Zum Hauptinhalt springen

Camille Corot und die Frauen Das grosse Western-Film-Theater-Ego-Experiment Die Striptease-Tänzerin Syra Marty ist gestorben

Kurz & kritisch Kunst Winterthur, Sammlung Oskar Reinhart am Römerholz – Camille Corot (1796–1875) gilt als Wegbereiter der Impressionisten, weil er unter freiem Himmel stimmige Landschaftsbilder schuf. Er selbst nannte sich «Corot paysagiste», malte aber auch über 300 Figurenbilder, die als Nebenwerk galten und von der Kritik der «armoire secrète» zugeschlagen wurden. Aus diesem Geheimschrank stammt auch «La petite liseuse», das lesende Hirtenmädchen, das der Winterthurer Sammler Oskar Reinhart (1885–1965) in den Dreissigerjahren erwarb. Diese madonnenhafte Figur hat Museumsdirektorin Mariantonia Reinhard-Felice nun zum Thema der ersten Sonderausstellung seit der Wiedereröffnung der renovierten Villa am Römerholz gemacht. Daneben begegnet man Corots «Perlenmädchen» aus dem Louvre, das nach dem Vorbild der «Mona Lisa» ein weibliches Modell im Bauernkostüm zeigt, oder dem bezaubernden Bildnis eines lesenden Mädchens mit roter Jacke. Corots idealisierte und verinnerlichte Mädchenbilder werden in der Schau von modernen Zeitgenossinnen ergänzt, etwa der frivol posierenden «Marietta» aus der Sammlung des Petit Palais und der selbstbewussten «Dame bleue» aus dem Louvre. Der Junggeselle verstand es, wunderbare Frauenfiguren zu schaffen: sublime, aber auch erdverbundene. Kein Wunder, gehörten Vincent van Gogh, der geniale Porträtist der Moderne, sowie die Amerikanerin Mary Cassatt zu Corots grossen Bewunderern. «Ich halte ihn», schrieb Edgar Degas, «sogar für noch besser in seinen Figuren.» Wie die kostbare Schau in Winterthur beweist, hatte er damit nicht unrecht. Feli Schindler Bis 15. Mai. Katalog ca. 48 Fr. Theater Zürich, Theater Neumarkt – Die Fragen vor der Premiere am Donnerstagabend waren gross und besorgnisumwölkt: Geht das gut, wenn da plötzlich einer für sein eigenes Theater, dessen Co-Direktor er ist, ein Stück schreibt und inszeniert und darin auch noch die Hauptrolle spielt, und zwar irgendwie als sich selbst? Geht das gut, wenn er dabei nicht etwa Christoph Schlingensief heisst, sondern bloss Rafael Sanchez? Ist das Stück «Rafael Sanchez erzählt: Spiel mir das Lied vom Tod» nicht eine grotesk zum Scheitern verurteilte, hypernarzisstische Versuchsanordnung? Wird das nicht ein, Pardon, totaler Brunz? Nein, wurde es nicht! Also: überhaupt gar nicht! Gut, Rafael Sanchez hat doch nicht alles ganz alleine gemacht, er hatte sowohl für die Stückfassung als auch für die Regie den österreichischen Theatermann Eberhard Petschinka zu Hilfe geholt, und dieser Herr Petschinka ist nun ungefähr der meistdekorierte, verdienstvollste Mensch im Hörspielbereich, den es im deutschsprachigen Raum überhaupt gibt. Entsprechend souverän und sorgfältig war die Textgrundlage, und das war gut so, denn das Film-Theater-Ego-Experiment der Neumärktler war einigermassen kompliziert. Da war zunächst der Film «Spiel mir das Lied vom Tod» von Sergio Leone mit dem eiskalten Killer Henry Fonda und der schönen Witwe Claudia Cardinale, die irgendwann zusammen im Bett enden. Und es gibt die Geschichte eines Filmclubs in einem spanischen Dorf in den Siebzigern, der Leones Western zweimal monatlich zeigt, womit der Bub Rafael Sanchez diesen von seinem fünften bis zu seinem zehnten Lebensjahr rund zweihundertmal sieht. Eltern sind irgendwie keine vorhanden, dafür eine äusserst robuste, blond gefärbte Grossmutter (Sanchez’ Lebensgefährtin Yvon Jansen), die sich hie und da in Henry Fonda verwandelt, die süsse junge Juanita (Franziska Wulf), Claudia Cardinale (Tabea Bettin) und der Grossvater (Jakob Leo Stark), der auch den Dorftrottel spielt und Cheyenne aus dem Film. Bald wird der Grossvater nach Basel (wo Sanchez in Wirklichkeit herkommt) berufen, als Leiter des spanischen Sozialamtes, der zehnjährige Rafael geht mit in die Schweiz und sucht da nach einem gefährlichen Killer aus seinem alten Dorf. Er wird – ein hübsch ironisiertes Secondo-Klischee – aus lauter Gerechtigkeitssinn zum jungen Schläger, kommt ins Gefängnis, kehrt danach ins Dorf zurück, bekommt die Frau seiner Träume und eine Kugel ins Herz. So weit, so wild, aber das Konstrukt aus Film, zusammengeflunkerter Abenteurer-Autobiografie und fantastischen Überschneidungen zwischen beidem funktioniert gut und oft auch recht anrührend, die Frauen unter den Cowgirl-Hüten sind sehr cool, der Pianist (Peter Santos) ebenfalls, und in all den roten Western-Saloon-Plüschdrapagen (Bühne von Sara Giancane) scheint bereits literweise Blut geronnen zu sein. Und? Kann Rafael Sanchez spielen? Ja, tipptopp. Kann er auch sprechen? Ein kleines bisschen weniger tipptopp, aber geht schon. Und hat dieses Theater irgendwas mit Gegenwart, Gesellschaft oder ähnlich Schwergewichtigem zu tun? Absolut nicht. Charmante Unterhaltung ist es allemal. Simone Meier Cabaret «Ich habe das Leben wirklich genossen, und es ist schön gewesen», sagte Syra Marty im vergangenen Jahr im Dokumentarfilm «Syra Marty – Dächli Leni goes to Hollywood» von Roger Bürgler (TA vom 22. 12.). Es war ein Leben voller Ruhm und Glamour, es führte die erste professionelle Striptease-Tänzerin der Schweiz direkt von der Zürcher Langstrasse nach Amerika. Dort wurde sie so berühmt, dass Marylin Monroe bei einer Galaveranstaltung wütend verlangte, man möge das blonde Mädchen, das ihr da so selbstverständlich alles Blitzlicht der Fotografen stehle, gefälligst entfernen. Begonnen hatte Syra Marty ihre glänzende Karriere als Wirtstochter in Goldau. Und schon damals, sagen heute noch alte Schwyzer, sei sie der strahlendste Stern von Goldau gewesen. Jetzt ist sie am 3. Februar am frühen Abend in einem Alterswohnheim in Florida friedlich eingeschlafen, wie ihre Familie mitteilte. In fünf Wochen wäre sie 90 Jahre alt geworden. Simone Meier Alles über Syra Marty unterwww.syramarty.ch. Syra Marty in ihrem Element.Foto: PD Corot: «The Roman Odalisque (Marietta)», 1843, Öl und Bleistift auf Leinwand.Foto: PD

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch