Selbstfahrende Autos als Wettbewerbsnachteil für Städte

Selbstfahrende Autos könnten zu einer Stadtflucht führen. Das Leben auf dem Land wird dann viel attraktiver, weil die grössten Nachteile wegfallen.

Selbstfahrende Autos ermöglichen die Mobilität für alle, jederzeit und überall.

Selbstfahrende Autos ermöglichen die Mobilität für alle, jederzeit und überall.

(Bild: Keystone)

Selbstfahrende Autos werden die Mobilität tief greifend verändern. Das scheint heute so sicher, wie es bei einem Blick in die Zukunft überhaupt sein kann. Weniger klar ist, wie sich die Mobilität verändert. Städtische Verkehrspolitiker hoffen, dass mit autonomen Fahrzeugen der Druck auf die Allmend abnimmt. Weil selbstfahrende Autos mehr geteilt werden, braucht es insgesamt weniger davon. Weniger Autos brauchen weniger Parkplätze, wird immer wieder argumentiert. Das mag sein. Für die Verkehrsplaner in den Städten gibt es aber dennoch keinen Grund zum Jubeln.

Denn die selbstfahrenden Autos könnten für die Städte zu einem massiven Wettbewerbsnachteil werden. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist ganz banal: Der Individualverkehr wird dank der selbstfahrenden Autos nicht abnehmen, wie man vor einigen Jahren etwas naiv noch geglaubt hat. Vielmehr wird das bequeme Angebot dazu führen, dass der Verkehr deutlich zunimmt. Zu diesem Schluss kommen mittlerweile zahlreiche Experten und Studien. Denn: Vom Kind über den Alkoholiker bis hin zum Greis werden plötzlich alle mobil und können jederzeit überall hinfahren. Weil die Mobilität der Zukunft zudem elektrisch ist, wird sie auch kein schlechtes Gewissen wegen des Klimas mehr ausbremsen. Die Folge: Städte, die derzeit alles tun, um Autofahrer zu vertreiben, werden einen Verkehrsinfarkt erleiden. Plötzlich fehlt Strassenkapazität an allen Ecken und Enden.

Städte verlieren ihren Trumpf

Wenn die Städte darauf nicht reagieren, werden sie innert kürzester Zeit zu den Verlierern dieser Entwicklung gehören. Mit den selbstfahrenden Autos verlieren sie nämlich ihren grössten Trumpf: Das ÖV-System, das sternförmig in die Innenstädte führt, ist plötzlich kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Von einem Tag auf den anderen gibt es «öffentliche Verkehrsmittel», die an jeden Ort fahren, an die eine Strasse führt. Und das rund um die Uhr.

Das grösste Hindernis, das viele Städter davon abhält, auf dem Land oder zumindest in der Agglo zu wohnen, ist die Verfügbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln und bequemen Verbindungen. Doch diese Frage stellt sich in Zukunft nicht mehr. Nach einem Kino-, Theater oder Restaurantbesuch wird man auch morgens um drei Uhr noch ohne Probleme nach Hause kommen. Auch Pendeln wird kein Problem sein. Kein Umsteigen, keine Wartezeiten an Bushaltestellen, kein Kuscheln mehr mit schwitzenden Mitpassagieren in Trams und Zügen im Sommer.

Die beste ÖV-Abdeckung ist überall

Stadtbewohner, die im Grunde ohnehin nur verhinderte Landeier sind, die sich nach Ruhe und Natur sehnen, suchen plötzlich ein Häuschen oder eine Wohnung auf dem Land. Dort werden die Bodenpreise explodieren und der Druck auf die Landschaft weiter steigen, während das Wohnen in den Städten kräftig an Attraktivität einbüsst.

Die Unternehmen werden den Pfaden der Menschen folgen. Die besten Lagen für Unterhaltungsangebote sind dann nicht mehr dort, wo bislang die beste ÖV-Abdeckung ist, sondern überall. Einkaufszentren oder grosse Arbeitgeber werden sich dort niederlassen, wo möglichst viele Menschen möglichst staufrei hingelangen können. Das wird in der Region Basel möglicherweise eher in Sissach oder in Kaiseraugst sein als in Basel. Darauf reagieren kann die Politik nur beschränkt. Was passiert, wenn die Mobilität über die Schmerzgrenze verteuert wird, zeigen derzeit die Franzosen eindrücklich. Damit die Städte nicht den Anschluss verpassen, wird ihnen vermutlich nichts anderes übrig bleiben, als die Verkehrskapazitäten zu erhöhen.

Basler Zeitung

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