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Auf dem Transfermarkt der WankelmütigenIm italienischen Parlament hat der Kampf um jede Stimme begonnen

Silvio Berlusconi sucht nach dem Bruch mit Fini nach neuen Verbündeten – und zwar offensiv. Denn Italiens arg bedrängter Premier hat sich verrechnet.

Von Oliver Meiler, Rom In Italien läuft der Transfermarkt der Politiker. Seit die rechtsbürgerliche Regierungsallianz von Silvio Berlusconi, dem Ministerpräsidenten, und Gianfranco Fini, dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, letzte Woche nach 16 Jahren zerbrochen ist, wird hinter den Kulissen viel telefoniert, verhandelt, charmiert. Berlusconi hat keinen Bedarf an Stars, um die Lücke der Dissidenz zu füllen: Für eine Mehrheit in der grossen Parlamentskammer reichen ihm vorerst ein Dutzend einfache, neue Stimmen aus dem traditionell üppig ausgestatteten Reservoir der Wankelmütigen und Wendehälse. In der italienischen Politik, zumal im schwammigen Zentrum, gab es immer schon viele Figuren mit fast beliebig mutierbarer Ideologie, wenn nur der Preis des Transfers stimmte. Und um diese Stimmen buhlt Berlusconi nun mit einer derartigen Verve, dass ein christdemokratischer Politiker, der vom Premier kontaktiert wurde, sie als «Schweinerei» beschrieb. Die Währung dieses nicht eben erbaulichen «Mercato» sind in aller Regel Posten: Staatssekretariate zum Beispiel oder Vizeministerien – Ämtchen, die sich problemlos mehren lassen. Die Zeitungen berichteten am Sonntag von rund zehn wahrscheinlichen «Neuzuzügen» in Berlusconis Lager. Von Abgeordneten, die bisher mit der linken Opposition gestimmt hatten und nun mit fliegenden Fahnen ins Regierungslager wechseln. Natürlich geben sie dafür hehre Motive an: Meist ist es «die Stabilität des Landes in diesen Zeiten der Wirtschaftskrise». Daniela Melchiorre etwa, die Chefin der Liberaldemokraten, dürfte Vizeministerin werden, wenn sie Berlusconi denn garantieren kann, dass alle vier Abgeordneten ihrer kleinen Partei künftig für die Regierung stimmen. Von Riccardo Villari, einem Arzt aus Neapel, heisst es, er habe sich sehr leicht überzeugen lassen: Villari hat in seiner politischen Karriere schon vier Mal die Partei gewechselt: von ziemlich weit links übers Zentrum bis recht weit rechts. Und Anna Maria Bernini, eine Anhängerin Finis, lässt ihren bisherigen Chef offenbar hängen, weil man ihr den Posten einer Staatssekretärin im Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung anbietet. Lachende Dissidenten Manche reden von einem niederen Kuhhandel. Doch ob es reicht? Zwei grosse, mögliche Stimmenbeschaffer, die Christdemokraten Pierferdinando Casini und Francesco Rutelli, die Dutzende Stimmen mobilisieren könnten, haben die Avancen bereits abgewehrt. Offenbar werden sie gleichzeitig von der Linken bearbeitet. Berlusconi, so viel ist nach den letzten Tagen klar, hat sich spektakulär verrechnet. Offenbar gab es in seiner Entourage Berater, die ihn glauben machten, dass Fini nach einem endgültigen Zerwürfnis höchstens 20 Abgeordnete und nur einige wenige Senatoren hinter sich wisse, was seinen Halt noch nicht gefährdet hätte. Und den anderen, die ihn warnten, hörte er nicht zu. Nun haben sich aber bereits 33 Deputierte fest in Finis neue Gruppe Zukunft und Freiheit eingeschrieben. Die Zeitungen publizierten Gruppenfotos, auf denen sie alle zu sehen sind: lachend, selbstsicher, sich selber fotografierend, als passiere gerade Historisches. Falls sie alle gegen Berlusconi stimmen und der nicht bald auf eine stattliche Anzahl neuer Stimmen zählen kann, dann könnte Fini seinen früheren Partner jederzeit stürzen. Berlusconi gerät so in die ungewohnte Rolle des Getriebenen. Seine Medien haben bereits begonnen, öffentlich den Leumund Finis zu verhandeln. Ziel ist es, die Bühne mit aller Macht zu besetzen und Fini zu bremsen. In Berlusconis Umfeld ist nämlich mittlerweile die Sorge gross, dass der nunmehr unkontrollierbare Rivale in den nächsten Wochen mit seinem moralischen Diskurs an Popularität, Anhang und Statur zulegt. Und dass er dann Berlusconi bei jeder Abstimmung nach Belieben ins Abseits laufen lässt und ihn vielleicht gar vom Platz fegen kann.

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