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Nachruf auf Chick CoreaZu Höherem berufen

Manche belächeln das Genre «Fusion». Chick Corea machte es lieber zur musikalischen Emanzipation, vielleicht sogar zur neuen Art von Spiritualität.

Der verstorbene Jazzpianist Chick Corea im September 2020.
Der verstorbene Jazzpianist Chick Corea im September 2020.
Foto: Keystone

Gelegentlich erzählte Chick Corea, wie er zum elektrischen Klavier fand. Genauer: zum Fender Rhodes, einem Piano, das man zwar ähnlich wie das klassische Instrument spielt, das aber meist klingt, als schlage man mit Filzschlegeln auf eine Batterie dunkler Glocken. Es sei bei einem Auftritt mit Miles Davis gewesen, berichtete er. In den späten Sechzigern. Man habe die Bühne betreten, und er sei schon unterwegs zum Flügel gewesen, als der Meister schroff auf eine Kiste daneben wies und sagte: «Play this.»

Chick Corea gehorchte, wie alle Musiker Miles Davis gehorchten, und wenn er zunächst auch Schwierigkeiten hatte, mit den scheinbaren Verlusten an Ausdrucksmöglichkeiten und Intensität zurechtzukommen, so wurde das Rhodes – neben dem Flügel, neben allerhand Synthesizern wie dem Mini Moog – zu dem Instrument, das sich Chick Corea zu eigen machte, und an dem ihn nach kurzer Zeit ein grosses Publikum erkannte.

Im Jahr 1972 erschien, veröffentlicht vom Münchner Label ECM, ein Album, das die innige Verbindung zwischen Chick Corea und dem Rhodes so herausstellte, dass beim Hören der ersten Takte sofort das Cover der Platte in den Sinn kommt, wie ein Markenzeichen. Auf diesem Umschlag ist eine Möwe zu sehen, wie sie mit weit aufgespannten Flügeln vor einem diffus blauen Hintergrund aus Himmel und Meer dahinschwebt.

Dazu tönen dann die dunklen Glocken, in Gestalt einer schlichten Quinte, die mit der linken Hand erstaunlich lang wiederholt wird, bis dann eine fast überirdisch schöne Melodie einsetzt, in grossen Intervallen und rhythmisch stark akzentuiert, ein wenig brasilianisch, so scheint es, aber dann auch deutlich geprägt durch den Bebop. Im unteren Register bleibt dann eine Art Grundton stehen, ein «G», während das obere sich zu melodischen Freiheiten aufschwingt, bald unterstützt von einer Flöte und dem engelsgleichen Gesang Flora Purims.

Das hässlichste Wort, das es für diese Art von Musik gibt, heisst «Fusion».

«Return to Forever» war der Name dieses Albums (und des ersten Songs). So hiess auch die Band, die dann, in diversen Umbesetzungen, über mehr als vierzig Jahre Bestand hatte. Das zeitlos Zeitgemässe, das diese Musik besitzt, findet sich auch im Namen wieder.

Das hässlichste Wort, das es für diese Art von Musik gibt, heisst «Fusion». Es bezeichnet ein Genre, das aus dem Jazz, vor allem dem Bebop, hervorging, um aus dem Rock nicht nur Kraft, sondern auch Intensität, vielleicht sogar eine neue Art von Spiritualität zu gewinnen. So kam es, dass sich ein hohes Mass an Schnellfingrigkeit und kompositorischer Virtuosität mit scheinbar schlichten Songstrukturen verband. Alles mit dem Ziel einer musikalischen Emanzipation, einem Willen zum Höheren und Besseren, aus der zu jener Zeit eine neue Volksmusik zu entstehen schien.

Corea in einer Aufnahme aus dem Jahr 1993.
Corea in einer Aufnahme aus dem Jahr 1993.
Foto: AP

Den Beleg findet man zum Beispiel in einem Doppelalbum, das «My Spanish Heart» heisst und im Jahr 1976 veröffentlicht wurde. Wenig, was für diese Musik nicht mobilisiert wurde: Chöre, ein klassisch besetztes Orchester, lateinamerikanisches Schlagwerk in grossen Mengen, ein Bläserensemble, ein elektrischer Bass, der zuweilen den Weltuntergang anzukündigen schien, Händeklatschen und ja, sehr viel akustisches Klavier (das Rhodes siedelte bald an den Bühnenrand um).

Chick Corea, im Juni 1941 in der Nähe von Boston geboren, war der Sohn eines Immigranten aus Kalabrien, der zur Trompete und zum Dixieland gefunden hatte, aber dafür sorgte, dass sein Kind eine klassische Ausbildung am Klavier erhielt.

Vermutlich gab es keinen Jazzmusiker, der auch nur annähernd mit so vielen berühmten Kollegen zusammengespielt hat wie Chick Corea.

Das Musikstudium gab er auf, als er in den frühen Sechzigern in New York mit einigen der berühmtesten Jazzmusiker jener Zeit zu spielen begann, mit Herbie Mann oder Stan Getz, bevor er dann zu Miles Davis fand, dessen diverse Ensembles die vornehmste Schule jener neuen Musik bildete, auch weil darin keine Genreregeln mehr galten. Chick Corea ist auf «In A Silent Way» (1969) zu hören, auf «Bitches Brew» (1969) und auf den Livealben jener Jahre.

Danach trat er als Solist auf, mit eigenen Kompositionen. Er bildete mit dem Vibraphonisten Gary Burton eines der erfolgreichsten Duos jener Jahre (noch so ein zeitlos schönes Werk: «Crystal Silence» aus dem Jahr 1973). Er spielte Werke von Béla Bartók an zwei Klavieren (am anderen sass Herbie Hancock). Er ging mit dem Banjospieler Béla Fleck (2007) eine Zusammenarbeit ein, für die er einen seiner zwei Dutzend Grammys bekam, die höchste Auszeichnung, die es in der Musikindustrie gibt. Vermutlich gab es keinen Jazzmusiker, der auch nur annähernd mit so vielen berühmten Kollegen zusammengespielt hat wie Chick Corea.

Bobby McFerrin und Corea beim gemeinsamen Auftritt am Montreux Jazz Festival 2012.
Bobby McFerrin und Corea beim gemeinsamen Auftritt am Montreux Jazz Festival 2012.
Foto: Keystone

Gewiss, es ist leicht, über «Fusion» zu spotten, ebenso wie über einen Pianisten, der auf Plattencovern als «Romantic Warrior» auftrat – Ritterrüstung inklusive – und auf allen Veröffentlichungen seit «To The Stars» dem Scientology-Gründer L. Ron Hubbard dankte (Corea war selbst Mitglied der Sekte). Und doch war dieses Genre eine der produktivsten Spielarten der populären Musik, mit Auswirkungen bis auf den heutigen Tag.

Elemente spanischer Musik erscheinen immer wieder in den Kompositionen Chick Coreas, vielleicht ihrer rhythmischen Vielfalt wegen. Und sie verbinden sich mit einer Harmonik, die man auch aus dem Blues schöpfen kann, vielleicht ihrer Tanzbarkeit wegen. Vielleicht auch, weil sich von dieser Musik aus etliche Übergänge zu lateinamerikanischen Idiomen finden lassen. «Spain» heisst, wenig verwunderlich, die bekannteste Komposition Chick Coreas, und sie beginnt mit einer Anleihe aus dem Adagio des «Concierto de Aranjuez» von Joaquín Rodrigo.

Der Samba spielt in diesem Stück eine grosse Rolle, die Melodie ist auf die schönste Weise vertrackt, und wenn Chick Corea improvisiert, scheint es immer mehr Töne zu geben, als in die Struktur passen. Und am Ende geht die Reihe dennoch auf.

So erfolgreich ist dieses Stück, dass Chick Corea in den Achtzigern begann, es in seine Teile zu zerlegen und anders zusammenzusetzen. Eine Bluegrass-Variante kam dabei heraus, ebenso wie ein Klavierkonzert im traditionellen Sinn, das er im Jahr 2001 mit dem London Philharmonic Orchestra einspielte. Auf den jüngsten Aufnahmen, etwa auf dem Album «Trilogy» aus dem Jahr 2013, klingt das Stück dann so vertraut und frisch, als hätten die schönen Tage von Aranjuez gerade erst begonnen.

Mehr als neunzig Alben sind von Chick Corea eingespielt worden. Über fünfzig Jahre hinweg war dieser Mann fast pausenlos auf Tournee, und nie schien er dabei zu arbeiten.

Manchmal hat das nur noch entfernt mit «Jazz» zu tun, umso mehr aber mit Musik in einem elementaren Sinn.

Am Klavier zu sitzen, am elektrischen wie am «akustischen», schien für ihn so etwas wie Atmen zu sein: etwas, das von allein kam und mit Freude wahrgenommen wurde. Man höre etwa das Album «Orvieto» (2011), das er zusammen mit dem Pianisten Stefano Bollani aufnahm: Man muss schon sehr genau hinhören, um die beiden Musiker zu unterscheiden, den amerikanischen an seiner Neigung zum Pointillismus, den italienischen wohl an seinem weicheren Anschlag. Gemein ist ihnen das Vergnügen am Ineinanderspielen, gern bei hohen Geschwindigkeiten und unter Verwendung eher unerwarteter Akkorde. Was die beiden auf dieser Aufnahme machen, von Fats Wallers «Jitterbug Waltz» bis zur atonalen Musik, mit einigen Umwegen über den Rumba wie über die klassische Avantgarde, hat nur noch entfernt etwas mit «Jazz» zu tun, umso mehr aber mit Musik in einem elementaren Sinn.

Diesem Virtuosenstück, oder besser: den vielen Virtuosenstücken, die Chick Corea eingespielt hat, steht ein anderes Album entgegen: die «Children's Songs» aus dem Jahr 1984, eine Folge von 21 Miniaturen, in denen es hauptsächlich um Melodien geht, weniger um musikalische Entwicklungen.

Die linke Hand spielt wieder Ostinati, die rechte erhebt sich wieder zu kühnen Auf- und Abschwüngen, und wie krumm die Takte sind, erschliesst sich erst beim wiederholten Hören. Die Komplexität der Stücke, die nach dem Vorbild von Bartóks «Mikrokosmos» geformt sind, nimmt in ihrer Folge zu. Vielleicht sollte man deshalb, zum Abschied, die kleinen Werke in umgekehrter Reihenfolge abspielen, das letzte Stück zuerst und das erste zuletzt.

Spätestens bei «No. 3» wird man sich an eine Möwe erinnern, die mit ausgebreiteten Schwingen vor einem diffus blauen Hintergrund aus Himmel und Meer vorbeischwebt: Am Dienstag dieser Woche ist der Pianist Chick Corea, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 79 Jahren gestorben.

2 Kommentare
    Daniel Wismer

    Im März 2020 war ein Konzert in Zug vorgesehen, das leider abgesagt werden musste, da Menschenansammlungen nicht mehr erlaubt waren.

    So war es mir vergönnt, diesen Meister live erleben zu dürfen; es bleibt das immense Werk auf CD.