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Ausgebrüllt, Löwe!

Unterzeile (max. 2-zeilig) Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erforderlich. Die Bank Clariden Leu verschwindet bald für immer. Analysten sprechen von einem «vernünftigen Synergieeffekt», zwei ehemalige Lehrlinge über einen prägenden Teil ihres Lebens.

Von Thomas Wyss und Marcel Reuss Gestern Morgen kurz vor halb zehn Uhr in der Kaffeebar Al Leone, wenige Schritte vom Paradeplatz entfernt.Off-Stimme: Moment mal, hättet ihr jetzt nicht Redaktionssitzung?Marcel Reuss (leicht abwesend): Doch.Off-Stimme: Und wieso seid ihr dann hier am Käfele?Thomas Wyss: Aus Mitgefühl. Letzte Woche ist ein grosses Tier von uns gegangen, das uns sehr viel bedeutet hat.Off-Stimme (besorgt): Jabba?Reuss (hässig): Nein.Off-Stimme: Der Conny-Land-Delfin?Wyss: Nein, der Leu.Off-Stimme: Wer?Reuss (noch hässiger): Die Bank Leu, du Trottel!Off-Stimme: Jaja, ist ja gut. Aber was genau hat das mit euch zwei zu tun? Die Betroffenheit wird sofort verständlich, wenn man weiss, dass Reuss und Wyss beide in der Bank Leu eine KV- Lehre absolviert haben. Reuss zwischen 1981 und 1984 in der Filiale Uster, wobei er im letzten Lehrjahr für vier Monate am Hauptsitz an der Bahnhofstrasse arbeitete. Wyss seinerseits war im Reisebüro der Bank Leu tätig &endash und behauptet bis heute stolz, er habe beim Kampf um die Lehrstelle «mindestens 600 Mitbewerber!» ausgestochen. Wer ihn kennt, weiss, dass das wohl um etwa 400 Mitbewerber übertrieben ist. Aber egal. Jedenfalls hat die Clariden-Leu-Besitzerin Credit Suisse letzte Woche bekannt gegeben, dass sie die traditionsreiche Privatbank bildlich gesprochen mit Haut und Haar verschlingen würde. Analysten erachten das als «guten Schachzug» und sprechen von einem «vernünftigen Synergieeffekt». Man kann es aber auch emotionaler betrachten. Und feststellen: Damit geht die Ära des zweitältesten, von Säckelmeister Johann Jacob Leu anno 1755 gegründeten Geldinstituts der Schweiz zu Ende. Eines Instituts, das zu Reuss’ und Wyss’ Lehrzeiten noch als Universalbank funktionierte und hinter der SBG, dem Bankverein, der SKA und der Volksbank die Nummer fünf im Lande war. Wyss (sehr wehmütig): Ich glaub, mit dem Verschwinden unserer Lehrstätte neigt sich jetzt auch unsere Jugend unaufhaltsam ihrem Ende zu.Reuss: Es tut richtig weh. All diese Erinnerungen . . . wenn ich nur schon an den Knopfli denke. Wyss: Hattest du auch Angst vor dem?Reuss: Ja, seinetwegen bin ich mal schlimm zusammengestaucht worden.Off-Stimme: Knopfli?Reuss: Hans Knopfli, das war damals der Generaldirektor der Bank Leu.Wyss: Ein unlustiger Mann. Reuss: Genau. Ich erinnere mich, als ich an der Börse arbeitete, musste ich mit den Aufträgen der Telefonisten jeweils zu den schreienden Händlern am Ring rennen und mit deren Bestätigung wieder zurück. Einmal komme ich also eben zurück, und da steht er: der allmächtige Knopfli. Ich erschrak und erstarrte, und dann schrie mich der Börsenchef an, was ich hier so blöd rumstehe. Das war eben echt ein Kriecher. Wyss: Oje, du arme Siech. Mir ergings noch schlechter. Mich hat der König der Löwen nämlich grad himself zu Brei gemacht, weil ich ihm ein falsches Bahnbillett ausgestellt hatte. Zweite statt erste Klasse.Reuss (total geheimnisvoll): Weisst du, wer damals auch in der Börse der Bank Leu gearbeitet hat?Wyss (eher desinteressiert): Keine Ahnung. Hildegard Schwaninger?Reuss: Ach quatsch. Nein, ich bin mir zwar nicht ganz sicher, aber glaube mich an den Ermotti zu erinnern, den neuen UBS-Boss. Wyss: Da verrecksch! Aber weisst du, an wen ich mich viel lieber erinnere als an die Chefen? An die ganz normalen Mitarbeiter. Zum Beispiel an Midhat Meyer von der Wechselstube, der zur Begrüssung immer seine Hand unter dieser Sicherheitsscheibe durchquetschte. Oder Muri Hasdemir, der türkische «Womanizer», der hat mich durch die wilden Schilderungen seiner sexuellen Eskapaden praktisch ein zweites Mal aufgeklärt. Oder dieser leicht behinderte Lehrling, von dem ich leider den Namen vergessen habe. Der hat mir sicher vierzigmal denselben Witz erzählt, der ging so: «Weisch eigentlich, wie d Frau vom Herdöpfel heisst?» Ich sagte: «Nein.» Und er prustete los und sagte: «Fraudöpfel!»Reuss (sehr ernsthaft): Gopferteli, das waren schon noch bessere Zeiten. Da gabs noch Arbeitsplätze für Menschen, die heute oft auf der Strasse landen. Und alles war viel relaxter. Stell dir vor, einmal hat mein Chef die Tür zugesperrt, und wir haben den ganzen Nachmittag über Schach gespielt. Off-Stimme: Gabs damals eigentlich schon einen Dresscode?Reuss: Auf alle Fälle keine Casual Fridays. Am Schalter galt Krawattenzwang. Und so hatte ich oben einen Bändel und unten Hochwasserhosen.Off-Stimme (vorlaut): Und du, Wyss, hast du auch eine gute Falle gemacht?Wyss: Bevor ich die Lehre begann, ist mein Vater mit mir in den Benetton gegangen und hat mir dort eine gelbe Strickkrawatte gekauft. Eine gelbe! Als ich sie an meinem allerersten Arbeitstag mit einem hellblauen Hemd kombinierte und merkte, dass meine Oberstifte über mich lachten, mein direkter Vorgesetzter, der Herr Raths, aber seine helle Freude hatte, wusste ich: Dieser Schuss ist nach hinten losgegangen. Ich hab sie nie mehr angezogen; ich glaub, mein Vater war leicht enttäuscht.Reuss: Bei euch im Reisebüro gabs doch diesen crazy Abenteurer, den John Dornbierer. Der hat doch Reisen in Gebiete unternommen, wo vorher noch nie ein Mensch gewesen war, oder? Ich habe ihn nie gesehen, aber ich hab ihn mir immer als eine Art Indiana Jones vorgestellt.Wyss: Ja, der Dornbierer, der war eine lebende Legende. Ich hab ihm sogar mal die Hand drücken dürfen! Das war fast so fantastisch wie damals, als ich als Siebenjähriger bei einem FCZ-Training zuschaute und mir Karli Grob zurief: «He, Bueb, holsch bitte schnäll dä Bölle det.» Deshalb bin ich bei den E-Junioren des FC Wollishofen auch Goalie geworden.Off-Stimme: Du schweifst ab.Wyss: Ja, sorry. Jedenfalls war das schon toll bei Bank Leu Reisen. Kaum hatte ich die Lehre begonnen, durfte ich mit über 200 anderen Reisebürolehrlingen nach New York fliegen. Unsere Chefs hatten sogar einen Teil der Reisekosten übernommen, verbunden mit der Forderung: Geht einfach in der Nacht nicht in den Central Park! Genau das haben mein Oberstift Claude und ich dann natürlich gemacht &endash was bis heute aber nie jemand erfahren hat. Nun ist es raus.Off-Stimme: Und du, Reuss, hast du während deiner Lehrzeit auch was erlebt?Reuss: Meine Abenteuer waren anders. Mich hat immer geärgert, dass die Bank keine richtigen Computer hatte, ich hab deshalb meinen Taschenrechner programmiert und einen Morgen lang damit gearbeitet. Am Nachmittag musste ich dann alles nochmals machen. Ja, und dann natürlich der Tag, an dem ich das erste Mal mit eigenem Geld spielte: Ich hab 1000 Franken in Aktien investiert und über Nacht 500 Franken Gewinn gemacht! Wenn ich an den Gefühlsrausch zurückdenke, kann ich die Investmentbanker irgendwie verstehen. Wyss: Ich hab auf mehrfaches Anraten eines Banklehrlings namens Carlos mal mit einem halben Lohn Silber gekauft, es war der totale Flopp. Das hätte eine Lektion fürs Leben sein können, war es aber leider nicht.Off-Stimme: Ja Leute, das sind nun alles Tempi passati, wie der Italiener sagt.Reuss (energisch): Was ich einfach nicht verstehe: Da reden sie immer von Brands und wie wichtig die seien, buttern Millionen in Kampagnen, und dann lassen sie die fast älteste Finanzmarke der Schweiz einfach so absaufen. Das ist einfach unfassbar!Wyss: Und traurig. Altes Gemäuer voller Geschichten: Hauptsitz der Clariden Leu an der Bahnhofstrasse. «Ein grosses Tier ist von uns gegangen.» Fotos: Reto Oeschger

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