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Corona-Zahlen in LuxemburgZu früh gelockert?

Weil Luxemburg am Beginn einer zweiten Corona-Welle steht, warnen die Schweiz und andere vor Reisen in das Land. Es gibt Kritik, die Regierung habe die Schutzmassnahmen zu schnell aufgegeben.

«Besorgniserregend, aber nicht schockierend»: Premier Xavier Bettel über die steigenden Infektsionszahlen in Luxemburg.
«Besorgniserregend, aber nicht schockierend»: Premier Xavier Bettel über die steigenden Infektsionszahlen in Luxemburg.
Foto: Francisco Seco (Reuters)

In vieler Hinsicht gilt Luxemburg als europäisches Vorzeigeland: wohlhabend, beeindruckend vielsprachig, mobil. Der Kleinstaat profitiert von seiner Offenheit und den vielen Menschen, die als Pendler und Touristen ein-, aus- und durchreisen. Umso härter traf es das Grossherzogtum, als zu Beginn der Pandemie reihum die Nachbarn ihre Grenzen schlossen. Man fühlte sich grundlos schlecht behandelt, die Regierung protestierte scharf.

Dieses Problem ist gelöst, doch nun wächst die Sorge abermals: Dänemark, Litauen, Belgien und Deutschland haben Luxemburg auf die Liste von Risikoländern gesetzt, die Schweiz wird das voraussichtlich am Mittwoch tun. Wer ab dann aus Luxemburg in die Schweiz einreist, muss sich für zehn Tage in Quarantäne begeben und sich zudem innert zwei Tagen nach der Ankunft bei den kantonalen Behörden melden.

Ansteckungskurve mit «exponentiellem Anwachsen»

Grund sind die Ansteckungszahlen, die inzwischen klar über dem in der Schweiz geltenden Grenzwert von 60 Neuansteckungen je 100’000 Einwohnern binnen zwei Wochen liegen. Mehr als 600 Menschen sind aktuell infiziert. Waren es noch Mitte Juni weniger als zehn neue Fälle pro Tag, ist die Zahl inzwischen auf etwa 100 gestiegen.

In einem aktuellen Papier der Covid-19-Taskforce wird die Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt, für die vergangenen vier Wochen durchgehend auf den kritischen Wert von über eins geschätzt. Der Verlauf der Ansteckungskurve entspreche «einem exponentiellen Anwachsen, das man zum Beginn einer zweiten Welle erwarten kann».

Regierung erklärt Anstieg mit Massentests

Hat man im Ausland überreagiert? Premier Xavier Bettel nennt das «besorgniserregend, aber nicht schockierend». Die Zahlen liessen sich nicht wegdiskutieren, doch hätten sie in hohem Masse mit der Strategie der Massentests zu tun, auf die die Regierung setzt. Etwa 300’000 Menschen, fast jeder zweite Einwohner, ist getestet worden, ein Spitzenwert in Europa.

Dadurch habe man, anders als andere, einen «detaillierten Überblick über das Infektionsgeschehen im Land», betont Gesundheitsministerin Paulette Lenert, zumal auch Grenzgänger getestet und eingerechnet würden, die Ansteckungsrate aber nur auf der Basis der Einheimischen ermittelt werde. Es sei nicht gelungen, diese «besondere Luxemburger Situation» im Ausland zu erläutern. Das will Bettels Kabinett nun schnell nachholen. Und Pendler werden nicht mehr mitgezählt.

Hat «das Ausland» also wieder überreagiert? Das intensive Testen erklärt nicht alles. 85 Prozent der Positiven haben sich wegen Symptomen testen lassen, wären also auch ohne «large scale testing» entdeckt worden. Und nur ein Fünftel der Infizierten wohnt ausserhalb des Landes.

Privatpartys sollen wieder beschränkt werden

Luxemburger Medien haben die Regierung für das Vorgehen in der ersten Phase der Pandemie gelobt. Die Massnahmen, inklusive Maskenpflicht im öffentlichen Raum und Verkehr, griffen. Allerdings seien sie relativ früh gelockert worden, vielleicht zu früh.

Schnell waren private Feiern mit sechs Personen wieder erlaubt, längst sind alle Einschränkungen aufgehoben. Vor allem jüngere Menschen haben sich danach offenbar verstärkt angesteckt. Ministerin Lenert bestätigt, die Massnahmen seien im EU-Vergleich locker, man setze auf Eigenverantwortung. Privatpartys sollen nun aber wieder auf 20 Teilnehmer beschränkt werden.

Die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit gilt immer noch: Passanten im Zentrum von Luxemburg.
Die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit gilt immer noch: Passanten im Zentrum von Luxemburg.
Foto: Julien Warnand (Keystone)

Es sei Zeit zu handeln, mahnt Tourismus-Minister Lex Delles, «jede Stunde» zähle. «Jeden Tag hagelt es Hunderte Absagen in den Hotels», klagt François Koepp vom Hotel- und Gaststättenverband. Das wichtigste Ziel lautet, Grenzschliessungen zu vermeiden. Mit ihnen ist vorerst wohl nicht zu rechnen, denn die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, etwa bei der Nachverfolgung, klappt nun viel besser.

25 Kommentare
    Hänsle Fisch

    Man soll nicht mit dem Finger auf Andere zeigen. Wir haben auch fast konstant über 100 Neuinfektionen pro Tag und einen R-Wert der über 1 liegt. Zudem eine unglaublich ignorante und vernunftsresistente Bevölkerung, das Riesendrama wenn es nur um Masken geht. Mit Quarantäneempfehlungen kommen wir nicht weiter!