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Blonde Helden

SendungsbewusstVon Simone Meier Es war Samstagnachmittag, ich stand in der Ikea, blickte um mich, und ich schwöre Ihnen: Da sassen mehrere Familien Sofas prüfend herum, und ihre Blicke richteten sie alle starr und wie fernbedient auf eine grosse leere Stelle in den Regalen, dorthin nämlich, wo normalerweise der Fernseher steht. Ich konnte sie verstehen. Es ist ja auch einfach immer wieder viel zu schön. Diese Woche habe ich zum Beispiel zwei blonden Männern dabei zugeschaut, wie sie versuchten, die Welt zu retten. Jamie Oliver rannte in Hollywood als Tomate verkleidet auf der Strasse herum. Es ging ihm ganz deutlich wieder einmal um die Gesundheit, er nannte das seine «food revolution», was allerdings in ganz Hollywood nur ein einziges Mädchen interessierte, nämlich Sophie, deren ganze Familie diabeteskrank war und die in Jamie ihren allerletzten «glimmer of hope» entdeckte. Er nannte sie «sister» und sagte andauernd «Oh Lord!» und war ganz und gar in diesem missionarisch-kulinarischen Erweckungsmodus gefangen, der nur einmal kurz bröckelte, als seine Tochter jammerte: «Papi, Papi, Mami will Fisch machen! Kannst nicht du das machen? Du machst es viel besser!»Auch Boris Becker nahm sich der verwahrlosten Kinder an, und zwar im Berliner Problembezirk Friedrichshain, wo er innert 12 Tagen ein Schulhaus renovieren wollte. «Die Schule sieht aus, als wären wir im tiefsten Afrika!», schimpfte er und tat dann, was er am besten kann, nämlich zuschlagen. Er zerhämmerte Betonplatten und schlug Wände ein, und dann kündigte sich auch schon Herr Wowereit an, der nie weit ist, wo eine Kamera bereit ist.Flugs fanden sich noch eine Julia und ein Romeo, nämlich die Bosnierin Asima und der Albaner Besmir, die beide fürchterliche Angst vor Asimas Vater hatten, und Boris sagte zu Besmir, sie sollten doch nicht «auf diesem unromantischen Schulflur» herumknutschen, sondern lieber zu Hause, worauf Besmir meinte: «Lieber unromantisch als gar nicht.» Man sah, dass Boris einen Moment lang an eine gewisse Londoner Hoteltreppe dachte, als er antwortete: «Da geb ich dir recht.» Boris führte dann eine Konfrontation des bösen bosnischen Vaters mit den Liebenden herbei, «man spürt, das kann jeden Moment kippen», raunte er erwartungsfroh in die Kamera, und was sagte der Vater? «Ihr seid so zwei Hübsche, ich hab überhaupt kein Problem damit.» Ach ja, die frisch gestrichene Aula der Problemschule war übrigens mit der Deckenleuchte «Maskros» von Ikea ausgestattet. Denken Sie daran, wenn Sie heute Nachmittag in Spreitenbach oder Dietlikon oder Lyssach stehen, und nicht gerade auf eine Leerstelle in einer Wohnwand starren.

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