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Afrika träumt, ein Grosser triumphiert

Mit Südafrika - Mexiko beginnt heute in Johannesburg die WM 2010 – ein Turnier der Hoffnungen, Fragen und Prognosen.

Weltmeisterschaft in Südafrika: Zum ersten Mal rollt heute der Ball.
Weltmeisterschaft in Südafrika: Zum ersten Mal rollt heute der Ball.
Keystone

Im Film «Invictus» sagt Nelson Mandela: Dieses Land dürste nach Erfolg. «Invictus» erzählt die Geschichte von der Rugby-WM 1995 in Südafrika, die Mandela als Chance erkannte, ein zerrissenes Land, Schwarze und Weisse zu einen. Eindringlich vermittelte er dem Rugby-Team die Botschaft, was alles an ihrem Erfolg hänge. Die «Springböcke» schafften es, im Final die grossen Neuseeländer zu besiegen.

Heute, fünfzehn Jahren später, geht es nicht mehr um Rugby, es geht ums ganz Grosse: um die Weltmeisterschaft im Fussball. Und es geht um den grossen Traum Afrikas, endlich einmal dieses Turnier zu gewinnen. Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma sagt es seit der Auslosung im Dezember immer wieder: «Sechs afrikanische Mannschaften sind dabei. Wir sind entschlossen, den Pokal auf diesem Kontinent zu behalten.»

Die Ressourcen zwischen Kap Blanc und dem Kap der Guten Hoffnung, zwischen Tunesien und Südafrika sind für den Fussball immens. Lange schon wird darum der Durchbruch einer afrikanischen Mannschaft an einer WM vorausgesagt. So auch jetzt, wenn Ottmar Hitzfeld einen Vertreter zumindest in den Halbfinals erwartet und dabei an Nigeria, die Elfenbeinküste und Kamerun denkt.

Der Glaube fehlt

Die Frage ist, warum es jetzt auf einmal anders sein soll, anders als die vielen anderen Male, als nur gerade Kamerun 1990 und Senegal 2002 die Viertelfinals erreichten. Reicht das Gefühl, daheim zu sein, einen ganzen Kontinent hinter sich zu spüren? Reicht die laute Magie der Vuvuzelas, die eigenen Spieler stark zu machen? Die Antwort ist von Skepsis geleitet, von der Erfahrung, dass die Afrikaner nicht fähig sind, einen ganzen Monat durchzuhalten, dass sie wohl viel Talent besitzen, aber sich auch gerne selbst im Wege stehen, dass Trainer erst damit fertig werden müssen, sich den Einflussversuchen ihrer Politiker und Funktionäre zu erwehren.

Der Glaube fehlt, dass Südafrika ohne gute Mannschaft, Ghana ohne Essien, die Elfenbeinküste ohne einen fitten Drogba, Nigeria ohne Mikel, Kamerun mit einem Eto’o, der im Nationalteam selten der Eto’o aus dem Klub ist, und Algerien mit seinem reizbaren Temperament der Exploit gelingt. Die Prognose heisst: Afrika wird an seinen starken Gegnern scheitern und spätestens in den Viertelfinals sein letztes Team verlieren.

Das Trio der Favoriten

Um den Titel spielen die Grössen des Fussballs, mit einem Trio im Zentrum: Brasilien, Argentinien und Spanien. Brasilien, fünffacher Weltmeister, redet nicht mehr von Spektakel wie vor vier Jahren, sondern von Seriosität. Carlos Dunga hat die Lehren aus den offenbar vielen lauten Nächten damals während der Vorbereitung in Weggis und dann in Deutschland selbst gezogen und seiner Mannschaft die Ernsthaftigkeit aufgezwungen, für die er einst als Aktiver gestanden hatte. Seine Spieler sind die Dungitas.

Argentinien hat Tevez, Higuain, Aguero, Milito und natürlich Messi – welche Namen, welch Potenzial, welche Auswahl für einen Trainer. Mit diesen Stürmern kann Argentinien den dritten Titel nach 1978 und 1986 gewinnen. Doch kann es das mit diesem Trainer, diesem Diego Maradona, der ausser seinem Namen kein Konzept hat, der unberechenbar ist und ausfällig sein kann, einem Trainer, der sich den Luxus leistet, Inters ChampionsLeague-Sieger Zanetti und Cambiasso nicht aufzubieten? Mit einem anderen Trainer könnte Argentinien gar ein sicherer Tipp sein.

Und da sind die Spanier, natürlich. Niemand kann es sich erlauben, nicht von ihnen zu schwärmen, von «ihrem Jahrhundert-Mittelfeld» (Hitzfeld), von Xavi, Iniesta, Fabregas, Alonso, Silva, Villa, Torres. Die Spanier haben fraglos das Potenzial, um nach der EM zusätzlich die WM zu gewinnen. Und doch wissen auch sie, dass Potenzial allein nichts garantiert. Vor zwei Jahren brauchten selbst sie Glück, um im Viertelfinal das Elfmeterschiessen gegen Italien für sich zu entscheiden. Der Erfolg hänge manchmal an einem seidenen Faden, sagt Deutschlands Trainer Joachim Löw.

Löws gutes Gefühl

Deutschland bildet die zweite Reihe der Anwärter auf den Titel, zusammen mit Holland und England, aber nicht unbedingt mit Titelverteidiger Italien, der sogar im eigenen Land keine grossen Erwartungen weckt. Die Deutschen als klassische Turniermannschaft sind immer ernst zu nehmen, immer bereit, sich in einen solchen Wettbewerb zu beissen. Das gilt auch jetzt, obwohl ihnen mit Michael Ballack ihr Captain und mit René Adler ihre Nummer 1 wegen Verletzungen fehlen. Löw versucht nun aber nicht nur, die Mittel abzurufen, die Deutschland zu einer Macht des Weltfussballs gemacht haben. Er möchte mehr als Kampf und Disziplin sehen, er möchte mit seiner Mannschaft Freude, Leichtigkeit, Gelassenheit vermitteln. Nur gewinnen, damit gewonnen ist – das genügt ihm nicht. Er habe «ein gutes Gefühl», sagt er.

Holland hat offensives Talent wie so oft, aber halten die Nerven? Und wann ist Arjen Robben wieder fit, nachdem er sich verletzt hat? England baut auf Fabio Capello und Wayne Rooney, den kantigen Coach und den bulligen Stürmer. Capello nutzt das Mittel der Einschüchterung, um seine Spieler anzutreiben, Rooney seine Physis und Unerschrockenheit, um den Gegner zu beeindrucken. England hat seine Chance, viel, vielleicht zu viel hängt jedoch von Rooney ab. Das zeigt auch eine Umfrage unter 17 der 20 Trainer der Premier League. Auf die Frage, wer Englands wichtigster Spieler sei, antworteten 100 Prozent: Rooney.

Messi – der Beste?

Ein Aussenseiter, der am 11. Juli triumphieren könnte, ein Dänemark der EM 1992 oder ein Griechenland der EM 2004, ist nicht in Sicht. Viele der 32 Mannschaften müssen sich erst einmal glücklich schätzen, überhaupt dabei zu sein. Viele müssen hoffen, wenigstens einmal die erste Runde zu überstehen. Zu diesem grossen Kreis gehört die Schweiz, für die ein Achtelfinal schon ein grosser Erfolg ist. Wenn sie einmal da seien, sagt Verbandspräsident Peter Gilliéron, dann sei alles möglich. Das sind die Sätze, die für ein kleines Land zu einem solchen Turnier gehören. Aber eine WM ist mehr als Phrasen. Eine WM verlangt nach Qualität. Jene der Schweiz ist begrenzt.

Die Ausnahmespieler sind anderswo zu finden. Englands Klubtrainer sind auch danach befragt worden, wer denn der beste Spieler des Turniers werde. Ihr überragender Tipp heisst Lionel Messi, ausgerechnet der Messi, der für Argentinien und erst recht unter Maradona kaum einmal so spielt wie in Barcelona. Rooney und Portugals Cristiano Ronaldo sind ihre weiteren Kandidaten für eine Ausnahmerolle in den kommenden Wochen. Es gibt aber auch Robinho, von dem in Brasilien gar wahre Wunderdinge erwartet werden, vielleicht Robben, vielleicht Schweinsteiger, vielleicht Milito und ganz sicher die spanische Armada um Xavi.

Die Kälte in den südafrikanischen Winternächten ist nicht angenehm. Mit ihr verbunden ist immerhin die Gewissheit, dass die Hitze nicht alles lähmen wird wie in Mexiko 1970 oder auch in den USA 1994. Hitzfeld geht davon aus, dass der Fussball vom Klima hier nur profitieren kann. Und am Ende gewinnt der Beste.

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