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Das Federvieh vom Limmatquai wird flügge

Nach Jahrzehnten im Zürcher Asyl verlässt Silvio Mattiolis «Hahn» die Stadt. Die Eisenskulptur gelangt endlich aufs Dach der reformierten Kirche in Illnau-Effretikon. Ein Kunststreit verzögerte die Landung.

Von Peter Aeschlimann Zürich – Und wieder muss sich Zürich von einem seiner Kunstwerke verabschieden. Nachdem die Betonskulptur «Fanfare» im letzten Frühjahr in den Oberaargau abtransportiert wurde, schickt sich morgen Donnerstag der «Hahn» vom Limmatquai an, sein Zürcher Asyl endgültig zu verlassen. Die Eisenplastik darf – 50 Jahre nachdem sie der erst kürzlich verstorbene Zürcher Künstler Silvio Mattioli in seinem Wiediker Atelier geschmiedet hat – endlich aufs Dach der 1962 eingeweihten reformierten Kirche in Illnau-Effretikon. Die Schicksale von «Fanfare» und «Hahn» gleichen sich. Beide lösten in den Gemeinden, welche die Kunstwerke in Auftrag gegeben hatten, einen Kunststreit aus. Dabei war der Effretiker «Güggel» nur das Bauernopfer. Auslöser der Kontroverse war die neue, vom Zürcher Architekten Ernst Gisel erbaute Kirche. Namentlich der Glockenturm war grossen Teilen der Bevölkerung viel zu avantgardistisch. Eine «Seelenabschussrampe» oder «Giraffentränke» sei der Turm, wetterten sie in Leserbriefen. Und forderten, allerdings ohne Erfolg, eine Änderung des kühnen Bauwerks.Als schliesslich Künstler Silvio Mattioli auch noch seine ganz und gar nicht klassische Interpretation des Symboltiers ablieferte, erschraken die Leute von der Kirchenpflege abermals. Der sei nun des Guten zu viel, befanden sie, und sperrten den Hahn in den Heizungskeller des Gotteshauses. Erst auf drängende Fragen hin, wo sich denn das Kunstwerk befinde, wurde das eiserne Federvieh im Spätsommer 1962 auf dem Kirchenvorplatz aufgestellt, heisst es in einer Chronik. Lange Zeit durfte er dort jedoch nicht bleiben. Noch vor Weihnachten desselben Jahres beschloss die Kirchgemeindeversammlung mit 44 gegen 35 Stimmen die Verbannung des ungeliebten Hahns aus Effretikon. Der Hahn als Mauerblümchen Im Zolliker Kunstsammler und Stiftungsgründer Walter A. Bechtler fand man einen Käufer. Und der schenkte der Stadt Zürich 1963 die Skulptur anlässlich einer Silvio-Mattioli-Ausstellung im Helmhaus. Seither steht der Hahn am Limmatquai auf einem rund drei Meter hohen Eisensockel. Gleich neben dem Zwingli-Denkmal vor der Wasserkirche, mitten auf dem gepflasterten Trottoir. Und trotzdem scheint den Hahn bisher kaum jemand wahrgenommen zu haben. Das habe mit der «denkbar ungünstigen» Platzierung zu tun, vermutet Tiefbauamt-Sprecher Pio Marzolini. Eingequetscht zwischen Plakatständern und Zwingli sei die Plastik selbst von Vandalen stets verschont geblieben. Fast kann einem der Hahn leidtun. Steht da während eines halben Jahrhunderts, den Blick entschlossen Richtung Stadthaus, in einem Federkleid, das mehr an eine Ritterrüstung gemahnt. Und ausgerechnet jetzt, da dem Asylanten endlich Aufmerksamkeit geschenkt wird, bekommt er die Startfreigabe aus Effretikon. Dort hat man sich aus Anlass der 50-Jahr-Feier der Kirche an den Hahn erinnert. Nachdem Künstler, Architekt und Stiftung der Umplatzierung zugestimmt hatten, erbat Illnau-Effretikon die Stadt Zürich um die Rückgabe. Der Stadtrat prüfte das Gesuch wohlwollend und überlässt der Kirchgemeinde die auf einen Wert von 40 000 Franken geschätzte Skulptur als Dauerleihgabe. «Ein bisschen tut es schon weh», sagt Marzolini. Aber im Sinne der Kunst sei es die richtige Lösung. Dass nach der «Fanfare» und dem «Hahn» dereinst weitere, ihrer Zeit vorauseilende Kunstwerke Zürich verlassen werden müssen, kann Marzolini nicht ausschliessen. Um überstürzten Abschieden vorzubeugen, erstelle man derzeit ein Inventar aller Werke im öffentlichen Raum. Seit 50 Jahren startbereit: Der verschmähte Eisenvogel des Zürcher Bildhauers Silvio Mattioli (1929–2011). Foto: Doris Fanconi Diese Kirche wird Mattiolis Hahn künftig schmücken. Foto: Beat Marti

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