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Berlusconi macht um Bologna einen Bogen

Italiens Regierung sorgt für eine Polemik: Erstmals seit 1980 hat kein Minister an der Gedenkveranstaltung zum Bombenattentat auf den Bahnhof von Bologna teilgenommen.

Von Oliver Meiler, Rom Das Gedenken ist nie frei von starken Gefühlen, selten frei von Trauer. In Bologna, das am 2. August 1980 vom Terror so dramatisch getroffen wurde wie keine andere Stadt Italiens nach dem Zweiten Weltkrieg, mischt sich ins Gedenken aber auch Wut, Ohnmacht und ein tiefes Empfinden von Ungerechtigkeit. «La strage di Bologna», das Blutbad im Zentralbahnhof, 85 Tote und 200 Verletzte, ist eine der Chiffren der mysteriösen jüngeren Geschichte des Landes: nie ganz geklärt, verschleiert vom Staatsgeheimnis, umgarnt von politischen Thesen und abenteuerlichen Gerüchten. Bis heute. Die Polemik schwindet nicht, im Gegenteil, sie nimmt zu. Gedenken ist eben auch politisch. Am Montag nahm zum ersten Mal seit 30 Jahren kein Minister der Republik an der Gedenkfeier teil. Silvio Berlusconi schickte keinen. Man wolle doch nicht ausgepfiffen werden wie in den letzten Jahren, sagte etwa der Verteidigungsminister, der Postfaschist Ignazio La Russa, das wolle man sich nicht antun. Die Linke wirft der Regierung Berlusconi Feigheit und Unfähigkeit zur Kritik vor. Die Vereinigung der Opferangehörigen, die noch immer um Wahrheit und um Entschädigungen kämpft, ist empört. Gerne hätte sie einem Abgesandten aus Rom ihren Unmut über die Regierung ausgedrückt. Die will nämlich die Dauer des Staatsgeheimnisses in diesem Fall verlängern. Einem Fall mit verurteilten Bombenlegern – und unbekannten Auftraggebern. Die Uhr steht immer noch still 23 Kilogramm wog die Bombe. Befestigt war sie an der Stützmauer im Wartesaal 2. Klasse, gut gefüllt mit Reisenden mitten im grossen Aufbruch in die Sommerferien. Als die Bombe hochging, deckte die Wucht der Explosion die Perrondächer ab, wirbelte Menschen und Stahlverstrebungen durch die Luft, erschütterte die wartenden Züge, die Restaurants, die Schalterhalle. Eine der Standuhren blieb stehen, sie zeugt bis heute vom Moment der Tragödie: 10.25?Uhr. Von oben sah der Bahnhof von Bologna danach so verwüstet aus wie nach einem Bombardement aus der Luft. Die damalige Regierung beeilte sich, den Vorfall als Unfall darzustellen: Wahrscheinlich sei im Wartesaal eine Gasflasche explodiert, hiess es. Es war ein Versuch, das Drama herunterzuspielen. Die Siebziger- und Achtzigerjahre: In Italien waren das bewegte, verwirrende Zeiten. Bleierne Jahre. Zeiten des roten und des schwarzen Terrors. Bald wurde klar, dass die Bombe im traditionell roten Bologna (lange eine Hochburg der Linken) eine schwarze war, gelegt von der neofaschistischen Terrorgruppe Nuclei Armati Rivoluzionari. 1995 wurden drei ihrer Mitglieder verurteilt: Valerio Fioravanti, Francesca Mambro und Luigi Ciavardini. Die Justiz hält sie für die Bombenleger, die Ausführenden eines politischen Auftrags. Und deshalb werden Minister rechter Parteien von den Opferangehörigen stets unsanfter behandelt als solche der Linken, die über die Jahre hinweg jedoch ebenfalls wenig zur Wahrheitsfindung beigetragen haben. Wer also waren die Auftraggeber des Attentats? Was sollte die Bombe bezwecken? Wem galt sie? Es gibt viele Theorien. Eine stellt die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) ins Zentrum des Verdachts: Die Bombe sei versehentlich explodiert. Eine andere Theorie legt nahe, der CIA und der israelische Geheimdienst Mossad hätten Italien gemeinsam dafür bestrafen wollen, dass es Yassir Arafat unterstützte, und sie hätten dafür eine lokale Terrorgruppe engagiert. Eine weitere versucht, einen Zusammenhang herzustellen zum ebenfalls mysteriösen Abschuss eines Passagierflugzeugs der Privatgesellschaft Itavia vor der Insel Ustica im Juni desselben Jahres. Doch keine der Thesen überzeugt. Sie vergrössern die Konfusion eher noch. Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano forderte jetzt zum 30. Gedenktag, man möge die Hintergründe und Komplizenschaften des Anschlags untersuchen. Es ist ein ritueller Aufruf aus Rom – mit wenig Aussicht auf Erhörung. Als am 2.?August 1980 eine Bombe im Bahnhof von Bologna explodierte, blieb eine der Uhren stehen. Die Zeit, 10.25 Uhr, zeigt sie noch immer. Foto: Gianni Giansanti (Sygma, Corbis)

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