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Kolumne von Helmut HubacherWochenschau aus dem Hausarrest

SP-Doyen Helmut Hubacher fällt auf, dass seine Frisur die Form verliert, Roger Köppel das Vertrauen in den Rechtsstaat und Lukas Bärfuss die Fassung.

«Er spielt die Rolle seines Lebens»: Innenminister Alain Berset nach dem Besuch des Corona-Testzentrums in Luzern.
«Er spielt die Rolle seines Lebens»: Innenminister Alain Berset nach dem Besuch des Corona-Testzentrums in Luzern.
Reuters/Arnd Wiegmann

Wenn der Coiffeur noch lange Haarschnittverbot hat, wird es kritisch. Meine Frisur verliert langsam die Form und ähnelt bald einmal einem Krähennest. Beim Ausgehverbot für Senioren muss das nur meine Gret aushalten. Die sieht übrigens oben auch nicht eleganter aus. Von Frisur ist bald keine Rede mehr.

Auf Roger Köppel ist einfach Verlass. Der SVP-Nationalrat und Chefredaktor der «Weltwoche» fährt wieder einmal Geisterbahn. In der Ausgabe vom Donnerstag dieser Woche malt er das Ende der Schweiz, wie sie heute noch ist, an die Wand. Ich zitiere: «Die Sozialisten richten sich auf den ewigen Lockdown ein. Sie wollen die Marktwirtschaft durch eine Staatswirtschaft ersetzen.» Um sicher zu sein, dass ihn auch noch der hinterletzte Depp versteht, doppelt er nach: Die SP wolle die Corona-Krise ausnützen, «um Freiheit und Marktwirtschaft abzuschaffen».

Bei solchem Geschütz musste ich meine Kolumne im letzten Moment umschreiben. Als Erstes möchte ich Roger Köppel versichern, SP-Politiker sind normal wie andere Bürger und keineswegs verrückt geworden. Das bestätigt die NZZ vom 1. April als unverdächtiges, bürgerliches Hoforgan. SP-Bundesrat Alain Berset spiele «die Rolle seines Lebens». Die Zeitung vergleicht ihn mit General Henri Guisan, der im Zweiten Weltkrieg «den Widerstandsgeist von Volk und Armee beseelte, so, wie heute Berset den Durchhaltewillen beschwört»: Das ist ein dickes Kompliment an den SP-Bundesrat.

SP-Politiker sind normal wie andere Bürger und keineswegs verrückt geworden.

Zweitens darf ich Roger Köppel an die Machtstruktur im Bundeshaus erinnern. Nach wie vor haben wir eine bürgerliche Mehrheit – und zwar seit es den Bundesstaat von 1848 gibt. Also seit 172 Jahren. Köppels Angst, die SP werde nach Ende der Corona-Krise die Macht übernehmen, ist unbegründet. Leider, füge ich hinzu.

Drittens begreife ich hingegen Köppel, dass er wenig Vertrauen in diese Rechtsmehrheit hat. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit ein paar Dutzend Ökonomen hat in der Viruskrise grandios versagt. Allen voran Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch mit ihrem Chefökonomen Eric Scheidegger. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga soll verzweifelt ausgerufen haben: «Sie können es einfach nicht.» Departementschef Bundesrat Guy Parmelin musste die Sozialpartner vom Schweizerischen Arbeitgeberverband und vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund zu Hilfe rufen. Die BaZ hat ja berichtet, wie der Chefökonom vom Bund mit seinem Team 15 Milliönchen Franken vorgeschlagen hatte. Das Hilfspaket von 42 Milliarden Franken haben die Sozialpartner geschnürt.

Viertens hat Professor Harald Weizer, Direktor der Stiftung für Zukunftsfähigkeit an der Universität Flensburg, mit einem Vorurteil aufgeräumt. Nämlich: «Das Gerede von der Marktwirtschaft, die es schon richten wird, hat sich erledigt. Nicht nur die Wirtschaft, auch die Wirtschaftswissenschaft liegt im Wachkoma. Sie hat ausser dem Ruf nach dem Staat nichts zu bieten.» («Basler Zeitung», 1.4.2020). Das müsste Köppel mehr beunruhigen als sein SP-Angsttraum.

Themenwechsel. Roche-CEO-Severin Schwan arbeitet viel zu Hause und fliegt nicht mehr in der Welt herum. Videokonferenzen ersetzen die vielen Reisen. «Das wird die Arbeit nachhaltig verändern», ist Schwan überzeugt. Peter Bichsel ist 85 Jahre alt geworden. Er sagt: «Ich mag die Langeweile. Ich kann gut dasitzen und nichts tun und mich daran erfreuen, dass ich lebe.» Dafür kocht der Schriftsteller: «Einige Gerichte bereite ich zu, wie sie meine Mutter gemacht hat. Ich kenne keine Rezepte oder Kochbücher. Aber ich koche gern und ziemlich gut.» («NZZ am Sonntag»).

In Bergamo wütet das Virus am schlimmsten, berichtet die NZZ. Das Lokalblatt «L’Eco di Bergamo» hat jeden Tag um die zehn Seiten Todesanzeigen. Die Toten werden nicht mehr aufgeführt und verabschiedet, wie es Brauch ist. Man erhält eine Schachtel mit der Asche aus dem Krematorium.

Schriftsteller Lukas Bärfuss haut den Bundesrat in die Pfanne: «Die meisten werden nicht an einem Virus aus China sterben, ersticken werden sie an der helvetischen Ausprägung der menschlichen Dummheit.» Nein, auf so viel Arroganz kann Bärfuss nicht stolz sein. Wer überfordert ist, müsste auch schweigen können.

5 Kommentare
    Joerg Bucher

    Dass Peter Bichsel von 'Langeweile' berichtet, ist lustige Ironie. Er kennt sie, die

    Langweil, halt eben nicht ! Wie alle Menschen mit Geist und Gemuet. Auch ausserhalb 'Corona-Zeiten' sehnen diese sich weder nach TV, Laptop und dergleichen. Ein stilles Buch. Die reiche Innenwelt !....