Zum Hauptinhalt springen

Interview mit Sinti-Geiger«‹Zigeuner› ist die richtige Bezeichnung für mich»

Markus Reinhardt, Grossneffe des Jazzgitarristen Django Reinhardt, spielt in Zürich. Mit uns hat er über seine Familiengeschichte und Rassismus gesprochen. Und hat uns einige Worte Romanes beigebracht.

Markus Reinhardt steht auf der Bühne, seit er sechs Jahre alt ist. Noten zu lesen, lernte er aber erst als Erwachsener.
Markus Reinhardt steht auf der Bühne, seit er sechs Jahre alt ist. Noten zu lesen, lernte er aber erst als Erwachsener.
Foto: PD

Sie kommen gerade aus dem Studio. Was haben Sie aufgenommen?

Hintergrundmusik für ein Hörspiel des Westdeutschen Rundfunks. Wegen Corona musste ich viele Konzerte absagen. Da kam dieses Projekt ganz gelegen. Ich brauche dafür nicht zu reisen und habe normale Arbeitszeiten.

Stimmt es, dass in Ihrem Viertel in Köln, wo viele Sinti wohnen, die Hälfte der Leute weint, wenn der FC Köln verliert.

In der Tat! Die meisten Kölner Zigeuner, auch ich, identifizieren sich stark mit der Stadt, mit Deutschland überhaupt – weil sie Deutsche sind. Es ist auch wissenschaftlich belegt, dass wir seit 600 Jahren hier leben. Gleichzeitig haben wir unsere eigenständige Kultur und Sprache.

In der Schweiz diskutieren wir seit Monaten über politisch korrekte Begriffe. Nun nennen Sie sich Zigeuner. Wieso?

Weil es die richtige Bezeichnung für mich ist. Ich möchte so genannt werden. Es gibt viel mehr Stämme als nur die Sinti und die Roma – wo bleiben die Kalderasch, die Manouche? Zigeuner ist für mich ein Überbegriff für alle. Auch ändert man bestimmte Dinge nicht, wenn man nur den Namen ändert. In Österreich habe ich ein Plakat gesehen: Sinti und Roma raus.

Andere wollen explizit «Roma» genannt werden. Können Sie das verstehen?

Natürlich. Der Begriff «Zigeuner» wurde ja gerade in der Nazizeit negativ besetzt.

Damals kamen Angehörige Ihrer Familie ums Leben.

Ja. Die Familie meines Grossvaters wurde nach Auschwitz deportiert. Dort sagt mein Opa: «Egal, wie es ausgeht, wir treffen uns danach in Köln.» Sechs seiner zwölf Kinder wurden ermordet. Die anderen trafen er und meine Oma tatsächlich in Köln wieder. Ihren Fussmarsch von Auschwitz bis in die Stadt habe ich mit dem NS-Dokumentationszentrum in Köln aufgearbeitet. Eigentlich wollte ich ihren Weg dieses Jahr rückwärts zurücklegen, mit einem traditionellen Zigeunerwagen.

Aber dann kam Corona.

Leider. Stattdessen haben wir die geplanten Gespräche mit Zeitzeugen, die unterwegs hätten stattfinden sollen, auf Video aufgenommen. Denn wer weiss, wie viele noch am Leben sein werden, wenn wir die Reise durchführen können. Bis dahin ist der Wagen eine Begegnungsstätte. Das Projekt soll nicht anklagen, sondern Vorurteile abbauen und versöhnen. Unsere Geschichte geht alle etwas an. Wir wollen vermitteln, dass Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft hätten ausgerottet werden sollen.

Am diesjährigen Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma sagte Romani Rose vom Zentralrat der Sinti und Roma, dass der Antiziganismus immer gewalttätiger werde. Sind Sie besorgt?

Ich bin anders besorgt als unsere Alten, die selbst im Konzentrationslager waren. Sie sagen: Genau so hat das bei uns auch angefangen. Aber natürlich muss man genau hinschauen und so früh wie möglich dagegenhalten – zusammen, nicht nur wir Zigeuner. Dafür braucht es aber auch Mut.

Haben alle diesen Mut?

Unter den Alten gibt es viele, die bis heute grosse Angst haben, sich zu zeigen, zu äussern, politisch zu engagieren. Sie sagen mir bis heute: Pass auf, sag nicht zu viel, das könnte gefährlich sein für dich. Gerade angesichts des Aufstiegs der AfD darf man diese Besorgnis auch nicht einfach wegreden. Aber ich möchte mich auch nicht zurückhalten lassen. Gerade das Projekt mit dem Zigeunerwagen ist ein Zeichen dafür, dass wir uns öffnen gegen aussen und von uns erzählen. Das baut Vorurteile und Ängste ab. Und die junge Generation, meine Kinder, gehen nochmals anders mit ihrer Identität um.

Wie?

Sie sind selbstbewusster. Ihre Ausgangslage war auch eine andere. Sie sind komplett integriert in das deutsche System, können alle lesen und schreiben; sie arbeiten.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Im Wohnwagen auf einem Standplatz in Köln. Dort wohnten etwas über 200 Personen, mehrheitlich aus zwei grossen Familien. Da wurde viel Tradition überliefert: die Sprache, Romanes, die wir bis heute in unseren Familien sprechen. Werte, Gastfreundschaft und Familienzusammenhalt. Das Gemeinschaftsgefühl ist bei uns bis heute sehr stark ausgeprägt, und ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass beides auch für andere ein Vorbild sein könnte. Wir kümmern uns sehr umeinander.

Wie wichtig war oder ist die Musik in Ihrer Kultur?

Sehr wichtig. Musik hiess und heisst auch Überleben. Sie war ein Weg, in die «andere» Gesellschaft reinzukommen und somit dort auch was sagen zu können.

Sie sind Geiger. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe Musik gelernt, wie andere reden lernen. Du guckst dir bei den Alten ab, wie sie spielen. Anfangs klappt das natürlich nicht. Aber die Alten dulden das und haben grosses Vertrauen, dass du das packst. Irgendwann tönte es wie bei ihnen. Lange konnte ich allerdings keine einzige Note lesen.

Mussten Sie das später lernen?

Ja, als ich merkte, dass ich das können muss, wenn ich als Musiker arbeiten möchte. Ich begriff: Durch Noten kann ich die Musik anderer sehen, ich konnte Aufträge entgegennehmen, die Musik anderer spielen. Fünf Jahre lang nahm ich dafür Unterricht bei einem Geigenlehrer. Mein Vater tobte, meine ganze Verwandtschaft schimpfte: So könne man doch keine Musik machen. Aber ich habe mich durchgesetzt, auch wenn es oft ein Kampf gegen die eigene Familie war. Sie hatten Angst, dass ich mich dadurch von ihnen entferne.

Haben Sie die Balance gefunden?

Nicht nur das; ich kann die Tradition dadurch sogar noch stärken. Ich kann unsere traditionellen Lieder nun aufschreiben, damit sie nicht vergessen gehen. Viel unserer Kultur ging wegen unserer Verfolgung durch die Nazis verloren. Sie töteten unsere Alten, die für uns wie Bücher sind. Sie überliefern uns Geschichten und eben auch Lieder. Sie waren umso wichtiger, weil vieles unserer Kultur früher nicht verschriftlicht wurde.

Lernen Sie mit Markus Reinhardt ein paar Wörter Romanes. Unsere Kulturredaktorin hat es am Telefon ausprobiert.

Unvergessen bleibt Ihr Grossonkel, der weltberühmte Jazzgitarrist Django Reinhardt. Wie hat er Sie geprägt?

Ich bin mit seiner Musik aufgewacht und eingeschlafen, hörte mir all die Aufnahmen an, hörte seine Musik, wie sie mein Vater und Onkel spielten. Er war auch ein Vorbild. Wenn jemand Jazzgitarrist werden möchte, kommt er nicht an Django vorbei. Das macht mich und unsere Gemeinschaft unheimlich stolz.

Am Samstag spielen Sie in Zürich. Was möchten Sie diesem Auftritt vorausschicken?

Ich möchte, dass die Leserinnen und Leser ohne Vorbehalte auf uns Zigeuner zukommen, uns fragen, wer wir sind. Auch wenn sie Vorurteile haben, ist das nicht schlimm. Man muss einfach bereit sein, sie abzubauen. Bei Konzerten möchte ich den Leuten das Gefühl vermitteln, dass wir gar nicht so anders sind als sie. Auch wir haben Ängste. Bei uns ist nicht einfach lustiges Zigeunerleben, frei sein, keine Steuern zahlen. Das ist Blödsinn. Wir sind auch keine Sozialschmarotzer, sondern Teil der Gesellschaft – zu der wir auch viel beitragen. Leider hört man nur von jenen, die negativ auffallen. Durch die Musik habe ich die Chance, gewisse Dinge zu transportieren – Tradition, Kultur, Werte. Liebe, Anerkennung. Wir alle tragen doch den Wunsch danach in uns.