So könnten wir zu Kepler-452b reisen

Die Nasa hat den bisher erdähnlichsten Planeten überhaupt gefunden. Nun stellt sich die Frage: Wie kommt man dahin? Ein Blick auf drei Methoden.

Sage und schreibe 28'960'000 Jahre würde die Reise zu Kepler-452b mit aktueller Technologie dauern: Künstlerische Darstellung einer Reise durch ein Wurmloch.

Sage und schreibe 28'960'000 Jahre würde die Reise zu Kepler-452b mit aktueller Technologie dauern: Künstlerische Darstellung einer Reise durch ein Wurmloch.

(Bild: Nasa / Les Bossinas / Wikimedia Commons)

Robin Schwarz@RobinASchwarz

Jedes Mal, wenn Forscher die Entdeckung eines faszinierenden Sterns oder Planeten bekanntgibt, taucht als erstes eine Frage auf: Kommen wir je dahin? Über diese Frage schreibt der legendäre amerikanische Astrophysiker und Moderator Carl Sagan indirekt in seinem Buch «Blauer Punkt im All»: «Ob wir es mögen oder nicht: Für den Moment ist die Erde der Ort, an dem wir auskommen müssen.»

Ein Ausschnitt aus «Blauer Punkt im All», vorgelesen von Carl Sagan, unterlegt mit Musik. (Video: Youtube / Patrick Mylund Nielsen)

Wenn wir mit aktuellen Antrieben zum neu entdeckten Planeten Kepler-452b reisen wollten, bräuchten wir, angenommen wir reisen mit der Geschwindigkeit der New-Horizons-Sonde, die den Pluto passiert hat, ganze 28'960'000 Jahre. Kommen wir je dahin? Vielleicht, aber nicht mit der jetzigen Technik.

Das mag die pragmatischste Antwort sein, doch ist sie kaum befriedigend. Weder für den normalen Bürger noch für Wissenschaftler. Deshalb folgt auf diese Antwort die nächste Frage: Wie kommen wir dahin, sollte es dereinst so weit sein?

Im ersten Moment denken wir alle sofort daran: Lichtgeschwindigkeit. Oder gar Überlichtgeschwindigkeit. Das Problem: Um überhaupt auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen zu können, bräuchte man unendlich viel Energie – und «unendlich» ist dabei wörtlich gemeint. Albert Einstein hat mit seiner speziellen Relativitätstheorie festgestellt: Partikel können sich nicht schneller als das Licht bewegen. Müssen wir unsere Träume vom interstellaren Reisen jetzt endgültig begraben?

Methode 1: Das Wurmloch

Nein, denn es gibt ein Hintertürchen. Was, wenn wir uns selber nicht bewegen müssten, um zu reisen? Das ist – mehr oder weniger – das Prinzip des Wurmlochs. Man stelle sich den Weltraum als Blatt Papier vor. Dieses wird gefaltet und dann durchstochen. Wird das Blatt wieder auseinandergefaltet, befinden sich die beiden Einstichpunkte wieder weit auseinander.

Matthew McConaugheys Charakter in «Interstellar» wird das Wurmloch-Prinzip erklärt. (Gif: Youtube)

Der Physiker Kip Thorne – ein Freund von Carl Sagan und dem berühmten Physiker Stephen Hawking – hat 1988 die Möglichkeit von Wurmlöchern theoretisch bewiesen. Durch seine Arbeit wurde auch der Film «Interstellar» von Christopher Nolan inspiriert, in dem ein Team von Astronauten durch ein Wurmloch reist.

Das Problem:Wurmlöcher sind zwar plausibel, konnten aber noch nicht observiert werden.

Methode 2: Der Warp-Antrieb

Der Warp-Antrieb – übersetzt etwa Verzerrungsantrieb – ist ein theoretisches Modell, das ebenfalls das Überwinden der Lichtgeschwindigkeit möglich machen soll. Popularisiert durch die Science-Fiction-Serie «Star Trek», soll der Antrieb es ermöglichen, den Raum vor dem Raumschiff zu verzerren und so Distanzen zu verkürzen. Diese Idee hat den mexikanischen Physiker Miguel Alcubierre inspiriert.

Sein Modell löst das Problem der Unmöglichkeit der Lichtgeschwindigkeit so, dass das Raumschiff zwar nicht schneller als das Licht fliegt, aber der Raum um das Schiff. Das heisst, das Schiff befände sich in einer Art «Warp-Blase».

Die vertikale Achse zeigt, wie stark sich die Raumzeit expandieren (auf dem Bild der obere Teil) und zusammenziehen würde (der untere Teil). Innerhalb der Blase bleibt die Raumzeit gleich, das Zusammenziehen und Ausdehnen der Blase würde das Schiff vorwärtstreiben.

Die schlechte Nachricht zuerst: «Ein möglicher Warp-Antrieb ist immer noch Spekulation. Es gibt glaubwürdige wissenschaftliche Konzepte, es ist aber zu früh, um zu sagen, ob sie wirklich umsetzbar sind», schreibt die amerikanische Weltraumbehörde Nasa auf ihrer Website. Aber auch: «Zumindest für die nähere Zukunft bleibt das ein Traum.»

Das Problem: Der Alcubierre-Antrieb ist rein theoretisch – die technologischen Möglichkeiten zur Umsetzung fehlen vollständig. Ausser man glaubt David Pares aus Omaha und dem ehemaligen Physikprofessor Jack Kasher von der Universität von Nebraska. Pares behauptet, in seiner Garage einen Warp-Antrieb erfunden zu haben. Kashers Kommentar: «Ich glaube, hier hat er eine Brücke übertreten. Es würde mich nicht wundern, wenn die Nasa da andocken würde.»

Methode 3: Der elektromagnetische Antrieb

Noch ist der Warp-Antrieb ein Traum, postuliert die Nasa. Auf Träume arbeitet man hin: Ein Team von Wissenschaftlern sorgte im Mai für Schlagzeilen, als es eine auf dem elektromagnetischen Antrieb basierende Schubdüse getestet hat – in den Medienwurde aus dem EM-Drive ein Warp-Antrieb. Zwar sind die beiden Antriebe fundamental unterschiedlich, ein elektromagnetischer Antrieb würde die Reisezeiten dennoch dramatisch verkürzen. Dauerte die Reise des Marsrovers Curiosity noch über acht Monate, würde das mit einem EM-Drive noch etwa zwei Monate dauern.

Vakuumierte Testumgebung der neuartigen Schubdüse. (Bild: Nasa Spaceflight)

Das Problem:Die bisherigen Daten zum EM-Drive wurden von der Nasa kritisch bewertet, sie seien noch nicht wirklich «greifbar». Grund für das Tiefstapeln: Würde der Antrieb tatsächlich funktionieren, würde er das dritte newtonsche Gesetz verletzen, eine feste Konstante in der Welt der Naturwissenschaft – solche bahnbrechenden Ergebnisse müssen zuerst doppelt und dreifach nachgeprüft werden.

Und, werden wir je zu Kepler 452b reisen?

Eine Frage, die so abschliessbar nicht beantwortbar ist. Carl Sagan sieht es optimistisch. Es sei nur eine Frage der Zeit: «Wir, die wir nicht einmal unsere eigene Heimat in Ordnung bringen können – werden wir uns ins All wagen? Bis wir bereit dazu sind auch nur die nächsten Planetensysteme zu besiedeln, werden wir uns verändert haben. Der einfache Lauf der Generationen wird uns verändert haben, Notwendigkeit wird uns verändert haben. Wir eine anpassbare Spezies. Nicht wir werden Alpha Centauri und die anderen Sterne in der Nähe erreichen. Es wird eine Spezies sein, die uns sehr ähnlich sein wird. Mit mehr unserer Stärken und weniger unserer Schwächen.»

baz.ch/Newsnet

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