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Angst macht keine gute Politik

AKWDer Bundesrat will unter dem Eindruck von Fukushima übereilt den Ausstieg beschliessen.Von Markus Eisenhut Zehneinhalb Wochen nach dem Super-GAU von Fukushima stellt der Bundesrat heute die Weichen in der schweizerischen Energiepolitik. Erwartet wird von der Regierung ein klares Signal. Weil weder der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie noch der Bau neuer AKW infrage kommt, darf man davon ausgehen, dass der letzte Reaktor in der Schweiz etwa 2045 altersbedingt abgestellt wird. Es liegt auf der Hand, dass die Folgen der Tsunami-Katastrophe den bundesrätlichen AKW-Entscheid und die Argumentationslinie prägen. Die Atomenergie sei, so wird die Regierung wahrscheinlich ausführen, nicht kontrollierbar und deshalb nicht zukunftsträchtig. Sie wird wohl von neuen Erkenntnissen reden und von einer glänzenden Zukunft neuer erneuerbarer Energien.Doch warum diese Eile? Wenn wir ehrlich sind, liegen dem AKW-Beschluss keine wirklich neuen Erkenntnisse zugrunde. Die Atomenergie war schon vor der Katastrophe in Fukushima risikobehaftet. Auch sind die schweizerischen Meiler in den vergangenen zehneinhalb Wochen nicht unsicherer geworden. Und die neuen erneuerbaren Energien nicht leistungsfähiger und nicht zuverlässiger.Getrieben wird der Entscheid von einem Faktor: Angst. Die Angst ist nach 9/11 zum wirksamsten Instrument von Politik und Wirtschaft geworden. Und seit dem 11. März 2011, seit ein Erdbeben Fukushima erschütterte, hat die Welt wieder Angst. Angst vor den Risiken der Atomkraft.Die Angst gehört zum Menschsein. Sie macht auf Gefahren aufmerksam, hält wach und kritisch. Es ist deshalb wichtig, dass der Mensch, will er überleben, ab und an Angst hat. Genauso wichtig ist es aber, dass nicht Angst allein das Tun bestimmt. Die Angst habe grosse Augen, sagt denn auch ein Sprichwort und meint, dass wir Dinge, die wir angsterfüllt sehen, nicht realistisch beurteilen. Wir leben in einer Zeit, in der das Wissen scheinbar in Echtzeit über Computer, Smartphone und Tablets verfügbar ist. Genau genommen handelt es sich dabei aber nicht um Wissen im Sinne von Erkenntnissen, sondern primär um Information. Die Ereignisse in Fukushima haben wir alle gebannt verfolgt. Im Internet, am Fernsehen, am Radio, im «Tages-Anzeiger». Jede Information haben wir aufgesogen: über die Explosionen, die austretende Radioaktivität. Über Sievert und Mikrosievert, Evakuierungen und Verstrahlung. Im Minutentakt wurden wir über die Geschehnisse in und um Fukushima informiert. Doch haben wir auch unser Wissen bezüglich dieser hochkomplexen Technologie vermehrt?Sokrates wusste, dass er nichts wusste. Wir glauben zu wissen. In Tat und Wahrheit wurden wir in den vergangenen Wochen aber mit Informationen geflutet und sind derzeit erst auf dem Weg, diese Informationsflut in Wissen zu verwandeln. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir am Ende im Detail verstehen, was wirklich passiert ist an der japanischen Ostküste. Und welche Lehren daraus zu ziehen sind.Der AKW-Entscheid ist zentral für die Schweiz. Bleibt das Land in der globalisierten Welt ohne die Atomenergie wettbewerbsfähig? Kann die drohende Stromlücke mit neuen erneuerbaren Energien überbrückt werden? Was ist die nachhaltigste Energie im Zeichen des Klimawandels? Wie gross sind die Risiken moderner Kernkraft?In Wahljahren gehen selbst die grossen Hirsche in der Politik mit der Mode. Gegen Atommeiler zu sein, ist heute in. Wie dagegen zu sein, allgemein in Mode ist, und es dem Zeitgeist entspricht, den politischen Gegner möglichst in die Ecke zu stellen. Doch in der Energiefrage geht es um nichts weniger als unsere Zukunft. Und in unserer freien Gesellschaft sollte die Zukunft allein mit Vernunft, kritischem Denken und sachorientierten Debatten gestaltet werden. Nicht mit Angst. Dazu braucht es fundiertes, abschliessendes Wissen. Haben wir dieses Wissen schon, um kritisch, vernünftig und sachorientiert zu entscheiden? Zehneinhalb Wochen nach Fukushima? Zweifel sind angebracht.Warum sich also nicht für ein Moratorium entscheiden? Unsere Meiler sind nicht plötzlich unsicherer geworden – und die erneuerbaren Energien nicht leistungsfähiger.

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