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Warum man den Baukosten für neue AKW nicht trauen kann

Wer sich mit den Kosten neuer Kernkraftwerke beschäftigt, wird ernüchtert. Es gibt viele offene Fragen, weil Weltwirtschaft, Geopolitik und Risiko schwer einschätzbar sind.

Die Auftritte von Manfred Thumann sind stets selbstbewusst. Fragt die Schweizerische Energie-Stiftung an einer Tagung letzte Woche, ob neue Atomkraftwerke in der Schweiz eine «Fehlinstitution oder Goldesel» seien, dann sieht der CEO der Nordostschweizerischen Kraftwerke und Verwaltungsratsmitglied der Axpo zuversichtlich in die Zukunft: Die Gestehungskosten für eine Kilowattstunde Atomstrom werden etwa 6.5 Rappen betragen – ohne den finanziellen Aufwand für das Stromnetz.

Die Stromwirtschaft geht davon aus, dass die Bauzeit für ein neues Kernkraftwerk sechs Jahre beträgt und in 50 Jahren abgeschrieben sein wird. Und der Zinssatz für Fremdkapital, so versichert Thumann, sei grösser als vier Prozent. Im Gegensatz zum EPR-Kernkraftwerk Olkiluoto, das derzeit in Finnland im Bau ist. Die Bayerische Landesbank beispielsweise gewährt für das finnische Projekt einen Kredit zu 2,6 Prozent Zins.

Ungewissheit überall

Was sich so unbestritten anhört, ist allerdings bei Weitem nicht abgestützt. «Zu den Kostendaten eines neuen Kraftwerks sind in der Literatur grosse Bandbreiten zu finden», schreiben die Autoren einer neuen Studie des internationalen Umweltbüros Prognos in Basel. «Es ist derzeit unklar, wie hoch die tatsächlichen Kosten sind, weil in den letzten Jahren nur wenige neue AKW gebaut wurden», sagt Vincent Rits von Prognos.

Diese Ungewissheit ist in verschiedenen Entwicklungen in der Atombranche erkennbar. Deshalb hat der Bund die Prognos beauftragt, die Berechnungen für die Studie «Energieperspektiven Schweiz 2035» aus dem Jahre 2005 zu überprüfen.

Massive Bauverzögerung

So schwankt der Preis für den Brennstoff Uran in jüngster Zeit. Zwischen 1990 und 2003 war der Uraneinkauf noch günstig, da angereichertes Uran aus alten nuklearen Waffenprogrammen angeboten wurde. Deswegen gingen manche unrentable Minen Pleite, und nach Neuen wurde kaum geforscht. Nun versiegt auch die Quelle alter nuklearer Waffen langsam. «Deshalb könnten Uran-Engpässe entstehen», heisst es in der Studie. Mit der Konsequenz: Die Uranpreise steigen vorübergehend an, bis neue Minen bereit sind.

Mehr verunsichert aber der Bau des AKW in Finnland, das etwa dem Typ Kernkraftwerk entspricht, wie es zum Beispiel die Axpo in der Schweiz bauen will. Die Baukosten wurden mit rund 4,5 Milliarden Franken budgetiert, was 3000 Franken pro Kilowatt Leistung entspricht. Die Bauherren müssen nun bereits nach drei Jahren Korrekturen vornehmen: Die Bauzeit wird sich um zwei Jahre verlängern. Diese Verzögerung und der massive Anstieg des Stahlpreises, so rechnen die Ingenieure, verteuert das Projekt um maximal 2,5 Milliarden Franken. Deutliche Budgetüberschreitungen gehören scheinbar zum Geschäft. Verschiedene Studien zeigen: In den USA kamen 75 Reaktoren mehr als dreimal teurer; das tschechische Kernkraftwerk in Temelin kostete mitte der 1980er-Jahre knapp fünfmal mehr als budgetiert.

«Hersteller unterschätzen in der Regel die tatsächlichen Kosten kerntechnischer Anlagen», sagt Wolfgang Irrek vom renommierten Wuppertal Institut für Klima Umwelt und Energie. Die Gründe im Fall des finnischen Kraftwerkes sind bekannt: Es wurde unter anderem zu schwacher Beton für das Fundament verwendet. Der französische Hersteller Areva und die Genehmigungsbehörde hatten unterschiedliche Vorstellungen, wie der Sicherheitsstandard sein sollte. Solche und andere Faktoren sind denn auch dafür verantwortlich, dass die Bandbreite der Baukosten in den zahlreichen Studien beträchtliche Unterschiede aufweisen. Je nachdem, wo die Untersuchung gemacht wird, herrschen zum Beispiel bezüglich Sicherheit andere Voraussetzungen. In der Schweiz würden die Investitionskosten eher im oberen Bereich der Bandbreite sein, weil der Sicherheitsstandard und das Preisniveau im Allgemeinen hoch sei, heisst es in der Prognos-Studie.

Hinzu kommen die grossen Abweichungen in der Schätzung für die spätere Stilllegung, die Nachrüstung und die Entsorgung der hochradioaktiven Abfälle. «Da wissen wir eigentlich nicht, was es kostet», sagt Wolfgang Irrek vom Wuppertaler Institut. Es fehle die Erfahrung.

Der grösste Unsicherheitsfaktor ist jedoch die Einschätzung des Unfallrisikos und der entsprechenden Haftung. Die Prognos-Autoren halten sich hier an den Wert, der im Kernenergiehaftungsgesetz festgelegt ist. Die Stromindustrie haftet bei einem Unfall neuerdings mit bis zu 1,8 Milliarden Franken. «Der Supergau ist bei einem Kernkraftwerk ohnehin nicht zu versichern, sagt Vincent Rits. Entscheidend sei, wie viel die Regierung und die Gesellschaft für das Risiko ausgeben will. Eine Studie für die EU geht davon aus, dass die Stromwirtschaft mit zusätzlichen Kosten von rund 8 Rappen pro Kilowattstunde rechnen müsste, um AKW für den Fall eines Supergaus privat zu versichern.

Auch wenn die Kosteneinschätzungen derart auseinandergehen, in einem Punkt sind sich die Experten auf der Tagung der Schweizerischen Energiestiftung einig: Ob weitere neue Kernkraftwerke in Zukunft entstehen, entscheidet der Kapitalmarkt. Das Bundesamt für Energie geht davon aus, dass die Planungsdauer mit Bewilligungsverfahren und Einsprachen 10 bis 15 Jahre dauern wird. Dazu kommt eine fünfjährige Bauzeit. Das Volk entscheidet voraussichtlich im Jahre 2012 über den Bau eines neuen Atomkraftwerks. Eine neue Anlage wird vermutlich nicht vor 2030 ans Netz gehen. Diese lange Vorlaufzeit sei ein Planungsrisiko, heisst es in der Prognos-Studie. Investoren dürften nur investieren, wenn garantiert ist, dass die Atomkraft trotz erhöhten Investitionskosten auf dem Strommarkt bestehen kann. NOK-CEO Manfred Thumann glaubt an die Einschätzung seiner Branche: «Wir haben genügend Luft, um wirtschaftlich zu bleiben.»

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