Zum Hauptinhalt springen

Arbeit für einen Tag – wenn es das Los will

Morgen für Morgen findet am Bahnhof Uetikon eine ungewöhnliche Lotterie statt. Wer hier Glück hat, darf mit dem Job-Bus auf einen bezahlten Arbeitseinsatz gehen. Für viele ist das die letzte Chance.

Von Regine Imholz Morgens kurz nach halb neun Uhr treffen sie am Bahnhof Uetikon ein: Männer in Büezerkluft, zwischen 18 und 61 Jahre alt, alle mit der Hoffnung, für heute eine Arbeit zu finden. Sie begrüssen sich mit Handschlag oder Schulterklopfen. Sie kommen ursprünglich aus dem Kongo, aus Kosovo, Indien, Bulgarien, Brasilien oder Nordafrika – und aus der Schweiz. In ihrem früheren Leben waren sie Finanzberater, Plattenleger, Boxchampion oder Schüler. Das Los entscheidet, wer von den 13 Männern arbeiten darf, denn es stehen an diesem Tag nur acht Jobs zur Verfügung. Dass es überhaupt Arbeit zu verteilen gibt, liegt am Job-Bus, einem der Angebote des Vereins für Integration und Suchtfragen im Bezirk Meilen VIS (siehe Kasten). 15 Franken pro Stunde Unter der Anleitung von Fachleuten erledigen die Arbeiter bei Privaten einfache Gartenarbeiten, helfen beim Zügeln oder Umbauen und unterstützen die Gemeinden bei Räumungsarbeiten. Hin und wieder tauchen auch Frauen auf. «Dann geben sich die Männer extrem Mühe bei der Arbeit», sagt Job-Bus-Leiter Roman Crivelli und lacht. Wer die Job-Bus-Leute anheuert, bezahlt für den Leiter 50 und für die Arbeiter 25 Franken pro Stunde. Davon erhalten die Arbeiter 15 Franken netto. Die Anstellungsbedingungen sind unkompliziert: Es braucht eine Aufenthaltsbewilligung, eine ID, einen AHV-Ausweis – und man muss im Bezirk Meilen wohnen. Alkohol und Drogen sind verpönt. Kein Losglück, aber Zuversicht Turi, ein 58-Jähriger, hatte eine gut laufende Finanzberatung und ein «normales» Leben. Doch innert kurzer Zeit geriet er in schwere familiäre und finanzielle Turbulenzen. Um seine vier Kinder durchzubringen, steht er jetzt jeden Morgen vor dem Job-Bus. Heute hat Turi kein Glück: Sein Los ist eine Niete. «Jetzt gehe ich in die Stäfner Filiale und schaue, ob es dort Arbeit gibt», sagt er gut gelaunt und marschiert davon. Mehr Glück mit seinem Los hat Morris aus dem Kongo. 1991 kam er als Flüchtling in die Schweiz, seit zehn Jahren arbeitet er beim Job-Bus. Daneben bezieht er Sozialhilfe. Der 61-Jährige hat abenteuerliche Geschichten zu erzählen: Er war in seiner Heimat als junger Bursche Box-Champion, viermal verheiratet und hat von jeder dieser Frauen ein Kind. «Ich liebe harte Männerarbeit», sagt Morris mit breitem Lachen, «das hält mich fit fürs Alter.» Zusammen mit seinen Kumpels packt er Gartengeräte auf die Pritsche des Lieferwagens.Roman Crivelli schwingt sich hinter das Steuerrad und kurvt Richtung Pfannenstiel davon. Der 36-Jährige, der aus der Landwirtschaft kommt, hat als Job-Bus-Leiter auch schon explosive Situationen erlebt. «Einmal gingen zwei Männer mit Sensen aufeinander los», erzählt er. Die verschiedenen Hintergründe der Menschen führten ab und an zu Aggressionen. Und manchmal enden Geschichten traurig. Wie vor wenigen Jahren, als sich ein Mann das Leben nahm. «Ein Gärtner wäre viel teurer» Am Einsatzort angekommen, wartet bereits die Auftraggeberin. Ihr Garten soll in Form gebracht werden. «Ich finde den Job-Bus eine tolle Sache», sagt sie. «Ein Gärtner wäre viel teurer, und diese Mannschaft macht die Arbeit ebenso gut.» Crivelli wünschte sich, dass noch mehr Leute den Job-Bus beanspruchen würden – vor allem die Gemeinden. Um vier Uhr ist der Arbeitstag beendet. Aber morgen werden Turi, Morris und die anderen wieder vor dem Job-Bus stehen und darauf hoffen, dass das Los ihnen für einen Tag Arbeit beschert. Roman Crivelli (links) und sein Team sind bereit für den Arbeitseinsatz. Foto: Regine Imholz

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch