünftägige Festival ein Budget von nur 500 000 Franken hatte (nochmals 100 000 Franken weniger als letztes Jahr), sondern auch mit den Vorlieben Arno Troxlers. Der ist selbst Jazzschlagzeuger mit einer Affinität zum zeitgenössischen Rock, vor allem ist er bestens vernetzt mit der jüngeren kreativen Schweizer Musikszene. So wurde dieses Festival zu einer Hoch-Zeit des jüngeren innovativen Schweizer Jazz. Ein durchaus typisches Konzert war jenes von (na)Palmt(h)ree am Freitag. In den ersten zehn Minuten war man etwas besorgt, ob das Trio mit dem jungen Schweizer Posaunisten Andreas Tschopp, dem E-Bassisten Lionel Gafner und dem Bandleader, Drummer Fred Bürki, einen Konzertbogen über anderthalb Stunden zu bauen vermöge. Doch das änderte sich schnell. Es ist nicht das Harmonische, das diese Musik abwechslungsreich macht. Es sind vielmehr der klangliche Einfallsreichtum und auch die teils trashige Rockenergie. Ein druckvolles Powertrio zwischen Punkrock und Jazz, dessen Musiker auch mit den Noise-Abenteuern der elektronischen Musikergeneration gross geworden sind. Man konnte hier eine weitgehend unbekannte Band entdecken. Reizvoll auch der Auftritt der Zürcher Science Fiction Theater um den Saxofonisten Christoph Grab am Samstag: eine witzig-ironische und mit den musikalischen Stilen jonglierende imaginäre Filmmusik. Als weiteren originellen Musiker hatte das Festival auch den Winterthurer Keyboarder und Komponisten Felix Profos mit seinem siebenköpfigen Ensemble Forcemajeure verpflichtet. Neun fein gehäkelte Kompositionen von Profos wurden interpretiert, und wenn sonst das Programm eher Nahtstellen zwischen Jazz und Rock erforschte, so war dies der Brückenschlag zur Neuen Musik. Profos’ Ensemble brachte eine über weite Strecken sehr leise gehaltene Musik; zauberische, filigrane und sehr originelle Klänge. Ein Quartett in Aufruhr Eine Vielfalt an kreativen Tönen aus der jüngeren Schweizer Szene also. Und doch: Sie wollten einen nicht ganz befriedigen. Es waren am Ende doch Formationen aus dem Ausland, die das prickelnde Gefühl aufkommen liessen, dass in Willisau ganz grosse Musik spielen könne. Vor allem eben das Quartett um Emile Parisien am Samstagabend. Jeder Musiker war hier ein Virtuose – und im blinden Einvernehmen spielte diese Gruppe sich durch ihre suitenartigen Stücke, in denen alle möglichen Einflüsse zusammenfanden, von Free über Noise bis hin zu impressionistisch verwehten und melomanen Klängen. Das Unerhörte war hier der Umgang mit den Energien – immer wieder spielte das Quartett sich in Aufruhr, erreichte Coltrane-artige Ekstasen. Es war ein grossartiges Konzert, das einem schmerzlich bewusst machte, dass sonst die zwingenden Noten oft fehlten. Arno Troxler selbst hat sich für nächstes Jahr alles offengelassen in der Programmierung, will sich auch um eine bessere finanzielle Abstützung kümmern. Man wünscht ihm Erfolg dabei: Denn mit seiner ersten Ausgabe hat er gezeigt, dass er über einen starken künstlerischen Instinkt verfügt und das Zeug zu einer der raren wirklichen Veranstalterpersönlichkeiten in der Schweiz hat. Aber er täte gut daran zu bedenken, dass es hierzulande nicht nur junge Musiker gibt (die ältere Schweizer Jazzmusikergeneration war praktisch nicht vertreten). Und vor allem: Lange Jahre bestand das Mirakel von Willisau gerade darin, dass sich im kleinen Städtlein im Luzerner Hinterland die grosse Jazzwelt einfand. Jetzt droht eine Provinzialisierung des Anlasses. Seltsam: Wo man vielen anderen Schweizer Festivals wünschen würde, dass sie die einheimische Szene besser berücksichtigten, droht Willisau das Ausland abhandenzukommen.

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