Zürich steht nie still, stets ist einer auf dem Sprüngli

Wie sich Zürich in unsere Sprache eingeschlichen hat: Heute finden die Sprichwörter und Bonmots mit Bezügen zur Stadt ihre Fortsetzung.

Breit wie die Langstrasse: Das ist ein Zustand bei Nacht. Foto: Dominique Meienberg

Breit wie die Langstrasse: Das ist ein Zustand bei Nacht. Foto: Dominique Meienberg

Salome Müller@SalomeMller
Thomas Wyss@tagesanzeiger

Hier und heute also wie versprochen, liebe Pappenhöngger und Letzifritzen, liebe Saffagritlis und Uetlimeitli, Teil 2 des sprichwörtlichen Zürich. Auch heute führt die Reise durch die Landschaft der Sprache hinaus in die Quartiere der Stadt, über Plätze, in Clubs und auf den Strich.

Übrigens: Falls Sie selbst geografische Zürcher Redensarten oder Bonmots kennen, die wir unbedingt in der Zeitung ­berücksichtigen müssten, schicken Sie uns Ihre Vorschläge per Mail an bellevue@tages-anzeiger.ch. Wir freuen uns über jede Zusendung wie ein ­Höckler an seiner Brücke!

Breit wie die Langstrasse
Bedeutung: Ziemlich dicht sein, besoffen und/oder verladen. Hintergrund: Die Langstrasse im Kreis 4 hat sich von der Verkehrs- zur Ausgangsmeile gewandelt. Wo früher die Prostituierten auf dem Strich standen, steht heute das Partyvolk auf dem Busstreifen. Die Trottoirs sind viel zu schmal, um die 24-Stunden-Gesellschaft aufzunehmen. Und so sieht man dort fast jeden Tag einen mitten auf der Strasse heim- oder sonstwohinwärts torkeln, der sich abwechselnd an der linken und dann an der rechten Bordsteinkante orientiert. Der ist dann eben breit wie die Langstrasse.

Über die Piazza Cella gehen
Bedeutung: Menschen, die durch eine grausame Tat ihr Leben verlieren. Hintergrund: «Über den Jordan gehen» ist in allen Sprachregionen der westlichen Welt die Bezeichnung für sterben, sein Leben verlieren. Im Buch «Ich kenn doch meine Pappenheimer» steht: «Der Fluss Jordan wurde als natürliche Grenze zwischen dem Reich Israel und den benachbarten Völkern vor allem durch Texte der Bibel im Abendland sprichwörtlich. Die Israeliten überschritten ihn – durchaus auch im militärischen Sinn –, als sie das ihnen von Gott verheissene Land einnahmen. Der Jordan war darüber hinaus das Gewässer, in dem Johannes der Täufer Jesus taufte. So konnte schon im Judentum – und mehr noch im Christentum – das Überschreiten des Jordans mit dem Eintreten ins Paradies gleichgesetzt werden. In der protestantischen Tradition, aber auch in amerikanischen Spirituals kommt das Überschreiten des Jordans als Chiffre für das Sterben vor, vor allem aber für ein Heimkommen, für ein sehnsüchtig erwünschtes Ziel des Lebens.»

Im Grundsatz geht es auch beim Zürcher Pendant ums Sterben – allerdings ist der Tod kein ersehnter: Über die Piazza Cella gehen, so hat man uns berichtet, werde speziell im Langstrassenquartier, wo sich der Platz auch befindet, als Synonym für Menschen verwendet, die ihr Leben tragischerweise durch ein Gewaltverbrechen verlieren. Dies geht zurück auf den ebendort verübten Mord an einem Türsteher im Jahr 2008 sowie auf eine Amokfahrt mit ebenfalls tödlichem Ausgang vier Jahre danach.

Keulen nach Schwamendingen tragen
Bedeutung:Eine überflüssige Tätigkeit ausüben. Hintergrund: Eulen nach Athen tragen ist nicht nötig, als Symbol der Göttin Athene sind sie dort in ausreichender Zahl vorhanden. Im Heerenschürli zu Schwamendingen werden seit einer Ewigkeit (2010) Baseball-Kämpfe ausgetragen. Baseball ist wie Mattenlauf einfach amerikanisch. Das Spiel geht so: Einer wirft, einer schlägt, viele fangen, viele rennen, das dauert sehr lange, und dafür braucht es auch Schiedsrichter. Was es wirklich nicht braucht, sind noch mehr Baseballschläger, es kann ja immer nur einer schlagen, daher die Wendung.

Vom Ort zum Sprichwort

Zürich ist mehr als die Summe seiner Orte. Das zeigen diese Sprichwörter, die mehr oder weniger im Zürcher Leben verortet sind. Manchmal mit einem Hauch Geografie, aber nicht genug, um als geografisches Sprichwort durchzugehen.

«Ich wett, ich hett en Happybeck.»
Bedeutung: Coop Pronto et al. allein reicht nicht (der hat sonntags eh zu); bitte eine Essensstelle grad direkt um die Ecke, zu der man auch im Pyjama gehen könnte; Lebensgefühl à la Langstrasse. Hintergrund: Zürcherischer Zusammenschluss aus «Ich wett, ich hett en Papagei» und «Ich wett, ich hett es Happybett». Der Happybeck ist in Zürich Inbegriff der Verpflegung während und nach der Party. Fast Food mit Dorflädeli-Charakter und Berliner Späti-Chic.

«Gömer hei?» – «Is Hive? Ja, gömer is Hive!»
Bedeutung: Charmant-elegant einem Anmachspruch ausweichen; ah sorry, ich hab dich falsch verstanden, haha! Nein, ich will nicht mit zu dir. Hintergrund: Hive ist einer der bekanntesten Zürcher Clubs und häufig die nächste Station, wenn man noch nicht heimwill. Weil sich Hive wunderbar auf «hei» reimt, und weil man an einer lauten Party «hei» leicht als Hive missverstehen kann, hat sich diese Rückfrage als ideale Auswegstrategie entwickelt. Und die Person, die zu sich nach Hause eingeladen hat, entziffert die lockere Antwort als Absage, ohne das Gesicht zu verlieren.

Einen Knaben schiessen
Bedeutung: Slang unter Mädchen für einen Aufriss am Knabenschiessen. Hintergrund: Im Zentrum des traditionellen Knabenschiessen steht das Erküren der Schützenkönigin oder des Schützenkönigs. An der Peripherie aber gehts den Teenies primär darum, Amors Pfeil ins Ziel zu bringen, also am Volksanlass jemanden aufzureissen. Für diese Tätigkeit hat sich unter Mädchen – durchaus originell – die Redewendung «einen Knaben schiessen» eingebürgert.

Einen Knaben schiessen: Anbandeln auf Zürcher Girlie-Art. Foto: Sabina Bobst

«Meyere nicht so rum!»
Bedeutung:Ohne erkennbare Linie handeln, sich unklar und/oder undeutlich ausdrücken (stets augenzwinkernd, liebenswürdig gemeint). Hintergrund: Die Meyer’s Bar am Lochergut, täglich bis 4 Uhr morgens geöffnet, ist Zürichs legendäres Nest für schrägste Nachtvögel, gefallene Engel und Bengel, unprätentiöse und/oder unbekannte Stars usw. – und deshalb atmet unsere little big City hier (und nun hier!) den mondän verrauchten Odem einer Spelunke in Berlin-Neukölln oder Hamburg-St. Pauli. So weit, so fantastisch. Doch je vorgerückter die Stunde, je höher der Pegel, umso unverständlicher werden Taten und Worte der Habitués, kurz: Sie eiern rum, ohne dass jemand raffen würde, was sie sagen oder tun möchten. Überall sonst würde man das fürchterlich anstrengend finden, im Meyer’s indes kratzt es sympathischerweise niemanden. Darum wird die ­zürcherische Abwandlung des Duden-Begriffs rumeiern – also rummeyern – stets im liebenswürdig augenzwinkernden Kontext eingesetzt: zum Beispiel wenn sich jemand verhaspelt, sich mit dem Auto gleich mehrfach verfährt oder schlicht einen völlig verpeilten Eindruck macht.

Den Pfauen machen
Bedeutung: Zeigen, was man hat, zeigen, dass mans kann. Hintergrund: Der Ursprung dieses Sprichworts könnte ebenfalls aus Zürich sein. Den Pfau machen oder ähnlich: Stolz sein wie ein Pfau. Im Kamasutra, das nur nebenbei, gibt es die Position «Den Pfau füttern». Item. Das, was heute das Schauspielhaus ist, wurde 1892 als Volkstheater am Pfauen mit Bayerischem Biergarten und Kegelbahn gebaut. Der erste Wurf zur Eröffnung der Kegelbahn gehörte Stapi Hans Konrad Pestalozzi. Er war sich der Bedeutung des Aktes bewusst, atmete dreimal tief durch, fokussierte und warf elegant und kraftvoll ein erstes Säuli und grad noch mal eins hinterher. Er verharrte nach dem Wurf kurz in der Abwurfpose, drehte sich dann schwungvoll Richtung Publikum, wobei sein Frack sich hinter ihm hochschwang, «dem Rad eines Pavo cristatus nicht unähnlich«, wie der berittene Reporter der «Republik» damals festhielt.

Den Pfauen machen: Der Stapi hat 1892 gezeigt, wies geht. Foto: Reto Oeschger

1001 Tracht
Bedeutung: Ironische Bezeichnung des vorab linken Zürichs für das bürgerliche dominierte Sechseläuten. Hintergrund: Der Ursprung ist (fast zu) offensichtlich: Es handelt sich natürlich um eine Ableitung der arabischen Märchensammlung «1001 Nacht», in der es, so die Andeutung der Sozis und Co., wie innerhalb der am Sechseläuten promenierenden Zünfte auch um eine Menge Klatsch und Tratsch, Laster und Zaster und Geheimnisse und Gerüchte gehe.

1001 Tracht: Das lässt den Böögg jedes Jahr aufs Neue schmachten. Foto: Sabina Bobst

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