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«Ich kann mich nicht mehr hören»

An der Fussball-WM in Südafrika steht Günter Netzer zum letzten Mal als Fussballexperte vor der Kamera des deutschen Fernsehsenders ARD. Für die Zeit danach hat der 65-jährige Deutsche, der in Zürich lebt, keine Pläne.

Gerhard Delling, Günter Netzer. «Die Neckereien mit Delling sind keine Show, wir reden auch im Alltag so.»
Gerhard Delling, Günter Netzer. «Die Neckereien mit Delling sind keine Show, wir reden auch im Alltag so.»
Keystone

Günter Netzer ist bekannt für seine ironischen Sticheleien vor der Kamera, die er ohne grosses Pathos setzt. Sein langjähriger Moderatorenpartner Gerhard Delling hat sich längst daran gewöhnt – und auch der Zuschauer zu Hause vor dem Fernseher. Im direkten Gespräch kommt solch ein fadengrader Konter aber immer noch überraschend. Besonders zu Beginn, wenn am Telefon mit Small Talk das Eis gebrochen werden soll.

Günter Netzer, wie gehts? Günter Netzer: Gut.

Bei uns ist es brutal warm. Jeder kriegt, was ihm zusteht.

Auf der anderen Seite des Hörers ist kein Lachen zu hören. Es ist so wie im Fernsehen, wo man Netzer im «Ersten» auch nie lachen sieht. «Ich fände das vollkommen deplatziert.» Dabei wird die deutsche Fussballlegende, die einst für Borussia Mönchengladbach, Real Madrid und am Karriereende auch für GC (1976–1978) spielte, mit zunehmendem Alter immer lausbubenhafter, wie er findet. Nur der Körper spürt das Alter allmählich. «Ich werde nun bestraft für das, was ich in meinem ersten Leben als Fussballer getan habe.» Beklagen will sich Günter Netzer, der in Zürich lebt, deswegen nicht: «Das ist von mir so akzeptiert.»

Freuen Sie sich auf die WM? Ich freue mich sehr auf Südafrika. Das wird sicherlich eine aussergewöhnliche WM werden. In einer Region, die wir alle nicht so genau kennen. Für viele ist das Neuland, und das macht es hochinteressant.

Waren Sie schon dort? Anderthalb Tage bei der Auslosung. Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass ich während dieser kurzen Zeit irgendetwas gesehen hätte.

Wer wird Weltmeister? Wo Brasilien dabei ist, stellt sich die Frage nach dem Favoriten nicht mehr. Allerdings sind sie nicht der Überfavorit, weil Spanien doch grossartige Leistungen geboten hat, nicht nur während der Euro 2008, sondern auch danach. Da ist nicht viel passiert, was an ihnen zweifeln lassen würde. Spanien hat eine Mannschaft mit aussergewöhnlichen Individualisten, die eine Partie im Alleingang entscheiden können.

Die EM haben die Spanier schon gewonnen, an den Weltmeisterschaften gingen sie jedoch immer leer aus. Kann das eine Rolle spielen im Hinterkopf? Nein. Das sind statistische Spielereien, die hier aber ohne Bedeutung sind. Die Spanier haben eine Generation von Spielern zusammen, die aussergewöhnlich erfolgreich sein kann. Spanien hat die grosse Chance, zum ersten Mal Weltmeister zu werden.

Sie legen sich also auf Brasilien und Spanien fest. Ja, allerdings dürfen wir dieses Mal England nicht vergessen. Anders als in den vergangenen Jahrzehnten haben sie dieses Mal eine realistische Chance auf den Titel. Dies vor allem dank Trainer Fabio Capello, dem ich einmal mehr eine erstklassige Arbeit bescheinigen muss. Er hat eine Gruppe geschaffen, die fest zusammenhält.

Wayne Rooney ist die zentrale Figur der Engländer. Ihn plagten in den vergangenen Wochen immer wieder Verletzungen. Könnte England seinen Ausfall überhaupt verkraften? Ich neige fast immer dazu zu sagen: Ein Spieler macht nicht die ganze Mannschaft aus. Ich sage «fast immer», weil diese Regel manchmal ausser Kraft gesetzt wird. Wenn früher Diego Armando Maradona bei den Argentiniern nicht dabei war, dann waren sie nur noch die Hälfte wert. Bei den Engländern ist es anders. Wayne Rooney hat sich grossartig entwickelt, und natürlich wäre England geschwächt ohne ihn. Aber ich sehe die Mannschaft auch ohne Rooney im Titelrennen, weil Fabio Capello eine funktionierende Mannschaft zusammengeschweisst hat, die jeden Ausfall zu verkraften vermag.

Über Argentinien hört man immer wieder: Der Einzige, der verhindern kann, dass Argentinien Weltmeister wird, heisst Maradona. Das sehe ich nicht so. Sicher hat Maradona als Trainer nicht dieselbe Klasse wie als Spieler. Ich glaube jedoch, dass sich Argentinien so allmählich gefunden hat. Das hat man auch beim 1:0-Sieg gegen Deutschland gesehen.

Sie liefern das nächste Stichwort: Deutschland. Was trauen Sie Joachim Löw und seinem Team zu? Den WM-Titel jedenfalls nicht. Die Deutschen zählen zu den Aussenseitern. Die letzten zwei Jahre waren nicht so toll. Wenn sie wie beim letzten Mal den Halbfinal erreichen, wäre das an dieser WM eine grossartige Leistung.

Und die Schweizer? (lange Pause) Unter Trainer Ottmar Hitzfeld hat sich die Mannschaft nach Anfangsschwierigkeiten gefestigt. Sie sollten Zweite werden in ihrer Gruppe, das traue ich ihnen zu. Sie haben eine Reihe von jungen Leuten, die ihren Weg ohne Zweifel machen werden. Denken Sie nur an Eren Derdiyok oder Diego Benaglio: Der zählt zu den besten Torhütern der Welt.

Sie wurden 1974 selbst Weltmeister. Ihre Erinnerungen an die Heim-WM? Mein Gott, ich betrachte mich nicht als Weltmeister. Das wäre mir ja peinlich. Ich habe nur 20 Minuten gegen die DDR gespielt, und das hat dazu geführt, dass wir 0:1 verloren – Gott sei Dank. Sonst wären wir in eine andere Gruppe gekommen, mit Holland, Brasilien und Argentinien. Da wären wir sofort rausgeflogen. Mein Beitrag war es, dafür zu sorgen, dass wir das erwähnte Spiel verlieren (lacht).

Warum haben Sie sich im WM-Endspiel nicht selber eingewechselt – so wie beim deutschen Pokalfinal 1973, als Sie zwei Minuten später gegen den 1.FC Köln den Siegestreffer für Gladbach erzielten? Das war nicht nötig. Es lief ja gut für Deutschland. Die Holländer haben es verschlafen, den Sack zuzumachen nach dem Führungstreffer. Da brauchte es mich nicht. Sicherheitshalber haben sie mich denn auch auf die Tribüne gesetzt, da hätte ich mich gar nicht selber einwechseln können.

Sie werden an der WM zum letzten Mal mit Gerhard Delling Spiele für die ARD analysieren. Wann haben Sie gemerkt, dass es genug ist? Ich bin ein Mensch, der seine Karriere immer früher beendet hat, als es die anderen wollten. Im Fernsehen ist es höchste Zeit, dass ich aufhöre. Es ist genug. Ich kann mich selbst nicht mehr hören.

Sie kokettieren. Nein, das ist keine Koketterie, das ist die Wahrheit. Ich habe schon so viel über Fussball gesagt, ich kann das nicht alles wiederholen. Da hat es so viel Selbstverständliches darunter, nach über einem Jahrzehnt reicht es. So lange dabei zu sein, entspricht ohnehin nicht meinem Naturell. Für mich stimmt es so, auch wenn das einige bedauern mögen.

Gilt das auch für dieses Interview, dass Sie sich nicht mehr hören können? Nein, natürlich nicht (lacht). Sonst würde ich jede Frage mit einem einzigen Sätzchen beantworten, und dann hätten Sie und Ihre Leser keinen Spass mehr.

Sie haben gesagt, dass einige Ihren Abgang bedauern. Sie wurden jedoch auch kritisiert. Eine Zeitung schrieb, Ihre Neckereien mit Delling seien allmählich ausgelutscht. Das mag man durchaus so sehen. Das hindert mich jedoch nicht daran, das an der WM in Südafrika genau so zu tun. Ich könnte das auch gar nicht ändern. Wissen Sie weshalb? Weil diese Neckereien keine Erfindung sind, es ist keine Show und auch keine Strategie dahinter. Es ist einfach der Ausdruck unserer Unterhaltung. Unsere Kommunikation im Alltag funktioniert genauso. Wir unterhalten uns bei jedem Telefongespräch auf diese Weise. Das haben wir auf die Sendung übertragen. Deshalb haben wir es auch nie verändert.

Die Kritik stört Sie also nicht? Nein. Schon am Anfang haben einige unsere Art der Unterhaltung nicht verstanden. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, dann gefällt man nie allen. Das ist nicht weiter schlimm und macht es gar noch spannender.

Den meisten hat es jedoch gefallen. Sie wurden zusammen mit Gerhard Delling sogar ausgezeichnet: mit dem Adolf-Grimme-Preis oder dem Medienpreis für Sprachkultur. Haben Sie diese Auszeichnungen nicht amüsiert? Warum soll ich darüber gelacht haben?

Weil Sie für so etwas Banales einen Preis erhalten. Sie reden ja nur über Fussball. Da haben Sie recht. Das war tatsächlich aussergewöhnlich, dass wir dafür preisgekrönt wurden. Vermutlich hat der Jury gefallen, dass da Fussball auf eine einfache und verständliche Art vermittelt wurde, die man sonst nicht gewohnt war.

Sie haben in Interviews schon mehrmals gesagt: Ich bin kein Fernsehmann und kein Unterhalter. Da ist sie wieder, die Koketterie. Nein, nein, das ist die pure Wahrheit. Ich würde mich dafür hassen, wenn ich etwas nur aus Showgründen täte, das mir nicht entspricht. Ich bin wirklich kein Fernsehmann, dafür aber authentisch. Ich habe viel Respekt vor diesem Medium. Und ich bin angespannt, weil ich weiss, dass es ein Drahtseilakt ist, was ich tue. Es muss ja alles sitzen, weil jedes Wort gleich auf die Goldwaage gelegt wird.

Was ist das Schwierigste bei einer Fussballanalyse am Fernsehen? In der Kürze der Zeit etwas Vernünftiges zu sagen. Wir veranstalten ja keine Talkshow, sondern es stehen uns nur ein paar Minuten vor, zwischen und nach einer Partie zur Verfügung. Das ist sehr anspruchsvoll. Die Zuschauer wollen keine langen Ausführungen hören, an deren Ende sie gar nicht mehr wissen, was am Anfang gesagt wurde. Das kommt mir entgegen. Ich war nie der grosse, blumige Redner, sondern ziehe kurze, präzise Sätze vor.

Welches Spiel wird Ihnen unvergesslich bleiben? Das Spiel auf Island, als Rudi Völler ausflippte und uns beschimpfte. Damit hatte niemand gerechnet. Wir haben aber souverän und gelassen auf die angespannte Situation reagiert. Für die Zuschauer war es bestimmt sehr unterhaltsam.

Was machen Sie nach der WM, wenn Sie in Rente gehen? Rentner bin ich jetzt schon! Ich habe nie einen Plan gemacht und nie was angestrebt. Ich lasse die Dinge auch in Zukunft auf mich zukommen und strebe sicherlich keine neue Karriere an.

Sie werden es also geniessen. Ja, und rundum zufrieden sein.

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