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Altersschwaches Dienstfahrzeug

Der Mars-Rover Opportunity liefert seit 2400 Tagen Bilder von unserem Nachbarplaneten. Nächstes Jahr will ihn die Nasa ersetzen.

Von Alexander Stirn Um seinen Dienstwagen dürften Frank Hartman viele Menschen beneiden. Das Gefährt, das der Amerikaner Tag für Tag pilotiert, ist zwar schon etwas klapprig. Es ist weder schnell noch besonders neu, und wirklich windschnittig sieht es auch nicht aus. Dafür hat es einen entscheidenden Vorteil: Es rumpelt über einen anderen Planeten. Frank Hartman ist Mars Rover Driver. Er gehört zu den wenigen Auserwählten, die Spirit und Opportunity, die beiden Rover der US-Raumfahrtbehörde Nasa, über den Roten Planeten lenken dürfen. Das Zwillingspärchen ist dort seit mehr als sechs Jahren unterwegs. Selbst wenn sich Spirit mittlerweile hoffnungslos festgefahren hat und Opportunity immer mehr Alterswehwehchen offenbart, gehören die Rover doch zu den grossen Erfolgsgeschichten der Nasa. Kürzlich hat Hartman mit seinem Schützling Opportunity die 15-Meilen-Marke geknackt, ist also bereits rund 24 Kilometer vorwärtsgekommen. 20 Minuten für ein Kommando «Opportunity überrascht uns jeden Tag aufs Neue», sagt Frank Hartman, «und sei es nur, weil er noch immer fährt.» Der Ingenieur spricht ruhig und überlegt. Schon im Januar 2004, als Opportunity von seiner Landefähre rollte, sass Hartman am Steuer. Wobei «Steuer» der falsche Ausdruck ist: «Es ist nicht so, dass wir Opportunity von der Erde aus mit einem Joystick lenken», sagt der Rover-Chauffeur. Allein schon die Entfernung verbietet das: Ein Kommando braucht im Schnitt 20 Minuten, bis es den Mars erreicht; die Rückmeldung von dort dauert noch einmal so lang. Jeden Morgen geben die Fahrer ihren Schützlingen daher die Marschrichtung für die nächsten Stunden vor. Die Rover drücken aufs Gas, halten sich an die gewünschte Route und melden am Ende des Tages Vollzug. Wenn der 45-Jährige morgens in sein Büro am Jet Propulsion Laboratory (JPL) in Pasadena kommt, setzt er als Erstes eine 3-D-Brille auf. Er öffnet die Bilder, die Opportunitys Stereokamera als Letztes übertragen hat. Nach und nach ergibt sich so ein Bild von der Situation in 170 Millionen Kilometern Entfernung. «Man sieht Unebenheiten, Krater, Steine – alles sticht hervor», sagt Hartman. «Und ganz nebenbei hat man es mit Bildern zu tun, die kein Mensch zuvor gesehen hat. Das ist wirklich nett.» Durchdrehende Räder Parallel dazu analysiert eine eigens entwickelte Software die von Opportunity übertragenen Stereoaufnahmen. Im Computer entsteht ein dreidimensionales Modell der Marsoberfläche. Auch Aufnahmen des Mars Reconnaissance Orbiter, der den Planeten in knapp 300 Kilometer Höhe umkreist, fliessen in Planung und Simulation ein. All das soll helfen, Hindernisse zu erkennen und eine möglichst gefahrlose Route zu entwerfen. «Erst wenn man ein gutes Gefühl für die Situation entwickelt hat, kann man auch eine brauchbare Sequenz programmieren», sagt Hartman. Bis zu 220 Meter pro Tag legen die Entdecker im Idealfall zurück. Manchmal, wie vor einigen Monaten, als Opportunity in einer scharfen Kurve feststeckte, als die Räder durchdrehten und die Stromstärken in die Höhe schnellten, sind es auch nur wenige Zentimeter. Im Schnitt bringen es Hartman und sein Rover aber auf etwa 70 Meter. «Gerade sind wir in einer sehr sandigen Gegend, da müssen wir besonders achtsam sein», sagt er. Nicht immer waren die Fahrer so vorsichtig. Vor einigen Jahren kommandierten sie Opportunity in eine Sanddüne. Der 185 Kilogramm schwere Roboter blieb stecken, spulte aber tapfer sein vorgegebenes Fahrprogramm ab – und grub sich dadurch nur noch tiefer ein. «Es kann einem ziemlich auf den Magen schlagen, wenn man morgens die Bilder öffnet und seinen Rover tief im Sand versunken vorfindet», sagt Hartman. «Ganz besonders, wenn man der Kerl war, der ihn da reingefahren hat.» In einem Sandkasten am JPL, der immer in haarigen Situationen herangezogen wird, spielten die Ingenieure das Missgeschick nach. Sie standen knöcheltief im Talkumpulver – einer mehligen Substanz, mit der sie die Bedingungen auf dem Mars simulierten. «Wenn man sich durch unüberlegte Manöver noch weiter eingräbt, hilft einem dort oben keiner mehr raus, erst recht kein Abschleppdienst», sagt Hartman. Die Fahrer befahlen ihrem Rover, zehn Meter zu fahren, er bewegte sich einen Millimeter. Beim nächsten Mal waren es zwei. Nach vielen Wochen entkam Opportunity dann doch der sandigen Falle. Spirit blieb im Sand stecken Sein Zwillingsbruder Spirit hatte nicht so viel Glück. Im Mai letzten Jahres blieb er im unerwartet weichen Marsboden stecken. Alle Simulationen, alle Tests, alle Kommandos halfen nichts. Ende Januar mussten die Rover-Fahrer aufgeben. Sollte Spirit den aktuellen Winter auf dem Mars überleben und sich bei steigenden Temperaturen wieder melden, wird er als stationäre Forschungsplattform weiterarbeiten. Im Sandkasten in Pasadena steht noch immer sein Modell – genauso geneigt und eingegraben wie auf dem Mars. Ein staubiges Mahnmal. Auch Oppy, wie die Nasa-Ingenieure ihren ausserirdischen Geländewagen nennen, ist nicht mehr richtig fit. Der Roboterarm ist steif. Im vorderen rechten Rad warnt der Elektromotor immer öfter vor erhöhten Stromstärken – kein gutes Zeichen. «Es ist wie bei den Menschen», sagt Hartman und lacht, «im Alter werden die Gelenke steifer, aber dafür wird der Verstand schärfer.» Im Frühjahr haben die Entwickler ihrem Rover zum Beispiel eine Software spendiert, mit der er Bilder eigenständig analysieren und interessante Objekte ausmachen kann. Opportunity könnte sogar auf eigene Faust losfahren und dabei Hindernisse umkurven. Dem steht allerdings nicht nur der Stolz der Rover-Fahrer entgegen, sondern auch sein schlechter Gesundheitszustand: Um das schwächelnde Vorderrad zu schonen, schickt Hartman seine Maschine derzeit gerne rückwärts über den Mars. Das aber funktioniert nur mit vorgegebenen Kommandos. Opportunitys Nachfolger wird da deutlich flexibler sein: Er heisst Curiosity und wird gerade in einem Reinraum am JPL auf seinen Start vorbereitet. Das Gebäude ist so gross wie eine Turnhalle, überall werkeln Ingenieure. Sie tragen weisse Ganzkörperanzüge. Nur ihre Augen sind zu sehen. Zuletzt haben sie Räder und Roboterarme montiert. Der Rover nimmt langsam Gestalt an. Im Oktober 2011 soll es losgehen. Aber selbst wenn Curiosity dann deutlich intelligenter als die heutigen Rover sein wird, braucht er noch immer Chauffeure. Spuren für Jahrtausende 90 Marstage sollte Opportunitys Mission ursprünglich dauern. Inzwischen sind 2409 Tage daraus geworden. Viel hat sich seitdem verändert. Frank Hartman hat eine Tochter bekommen, andere Missionen wurden gestartet, das Rover-Programm beinahe eingestellt. Doch Hartman ist seinem zähen Freund immer treu geblieben. «Wäre Opportunity eine stationäre Landesonde, hätte ich wahrscheinlich längst das Interesse verloren», sagt er. «Doch mit dem Rover kundschaften wir Tag für Tag einen unbekannten Planeten aus.» Hartman, der Ingenieur, der eigentlich keine Emotionen zulassen will, klingt auf einmal doch leicht sentimental. Er erzählt, wie stolz er ist, dass er seiner dreijährigen Tochter selbst gemachte Bilder vom Mars zeigen kann. «Wahrscheinlich glaubt sie, ich würde dort tatsächlich herumfahren», sagt er und schmunzelt. Er erzählt, dass er seine Spuren auf einem anderen Planeten hinterlässt und dass sie dort für Jahrtausende bleiben. «Das ist klasse und unheimlich befriedigend.» Hartman und sein Gefährte auf dem Mars geniessen jeden Meter dieser aussergewöhnlichen Dienstfahrt. Das Mars-Fahrzeug Opportunity schickte die ersten farbigen Bilder vom Victoria-Krater zur Erde. Aus seinem für drei Monate geplanten Einsatz wurden über sechs Jahre. Fotomontage: Nasa, JPL, Cornell University, DDP Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur Frank Hartman Der Elektroingenieur programmiert beim Nasa Jet Propulsion Lab den Mars-Rover Opportunity. Hartman wertet auch die Bilder aus, die dieser vom Mars zur Erde sendet. Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur

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