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Cybermobbing auf der Bühne und im realen Leben

Goethes Zauberlehrling ins Heute übertragen: Zwei Mädchen schmähen im Internet einen Kollegen und können die Lawine, die sie lostreten, nicht mehr stoppen. Das Theaterstück ist für manche bitterernst.

Von Helene Arnet Otelfingen/Baden – Die grosse Schwester hatte sie gewarnt: «Was einmal im Internet kursiert, bringst du kaum mehr raus.» Dennoch konnte sie es nicht bleiben lassen. Zusammen mit der Freundin hatte sie Daniel angemacht und – als der darauf reingefallen war – blossgestellt. Vor aller Augen. In der schönen neuen Welt: im Internet. Dort, wo es alle Kolleginnen und Kollegen sehen. Cybermobbing heisst diese Form von Ausgrenzen und Fertigmachen, welche laut Fachleuten unter Jugendlichen sprunghaft zugenommen hat (TA vom 13. April). Und «Cyberlehrling» heisst das Stück, das drei Oberstufenklassen aus Otelfingen und Baden zusammen mit dem Siggenthaler Jugendorchester am kommenden Samstag im Kurtheater Baden aufführen.Für einen der Schüler ist Cybermobbing nicht Theater, sondern Realität. Er erzählt von einem Freund, der Opfer eines solchen Angriffs wurde. Dieser ist einer jener Jugendlichen, die gerne für sich sind und zu keiner Gruppe gehören. Einer, der gut ist in der Schule und etwas anders spricht als die Kollegen. Mit ausländischen Wurzeln. Erst bedrohten sie ihn verbal und erpressten Geld von ihm. Dann kam es zu Handgreiflichkeiten. Sie schlugen ihn spitalreif. Danach ging die Tyrannei im Internet weiter und nahm Ausmasse an, die niemand mehr kontrollieren konnte. Wildfremde schmähten ihn Ein typischer Fall, wie Fachleute sagen: Mobbing beginnt oft in der realen Welt und wird anschliessend im Internet fortgesetzt, wenn den Tätern der Boden zu heiss wird. Plötzlich kursierten Bilder des Jugendlichen mit diffamierenden Kommentaren auf einem sozialen Netzwerk. Wildfremde Personen schmähten und beleidigten ihn. Während es früher in solch krassen Fällen oft hilfreich war, die Klasse oder das Schulhaus zu wechseln, bringt das bei Cybermobbing gar nichts. Innert Kürze waren die Kollegen am neuen Ort im Bild, und der Spiessrutenlauf ging weiter. Das Schlimmste sei für seinen Freund gewesen, dass er sich nicht wehren konnte. «Er kannte die Leute ja gar nicht. Er hatte keine Chance, es zu stoppen.» Vivien Schildknecht und Lara Schmid, die im Theaterstück die beiden Mobberinnen spielen, machen selbst nicht mit bei Facebook. Auch Mario Venanzi, der den gemobbten Daniel darstellt, hält nicht viel von solchen Plattformen. Doch sei das Thema Cybermobbing nicht von den Erwachsenen herbeigeredet. Man höre davon, und es gebe Kolleginnen und Kollegen, welche das «cool» finden. Die Geister, die er rief . . . Es sei auch sofort klar gewesen, welches Thema sich aufdränge, als ihr Lehrer Achim Lück bei der Behandlung des Gedichtes «Zauberlehrling» nach Analogien aus ihrer Gegenwart fragte, sagt die Drittsekschülerin Vivien. Goethes «Zauberlehrling» ist beliebter Schulstoff: «Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal fortbegeben . . .» Und dann verhext der faule Lehrling den Besen, damit er statt seiner Wasser trägt. «Walle, walle manche Strecke . . .», und alles gerät ausser Rand und Band: «Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.» Lehrer Lück griff den Vorschlag der Klasse auf und schrieb dazu ein Theaterstück: «Der Cyberlehrling. Ein Lehrstück mit Musik». Achim Lück ging es dabei auch um Kulturvermittlung. Er kombinierte Goethes Gedicht mit der Vertonung durch Paul Dukas (1865–1935). Er erzählt, wie verblüfft manche Schülerinnen und Schüler reagierten, als sie das Orchester erstmals spielen hörten. «Das ist ja geil», sagte ein Schüler, der noch nie ein klassisches Konzert besucht hatte. Ein anderer fragte, ob der Komponist auch an die Vorführung komme. «Die Musik klang für ihn absolut zeitgemäss.» Ein bisschen Happy End Als Lück das Stück seiner Klasse vorlegte, kam es gut an. Die grosse Schwester als Hexenmeister. Cybermobbing als Geist, den man nicht mehr stoppen kann. Nur der offene Schluss fiel durch. Man wolle wenigstens ein bisschen Happy End, fanden die Jugendlichen. Vier Mädchen schrieben das Ende total um: In der neuen Fassung entschuldigt sich ein Mädchen bei Daniel. Das Ende im realen Leben: Dem Vater des Opfers gelang es, die Urheber des Cybermobbings zu eruieren, ihnen ein Gesicht und einen Namen zu geben. Das sei zwar eine alte Geschichte, doch falle es seinem Freund immer noch schwer, darüber zu sprechen, beendet der Schüler seinen Bericht. Man sehe ihn in seinem Quartier kaum mehr auf der Strasse. Regie: Deborah Loosli, Dirigent: Marc Urech. Kurtheater Baden, 28. Mai,19.30 Uhr. Vorverkauf: 056 200 84 84. Die «Stars»: Lara Schmid, Vivien Schildknecht, Mario Venanzi (v. l.). Foto: Doris Fanconi Lehrer Achim Lück.

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