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«An den deutschen Hüten darf etwas mehr dran sein» Nach oben sind die Preise offen

Seit 100 Jahren produziert die Näniker Firma Charles Muller Damenhüte. Inhaberin Minna Susanna Böhi weiss, wer zu welchem Modell passt. Und warum der Hut ein Revival erlebt.

Charles Muller Mit Minna Susanna Böhi sprachStefan Krähenbühl Frau Böhi, als am 11. September 2001 die Welt schockiert nach New York blickte, sassen Sie in einem Sitzungszimmer und fassten den Entschluss, die letzte Hutfabrik der Schweiz zu kaufen. Sie wählten einen riskanten Zeitpunkt für den Einstieg in eine aussterbende Branche. Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt stellt sich immer wieder. Ja, die Wirtschaft steuerte auf schwierige Zeiten zu. Aber mein Entschluss, die Firma Charles Muller zu übernehmen, war bereits vorher gereift. Hätte ich wegen der Vorfälle in den USA alle Pläne über den Haufen werfen sollen? Ich glaube, es braucht Menschen, die in unsicheren Zeiten etwas wagen. Und mit finanziellen Risiken lebe ich als Unternehmerin sowieso jeden Tag. Wie sind Sie überhaupt zu Ihrer eigenen Hutfabrik gekommen? Ein ehemaliger Mitstudent fasste 1999 den Auftrag, die Charles Muller zu verkaufen. Ich arbeitete damals bei einer Zürcher Privatbank, hatte mich aber vor längerer Zeit entschlossen, aus der Finanzbranche auszusteigen. Dennoch lehnte ich damals sein Angebot ab. Anfang September 2001 stiess ich im «Tages-Anzeiger» auf die Meldung, dass die Charles Muller SA mangels Nachfolgeregelung liquidiert werde. Am Montag kontaktierte ich den damaligen Eigentümer. Das war am 10. September. Tags darauf sassen wir zusammen an einem Tisch. Zwei Wochen später unterschrieb ich die Verträge, stellte die Belegschaft wieder ein und machte mich auf den Weg nach Paris, um die Winterkollektion zu planen. Damals hatte die HutfabrikCharles Muller ihren Sitz in Volketswil. Zudem galt die Firma als leicht angestaubtes Unternehmen. Was haben Sie in Ihrem neuen Betrieb angetroffen? Es bestand an diversen Orten Nachholbedarf. Potenzial war zwar vorhanden, aber das Unternehmen war in vielen Bereichen einfach nicht modern genug. Das begann schon bei der Infrastruktur. Im ganzen Betrieb gab es beispielsweise nur einen Internetanschluss. Und das war wohlgemerkt im Jahr 2001. Auch die Prozesse liefen nicht so ab, wie ich es mir gewünscht hätte. Zudem waren die Räumlichkeiten im benachbarten Volketswil viel zu grosszügig. Wir haben hier in Nänikon zwar deutlich weniger Platz, arbeiten aber immer noch in feudalen Verhältnissen. Wie hat sich die Firma unter Ihrer Führung entwickelt? Scheinbar gut. Unsere Umsatzzahlen haben sich seit der Übernahme stetig verbessert. Auch heute sind wir gut unterwegs. Als Exportbetrieb macht uns derzeit zwar der starke Franken zu schaffen, aber unser Geschäftsgang ist sowieso ständig starken Schwankungen ausgesetzt. Steht uns ein schlechter Winter ins Haus, bekommen wir das drastisch zu spüren. Entscheidend ist für uns, dass wir den Kundenstamm halten konnten und ihn in den letzten Jahren sogar ausgebaut haben. Rund 80 Prozent Ihrer Produkte gehen ins Ausland. Ist der hiesige Markt zu klein? Ja, das ist so. Und das, obwohl wir hier in der Schweiz mit keiner Konkurrenz kämpfen müssen. Das Marktvolumen für edle Damenhüte ist einfach nicht gross genug. Wollen Sie den Schweizer Markt vernachlässigen? Das ganz bestimmt nicht. Es ist sogar unser Ziel, innerhalb der Schweiz zu wachsen. Wir verkaufen unsere Produkte heute an Unternehmen wie Jelmoli oder Grieder. Bei anderen grossen Modehäusern wollen wir es immer wieder versuchen – bis es klappt. Deutschland, Skandinavien, Japan, Korea: Das Einzugsgebiet der Charles Muller ist gross. Wie können Sie auf dem internationalen Markt bestehen? Die Schweiz hat in der Fabrikation von Hüten eine Tradition. Das kommt uns im Ausland zugute. Deshalb habe ich auch den Firmennamen beibehalten. Die Charles Muller SA hat über die Landesgrenze hinweg einen Namen. Mit einem Namenswechsel hätte ich bestimmt viel kaputt gemacht. Zudem nehmen wir auf die unterschiedlichen Marktbedürfnisse Rücksicht. Das heisst? Jedes Land hat eine eigene Hutkultur. Japaner haben beispielsweise grosse Köpfe. Da kommen breite Hutkrempen nicht gut an, die Hüte sind eher schlicht. Anders in Deutschland: Weil die Deutschen tendenziell eher gross gewachsen sind, darf an den deutschen Hüten auch etwas mehr dran sein. Vor einigen Jahren musste Ihr Unternehmen die Produktion von Fleecemützen einstellen. Ein herber Schlag? Wir haben seit Anfang der 1990er-Jahre mit Fleece gearbeitet. Dann starteten die verschiedenen Sportartikelhersteller den Verkauf von Fleecemützen. Und haben damit unseren Markt ruiniert. Natürlich war das ein herber Schlag. Aber das ist immer so, wenn man einen Geschäftsbereich verliert. Dann muss man über die Bücher und die entstandene Lücke füllen. Auf der Strasse begegnen einem heute kaum mehr Damen mit Hüten. Decken sie ein sterbendes Bedürfnis ab? Das Zeitalter der Hüte ist vorbei, das ist ganz klar. Aber der Hut erlebt gleichzeitig auch ein kleines Revival. Die Asiaten machen es uns vor. Viele von ihnen tragen täglich einen Hut, auch im Bewusstsein, dass sie so gesünder leben. Denken Sie an die UV-Strahlen. Auch wir könnten den Gesundheitsaspekt zur Verkaufsförderung betonen, aber das passt nicht zu uns. Worauf setzen Sie? Auf Individualisten. Der Hut gilt in der heutigen Modebranche als stärkstes Ausdrucksmittel von Individualismus. Allen voran junge Menschen, sie wollen damit ihre Persönlichkeit in unserer anonymen Gesellschaft stärker betonen. Genau sie sind unsere zukünftige Zielgruppe. Noch mangelt es aber den meisten Menschen an Selbstvertrauen. Es braucht mehr Mut zum Hut. Nur dann werden wir in Zukunft wieder vermehrt Hüte auf den Schweizer Strassen zu Gesicht bekommen. Von Stefan Krähenbühl Nänikon – Vor 100 Jahren, im Jahr 1911, gründete der Hutmacher Karl Müller in Zürich die Firma Charles Muller. Das Unternehmen machte sich in seinen frühen Jahren im Inland mit Strohhüten einen Namen. Später folgte der Eintritt in den internationalen Markt. Seit 1960 liegt der Fokus auf der Herstellung von Pelzmützen. 2001 übernahm Minna Susanna Böhi den Betrieb. Für die Charles Muller arbeiten derzeit rund 30 Heimarbeiterinnen. Sie erhalten Stoffe, Zusatzmaterial und eine Fertigungsanleitung direkt vom Unternehmenssitz in Nänikon. Fertige Hüte werden dort kontrolliert und gelangen dann in den Verkauf. In den Räumlichkeiten in Nänikon verblieben ist die Produktion von Pelzartikeln.Die Charles Muller verkauft pro Jahr 20 000 bis 40 000 Hüte. Über Umsatzzahlen spricht Böhi nicht. Rund 250 Modelle umfasst die Winterkollektion, gut 120 sind es im Sommer. Bezüglich Preispolitik hat Minna Susanna Böhi ein Credo: Nach oben sind die Preise offen. Der Preis des teuersten Serienmodells beläuft sich auf 2500 Franken. Spezialanfertigungen können schnell um die 10 000 Franken kosten. Minna Susanna Böhi hat die letzte Hutfirma der Schweiz gekauft. Um das Überleben des Unternehmens zu sichern, will sie auf Junge setzen. Foto: Nicolas Zonvi

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