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Sport in der guten StubeWo Tränen fliessen

Der Dokumentarfilm «Diego Maradona» zeigt anschaulich, wie genial Maradona war – auf dem Rasen.

1986: Das Spiel ist aus, Diego Maradona (r.) und seine Argentinier sind Weltmeister.
1986: Das Spiel ist aus, Diego Maradona (r.) und seine Argentinier sind Weltmeister.
Juha Tamminen (Reuters)

Solange der Ball ruht, kann man sich den wirklich wichtigen Fragen zuwenden: Messi oder Maradona? Wer war der grössere Fussballer? Viele, die vorschnell Lionel Messi nennen, haben Diego Armando Maradona gar nicht mehr spielen sehen. Oder nur noch die erschütternden Bilder der letzten WM im Kopf, als ihn die Kameras auf der VIP-Tribüne mit tumbem Ausdruck und zweifelhafter Geste einfingen; statt der Hand Gottes war nur noch dessen Mittelfinger übrig geblieben.

Der Dokumentarfilm «Diego Maradona» des britischen Spezialisten für aufwühlende Lebensgeschichten Asif Kapadia («Senna», «Amy Winehouse») zeigt anschaulich, wie genial Maradona war – auf dem Rasen. «Auf dem Platz wird das Leben unwichtig», sagt der Argentinier. Hier war er ganz bei sich. Unglaublich seine Ballbeherrschung, seine Dribblings, die öffnenden Pässe zu den Mitspielern. Auf dem Platz war er der Chef, der charismatische Leader, der Antreiber, ausserhalb des Rasens hingegen klar überfordert vom Trubel um ihn herum.

Zuneigung und Aufdringlichkeit

Vor allem in Neapel brachen alle Dämme. Nach zwei glücklosen Saisons bei Barcelona hatte er Mitte der Achtzigerjahre zur bis dahin mediokren SSC Napoli gewechselt. «Ich erhoffe mir Ruhe», begründete er seinen Entscheid. Das war reichlich naiv, denn statt Ruhe bekam er die Zuneigung der Neapolitaner, die nach der ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte in penetrante Aufdringlichkeit umschlug.

Maradona, von Haus aus wohlerzogen und den Menschen freundlich zugetan, flüchtete sich in Drogen- und Frauengeschichten und geriet mit seiner engen Bande zur Camorra zusehends auf Abwege. Von Sonntagabend bis Mittwoch schwitzte er in den Nachtclubs, ab Donnerstag im Training, um bis zum Spieltag Drogen und Alkohol loszuwerden.

Der Bruch kam 1990, als er ausgerechnet in Neapel mit Argentinien Italiens Traum vom WM-Titel im eigenen Land platzen liess. Das verziehen ihm die Fans nicht. Maradona musste sich wenig später durch die Hintertür verabschieden. «Als ich kam, waren 85’000 Fans dabei», erinnert er sich, «als ich ging, war ich alleine.»

Dazwischen sind Bilder für die Ewigkeit zu sehen. Maradona 1986 mit dem WM-Pokal, dem Messi weiterhin vergeblich hinterherhechelt. Im Viertelfinal gegen England erzielt die Hand Gottes zuerst das 1:0, wenig später doppelt Maradona mit dem Tor des Jahrhunderts nach, bei dem er auf einer Strecke von 60 Metern das gesamte englische Team ausdribbelt. Im Film überschlägt sich die Stimme des argentinischen Reporters: «Mir kommen die Tränen … lang lebe der Fussball!»

Die BaZ-Serie «Sport in der guten Stube» gibt täglich Tipps für zu Hause, die dabei helfen sollen, die Corona-Zeit halbwegs sportlich zu überbrücken.