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OlympiaserieBouncen und Smashen mit Yves Haussener

Strand, Sonne und gemütlich ein bisschen Ball spielen. Wer sich Beachvolleyball so vorstellt, irrt gewaltig. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Tokio hat BaZ-Autor Luc Durisch den Selbstversuch mit Yves Haussener gewagt.

Solche Annahme muss man perfekt beherrschen. BaZ-Redaktor Luc Durisch hat allerdings noch Nachholbedarf.
Solche Annahme muss man perfekt beherrschen. BaZ-Redaktor Luc Durisch hat allerdings noch Nachholbedarf.
Foto: Kostas Maros

Der Sand ist überall. Auch am Tag nach meiner Trainingseinheit mit Yves Haussener finde ich die lästigen Körner in meiner Sporttasche, in der Dusche oder in den Kleidern. Sogar in den Ohrmuscheln kommen – trotz mehrmaligem Duschen – noch Sandpartikel zum Vorschein. Dies verwundert nicht, denn schon beim Aufwärmen liege ich im Sand der Beachvolleyballfelder im St. Jakob. Die Stabilisationsübungen, die Haussener «als Zähneputzen für den Körper» bezeichnet, absolvieren wir bereits auf dem Court.

Zeit für Hemmungen, mich in den Sand zu legen, habe ich keine. Doch weil das Wetter mitspielt, kommen bei den Übungen im Sand sowieso eher Strandgefühle auf. Verstärkt werden diese durch den Reggaeton, der aus Hausseners Musikbox tönt. «Früher, als wir noch in Basel trainiert haben, durfte die Musik nicht fehlen. Mittlerweile trainieren wir in Bern. Dort verzichten wir darauf», erklärt der 22-Jährige. Doch wenn er in seiner Heimatstadt auf dem Court steht, werden die Bälle weiterhin mit musikalischer Unterstützung geschlagen.

Die idyllische Stimmung hält leider nur kurz an. Schnell wird klar, dass mir hier eine Trainingseinheit und kein Strandurlaub bevorsteht. Nach dem Zähneputzen für den Körper geht es ans Einspielen. Zuerst passen wir uns locker ein paar Bälle zu, dann folgt Pfeffer und Salz. Eine verbreitete Praxis, wenn es ums Einspielen geht. Dabei greift ein Spieler an, der andere versucht den Angriff abzunehmen und ihn zurück zum Angreifer zu spielen. Dieser passt den Ball so wieder zurück, dass der zu Beginn abnehmende Spieler seinerseits zum Angreifer wird. Dieses Prozedere kann man unendlich so durchspielen. Bei uns klappen die ersten Durchgänge zu meinem Erstaunen fehlerlos. Als Hausseners Schulter aber warm wird und er beginnt, härter zu schlagen, vermag ich seine Angriffe seltener zu kontrollieren.

Das Saisonende

Ich bin froh, als Haussener das Einspielen für beendet erklärt und eine Krafteinheit ankündigt. Diese hat es jedoch in sich. Auf allen Vieren den Ball mit den Händen abwechselnd jonglierend vorwärts ans Netz krabbeln und rückwärts wieder zurück. Natürlich ohne dass die Knie den Boden berühren. Unmöglich! Auch, als ich den Ball mit einer Hand fangen darf, habe ich grösste Mühe, die Strecke zurückzulegen. Neben mir Haussener, der locker drei perfekte Durchgänge vorführt. Der einzige Trost ist, dass auch der Profi am Ende erschöpft wirkt. Er sagt: «Normalerweise würde ich während der Wettkampfphase keine Übungen machen, die derart Energie rauben. Doch mein Partner Quentin Métral wurde positiv auf das Coronavirus getestet, und daher mussten wir die Saison beenden.»

Ein harter Schlag für Haussener. Denn er und Métral hatten zuletzt besser zu ihrem Spiel gefunden und konnten in Sofia sogar ein Turnier gewinnen. Dann aber wurde Haussener’s Partner – ohne Symptome zu haben – positiv getestet, und beide mussten in die Quarantäne. Nach Ablauf der 10-tägigen Isolation wollte das Duo wieder angreifen. Beide wurden in der Schweiz negativ getestet und reisten für ein Turnier nach Holland. Dort bekam Métral aber erneut einen positiven Testbefund. Die Schweizer mussten unverrichteter Dinge wieder zurückkehren. Und weil bei Métral in der Schweiz ein weiteres Mal das Coronavirus nachgewiesen wurde, waren die beiden gezwungen, die Saison abzubrechen. «Nach dem Lockdown und der langen Trainingsphase ohne Wettkämpfe waren wir bereit. Dass wir nun unsere Fortschritte nicht zeigen können, ist extrem bitter», hadert Haussener. Doch weil man vor jedem Turnier einen negativen Test vorweisen muss und das Virus noch wochenlang bei Métral nachweisbar gewesen wäre, blieb nur diese Möglichkeit. Damit verpasste das Duo das letzte internationale Turnier der Saison, die EM vergangene Woche.

Statt in Lettland um den Europameistertitel zu kämpfen, muss Haussener also einem Laien Anschauungsunterricht geben. Als Nächstes steht eine technische Übung an. Der 22-Jährige malt mir drei Kreuze in den Sand, wo ich den Ball idealerweise spielen soll. Das Ziel wäre es, den Ball an jeder Station so zum nächsten Kreuz zu passen, dass der Partner dort angreifen könnte. Haussener gibt mir als Tipp mit auf dem Weg: «Du musst versuchen, mit kleinen Schritten von einem Kreuz zum nächsten zu gelangen. Wie eine Nähmaschine. So kannst du dir die optimale Position unter dem Ball verschaffen.» Klingt machbar, ist es aber nicht. Nur einen sauberen Durchgang bekomme ich hin.

Der Bounce

Nun geht es an den Service und den Smash. Wir machen eine Übung, in der beide Schläge kombiniert werden. Nach dem Anspiel läuft man in die Mitte des Courts, wirft sich einen Ball hoch, spielt ihn vorne ans Netz, passt ihn wieder zurück und legt ihn sich erneut vor und greift an. Am Service schlage ich mich wacker. Doch der zweite Teil der Übung gelingt mir nicht nach Wunsch. Mal für Mal komme ich gar nicht zum Angriff, weil sich zuvor ein technischer Fehler einschleicht. Schade, denn so komme ich kaum zum in meinen Augen einfachsten Teil, dem Smash.

Yves Haussener führt vor, wie ein perfekter Smash aussehen sollte.
Yves Haussener führt vor, wie ein perfekter Smash aussehen sollte.
Foto: Kostas Maros

Wie sehr man sich irren kann, zeigt die nächste Übung. Ich spiele den Ball zu Haussener, er legt ihn mir für den Angriff auf, Smash und Punkt. So die Theorie. Doch ein Angriff ist schwieriger als gedacht. Entweder passt das Timing nicht, ich treffe den Ball nicht ideal oder bleibe am Netz hängen. «Schau, dass du nicht zu früh springst und den Ball mit der offenen Hand triffst», gibt mir der Profi Anweisungen. Tatsächlich schaffe ich es, drei schöne Schläge in Serie auszuführen. Dann ist Haussener dran. Der 22-Jährige vollführt einen schönen Schlag nach dem anderen. Einmal springt der Ball vom Boden sogar so hoch weg, dass er über die Umzäunung fliegt. Das entlockt Haussener ein Lächeln: «Das nennen wir einen Bounce. Wenn jemandem so etwas gelingt, finden das alle toll.»

Als Letztes machen wir etwas für die Kondition. Ich serviere, Haussener steht am Netz. Nachdem ich den Ball geschlagen habe, spielt der Beachvolleyballer mir einen flachen Ball ans Netz, den ich mit einem Sprung knapp über dem Boden annehmen soll. Dies machen wir auf beiden Seiten. Dann darf ich angreifen. Nach nur einem Durchgang spüre ich den Herzschlag im Kopf. Ich bin froh, dass ich nach zwei Runden fertig bin. Doch Haussener hat nicht genug: «Komm, lass uns einen Wettbewerb machen. Wer den Ball von der Grundlinie übers Netz näher an die gegenüberliegende Grundlinie spielt, ohne dass der Ball die Linie überquert, gewinnt.» Haussener beginnt und landet einen passablen Versuch. Mein Ball hingegen bleibt am Netz hängen. Nach einer guten Stunde Training bin ich am Ende.

Selbst in aussichtslosen Situationen kommt Yves Haussener noch an den Ball.
Selbst in aussichtslosen Situationen kommt Yves Haussener noch an den Ball.
Foto: Kostas Maros

Die Selbstreflexion

Auch Haussener bestätigt, dass dies eine harte Einheit war. «Wenn ich sonst alleine trainiere, dauert ein Training meist nur 45 Minuten», sagt der 22-Jährige. Normalerweise sieht der Alltag des Beachvolleyballers in dieser Phase der Saison ohnehin anders aus. Anstatt der in der Vorbereitung üblichen 15–20 Trainingsstunden pro Woche spielt Haussener meist von Donnerstag bis Sonntag Turniere. In den Trainings arbeitet er spielnäher und legt den Fokus auf die Qualität und nicht die Quantität.

Doch Turniere und spielnahe Trainings sind für Haussener seit dem Saisonabbruch Wunschdenken. Anstatt mit seinem Partner trainiert der 22-Jährige in der Off-Season meist alleine. Sogar ohne Trainer. Daher muss sich Haussener selbst korrigieren. Bewusst trainieren nennt er es und führt aus: «Man braucht in den Einzeltrainings zum einen ein Ziel, welches man erreichen will. Zum anderen muss man bei jedem Ball eine klare Idee haben und wissen, was gefehlt hat, wenn er nicht wie geplant kommt. Diese Selbstreflexion macht mir zum Glück keine Mühe.»

Bald kann Haussener aber wenigstens für eine gewisse Zeit wieder mit seinem Partner trainieren. Denn die beiden werden im Herbst die Sportler-RS in Magglingen absolvieren. Neben der militärischen Grundausbildung haben Métral und Haussener Zeit für gemeinsame Trainings. «Dass wir zusammen die Rekrutenschule absolvieren können, ist natürlich ein Vorteil», sagt der 22-Jährige. Ein weiterer Pluspunkt der RS: Man bekommt einen fixen Lohn. Und das ist etwas, was sich jeder Beachvolleyballer wünscht.